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Der Israelit · 1897-07-15 · Heft 56 (15.7.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 56 (15.7.1897)
Date
1897-07-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVIII. Jahrgang. Erste Beilage zu M 56 -es „Israelit". Leitend«» Artikel. Plaudereien aus der Sommerfrische. Homburg v. d. H., im Tamus. „Sagen Sie mal, sind Sie der israelitische Zeitungsschreiber?" so rempelte mich dieser Tage ein Fahrradfabrikant an, der aus der Nähe hierhergekommen war, um an den Quellen Homburgs Erholung zu suchen. Vor einigen Jahren hatte er noch eine Agentur von „Zubehörtheilen für Fahrräder" heute hat er durch den Aufschwung, den diese Industrie genommen, eine große Velocipedfabrik, beschäftigt viele hundert Arbeiter, reist in die Sommerfrische und coquettitrt mit seiner Nervosität, feinem übermäßig starken Veschäftigtsein und — mit seiner Frömmigkeit. Obgleich er heute fast nichts mehr thut und seine Frömmigkeit viel aufgeblasener ist als zur Zeit, da die Luftreifen noch nicht existirten, so hört man doch unendlich viel von seiner Arbeit und seinem Judenthum. „Sagen Sie mal", wiederholte er, als er sah, daß ich ihm keine Aufmerksamkeit schenkte, können Sie mir keinen Badeort empfehlen, in dem es weder Telephon, noch Telegraph, noch Eisenbahn gibt und in dem man trotzdem streng rituelle Kost erhalten kann? Hier hat man keine Erholung, den ganzen Tag raffelt das Telephon, wird man mit Depeschen überschüttet, ja bis in den Wald verfolgen mich meine Jungens mit ihren Rädern und verlangen von mir geschäftliche Instructionen, Dispositionsordres und Auskünfte." „Mein Herr", erwiederte ich lächelnd, „es ist mir ein derartiger Ort nicht bekannt; wenn ich aber einen solchen kennen würde, so würde ich ihn Ihnen nicht verrathen, sondern ich würde selbst hingehen, um vor allerhand müßigen Fragestellern geschützt zu sein." „Bravo", sagte ein junger Ruffe, der sich jetzt in unsere Unterhaltung mischte und der den Fabrikanten schon lange auf dem Strich zu haben schien. Indem er theilweise den Eindruck einer Jeschiwah- Bochurs, theilweise den eines Kaufmannes oder eines jungen Studenten machte, konnte ich bis jetzt nicht herausbekommen, welchem Berufe der junge Mann angehörte. „Bravo," sagte er, „er ist aber auch wahr, so viele Vortheile das Velociped auch bieten und so großer Vergnügen es manchem bereiten mag, es besitzt auch viele Nachtheile, wie wir soeben aus dem Munde der Herrn X. gehört haben, ich würde an Ihrer Stelle," wandte er sich an Diesen, „Ihre Fabrik aufgeben, damit Sie in Zukunft nicht bis in den Wald von Ihren Commis verfolgt werden können." Der Fabrikant biß sich auf die Lippen und schwieg; Geistesgegenwart war nicht feine starke Seite. „Wiffen Sie übrigens", fuhr der junge Mann fort, „daß bereits der Dubnoer Maggid das Velociped kannte? Es ist mir gelungen, im städtischen Archiv zu Dubno ein Manuscript zu entdecken, daoffenbar von der Hand des berühmten Rabbi Jakob herrührte, und das ein „Moschelchen" enthält, welches das Velociped zum Gegenstände hat. Der junge Russe, welcher wußte, welche starke Zumuthung er in jüdischen Dingen an die Leichtgläubigkeit seiner deutschen Glau« bensgenoffen stellen durfte, brachte das mit einer Nonchalance zum Ausdruck, als wenn es Thorath-Emeth wäre. Und er hatte sich nicht getäuscht, man glaubte ihm und „Erzählen, erzählen," scholl eS von allen Seiten. Der junge Mann begann: „Von jeher erfreuten sich die Worte des Psalmisten, die da lauten:" na na» nb n c» Hvv n vr.z. „Wenn Gott das Haus nicht baut, vergebens mühen sich die Arbeiter" einer besonderen Kritik und eines herben Spottes von Seiten der Schwachgtäubigen und Atheisten, besonders aber in unserer Zeit, der Zeit der exacten Wiffenschaften will dieser Spott gar kein Ende nehmen. Die Baukunst ist heute so weit vorgeschritten, wir können mit mathematischer Genauigkeit berechnen, welches Maaß von Tragkraft jede Schiene, jeder Stein besitzt, wir können die Leistungsfähigkeit des Bodens auf das Bestimmteste feftstellen u. s. w., so daß es, jo behaupten die Kleingläubigen, eines besonderen Schutzes, einer göttlichen Vorsehung nicht bedarf, um ein Haus sicher und fest hinzustellen; stürzt dennoch, wie es ja heute doch sehr häufig vorkommt, ein Haus ein, so ist eben die Nachlässigkeit und der Jrrthum der Baumeister daran schuld, die, wenn sie sich in Acht genommen hätten, solcher hätten vermeiden können. Die f so sprechen, denen erwiedert, der Dubnoer Maggid: Seht Euch doch einmal eine der neuesten Erfindungen, das Velociped, an. Mit welcher Lust und Freude saust der Radfahrer durch Wald und Feld, aber die Zeit, die für die Zurücklegung der Strecken verwendet wird ist ebenso wie der Aufwand an Kraft und Mühe bei den einzelnen Wanderern gar verschieden. Hieran ist nicht ausschließlich die körperliche Kraft der Fahrer schuld. Der Eine legt mit ungeheurer Schnelligkeit eine große Strecke zurück, es ist ihm selbst wunderbar, daß er nur so kurze Zeit ge-

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