Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 56 (15.7.1897)
- Date
- 1897-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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im AeitttttgSnachrichte« ««d Gorrespondenzen. Deutschland. ** Berlin, im Juli. Eine Angelegenheit, die unserem Jntereffekreise eigentlich fernliegt, die uns aber durch die Prinzipien- und Personenfragen, die diesmal in Betracht kommen, sehr nahe geht, hat vor einigen Tagen die Zeitungen viel beschäftigt, nämlich die Frage der Besetzung des Lehrstuhls für Physiologie an der Berliner Universität, den Du BoyS-Reymond lange Jahre eingenommen hat. Die Vorgänge bei dieser Besetzung sind hinläglich bekannt. Zweimal hat bereits die Fakultät Herrn Profeffor Dr. Hermann Munk, einen der hervorragendsten Vertreter des betreffenden Faches, für diesen Lehrstuhl vorgeschlagen, das zweite Mai sogar primo loco. Beide Male wurde aber mit allen anderen Vorgeschlagenen, nur nicht mit Profeffor Munk, der auch Mitglied der Berliner Akademie der Wiffenschaften ist, unterhandelt. Und als sich sämmtliche Unterhandlungen zerschlugen, wurde die Fakultät zum dritten Male aufgesordert, Namen zu nennen. Der Vorgang gibt zu denken. Es sind auch in den letzten Jahren, obwohl seltener als vorher, Juden zu ordentlichen Profefforen an preußischen Universitäten, wie Kiel, Breslau, Königsberg u. a. ernannt worden. Eine allgemeine Norm scheint also sür diesen Fall nicht zu bestehen. Dagegen aber scheint doch speziell für die Berliner Universität ein Hinderniß obzuwalten, das vielleicht nur das Parlament mit einer dahingehenden Interpellation auszuklären im Stande wäre. An der Berliner Universität haben bis jetzt nur zwei Juden ordentliche Profefforen, und zwar nach heißen Kämpfen, werden können; man braucht nur die Namen dieser beiden Männer, Traube und Goldschmidt, zu nennen, um in ihnen die Erklärung für die Thatsache zu finden, daß es in diesen beiden Fällen doch gelungen, das Hinderniß zu überwinden, welches zur Ernennung oder Beförderung von Juden zu ordentlichen Profefforen der Berliner Universität, die ja als solche durchaus keinen konfessionellen Charakter hat, wie etwa Halle oder Marburg, bisher entgegengeftanden und welches gegenwärtig so stark zu sein scheint, daß man an allen Ecken und Enden einen würdigen Nachfolger des verstorbenen großen Physiologen sucht, während der würdigste so nahe weilt. In einem gewiffen Zusammenhänge mit dem oben Mitgetheilten steht die Auffassung der Schulbehörden auch in dem folgenden seltsamen Falle, den da« „Berliner Tageblatt" mittheilt: Einem jüdischen Schüler russischer Staatsangehörigkeit wurde der Besuch eines bestimmten deutschen Realgymnasiums mit der Begründung von dem Oberpräsidenten v. Goßler verweigert, weil „dar Gymnasium dortselbst schon von einheimischen jüdischen Schülern nicht nur zahlreich besucht, sondern mit diesen Schülern weit über das BevölkerungSverhältniß hinaus besetzt" und die Befürchtung zu erwägen sei, „daß durch den Hinzutritt von jüdischen Schülern anderer Staatsangehörigkeit die Anstalt eine Schädigung erfahren" könne. Zunächst bedarf es der öffentlichen Aufklärung, die eventuell im Abgeordnetenhaus gefordert werden wird, welche Schädigung der Anstalt durch den Hinzutritt eines Schülers gedroht haben würde. Zweitens, warum gerade der Hinzutritt eines jüdischen Schülers diese Schädigung herbeigeführt hätte. Endlich ist es ein ganz neuer, um nicht zu sagen, geradezu wider den Geist des Reichsgesetzes über die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung verstoßender Gesichtspunkt, den der Oberpräsident mit dem Grundsatz aufstellt, daß jüdische Schüler an einer höheren Lehranstalt nur nach Maßgabe des Bevölkerungsverhältniffes zugelassen werden dürften. Uebrigen« ist auch auf jener Anstalt Westpreußens ein Mißverhältniß hinsichtlich der Bevölkerungsziffer thatsächlich gar nicht vorhanden. Wie man uns mittheilt, wird das dortige Gymnasium besucht von 187 evangelischen, 47 katholischen und 39 jüdischen Schülern, darunte 8 auswärtigen Schülern. Das Realgymnasium ist besucht von 37 evangelischen, 4 katholischen, 6 jüdischen und 2 auswärtigen Schülern. Gallingeit, 11. Juli. Ein seltenes Fest war es, das unsere Gemeinde am verfloffenen Mittwoch und Donnerstag beging. Der hiesige Vorschußverein, deffen Mitglieder fast ausschließlich israelitische Ortsbürger sind, sowie deffen Kassier Herr Harburger, Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde, feierten nämlich ihr 25jährigeS Jubiläum, mit welchem Feste der 31. Verbandstag der Oberbadischen WirthschaftSgenoffenschaften verbunden rmrr. Aus allen größeren Orten des badischen Oberlandes strömten Fremde herbei, um dem Verbandstage und der sich daran anschließenden Feier beizuwohnen; sogar die hohe Regierung war durch Herrn Geh. RegierungS-Rath Jung vertreten. Mittwoch Abend 8 Uhr begannen unter dem Vorsitz des Verbandsdir-'ktors die Verhandlungen in dem geräumigen, hübsch decorirten Saale des „Cafä Biedermann." Nachdem Herr Kassier Harburger die Gäste begrüßt hatte und die kurze Tagesordnung erledigt war, folgten die zahlreich erschienenen Genoffenschafter einer Einladung des hiesigen Vereins zu einer gemüthlichen Unterhaltung im CafL Biedermann, wobei die gutgeschulten Männerchöre des jüdischen Gesangvereins besonders lebhaft applaudirt wurden. Donnerstag früh 9 Uhr fand die Hauptversamm-