Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1897)
- Date
- 1897-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVIII. Jahrgang. Erste Beilage ,u M 53 des „Israelis. Leitenver Artikel. Dos Lkgrlffsvkroiögko der IsioMstzki Gemeinde in Sönihsderg. Aus Norddeutschland, 27. Juni. Ein höchst merkwürdiger Bericht ist es, den die jüngsten Nr. oer„KöiiigsbergerLokalblätier" bringen. Wir meinen den Bericht über die Einführung des neuen Rabbiners in Königsberg. Herr Dr. S. der die Begrüßungsrede hielt, äußerte sich unter anderm, als er Menvelsohn ermähnte, folgenderiuaßen: „Die innere Befriedigung, die von ihm ausging, hat nirgends tiefer Wurzel gefaßt, als gerade hier, und das in einem Maße, daß den älteren Königsberger Familien Orthodoxie geradezu ein unbekannter Begriff geworden ist." — Wir konstatiren zunächst, daß der Redner dem Berliner Philosophen ein lehr schlechtes Complinrent gemacht hat. Nur die Angriffe zu entkräften, die die Lehrer des vorigen Jahrhunderts gegen Mendelsohn richteten, hat man sich alle erdenklicke Mühe gegeben, ihn als der strengsten Orthodoxie huldigend, darzustellen und in seinem Thun ließe sich wohl nichts finden, was dem widerspräche. Diesen Glauben zerstört nun Dr. S. mit unbarmherziger Hand, und erklärt kurz und bündig, das vollständige Abhandenkommen der Orthodoxie in Königsberg, selbst bis auf den Begriff davon, fei das Werk M.'s l Da waren doch die alten Rabbiner wahrhafte, in die Zukunft schauende Propheten, die die Folgen dieser Lehren vorausfahen und deßhalb so sehr dagegen eiferten. Und so Unrecht hatten sie wahrlich nicht! Denn man braucht ja nur seine Söhne und Töchter, die theilweise dem Judenthum den Rücken kehrten (heut zu Tage gibt cs keinen ungetausten Sprößling M's. mehr), zu betrachten; ferner seine Schüler, die das Judenthum verachten und zu zerstören trachteten (Dav. Friedländer.) Glänzender halte auch der strengste orthodoxe Jude die Gegner M.'s nicht rechtfertigen können, wie es Dr. S., dem selbst der Begriff der Orthodoxie unbekannt geworden ist, unbewußt gethan hat! — Dafür ist aber auch Königsberg der Geburtsstadt der Reform, Berlin, weit über. Uns wurde erzählt, daß Ende vorigen Jahrhunderts ein jüdischer Verein dort bestanden habe, dessen Statuten das i'bcnsgcgcit, als verpönt bezeichneten. Möglich, daß dieses nur ein schlechter Scherz war, aber si non e vero bene trovato. Aber trotz Königsberg und Dr. S. und wir dennoch keine Pessimisten. Wir glauben, daß das Judenthum*) noch ganz andere Angriffe überstanden, als solche Reden; ja, daß es noch viel gefährlichere weil mit großem jüdischen Wissen ausgerüstete Angriffe überstanden, als solche Reden; ja, daß es noch viel gefährlichere, weil mit großem jüdischen Wissen ausgerüstete Angreifer gehabt hat, als seine heutigen Feinde, die keine blasse Ahnung von diesen Dingen haben. Und dabei fällt uns ein Midrasch ein, der sich beim Königsgesetz findet. Dort wird ein allegorisches Gespräch uns vorgeführt, an dessen Ende es heißt: Tnina rm rm bvz? Ski wiaa nKvi trn Ser.. „Er (bezieht sich aus den König Salomon), wird sterben unb hundert seinesgleichen, aber von meinem Gesetze wird auch nicht ein Buchstabe fortfallen." Gestatten Sie nur noch eine kurze Bemerkung über die Rede des Rabbiners. Da heißt es: „Die alte reine Lehre von Sinai wolle und solle er verkünden, die, in allem 'Wechsel der Zeiten unzerstörbar ist!" Sehr schön gesagt, so schön, daß wir es ohne jeglichen Rückhalt unterschreiben. Aber sehen wir uns doch einmal diese Lehre an! Wir ziehen hier nur den Decalog in Betracht; so lautet das vierte Gebot: „Gedenke des Sabbats ihn zu heiligen! Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten aber sollst du keine Arbeit verrichten u. s. w. Glaubt der Herr Rabbiner, daß eine Gemeinde, welcher der Begriff der Orthodoxie sogar verloren gegangen ist, sich von ihm dies wieder erzählen lasse, um nun danach sich zu richtend Oder ist seine Rede nur eine Sammlung schöner Phrasen, wobei weder der Redner noch die Hörer sich etwas denken? Er behauptet, die Lehre sei im Wechsel der Zeilen unzerstörbar, das heißt doch nichts anders, als die Pflichten, die sie gebietet, die Handlungen, die sie verbietet, sind nicht von der Zeit abhängig, sondern für ewig bindend! Ob wohl die vergeßliche Gemeinde, deren Seelenhirt er geworden, derselben Ueberzeugung ist! Ein wenig möchten wir daran zweifeln. Und so kühn und verwegen können wir uns den Herrn Rabbiner nicht denken, daß es ihm einsallen sollte, seinem Vorgesetzten den traurigen Ruhm, den er für seine Gemeinde in Anspruch genommen, entreißen zu wollen. Aber wenn die geoffenbarte Lehre auch über jedem Wechsel erhaben ist, so sind es doch keinenfalls die Gemeinden. Wer hätte z. B. vor 50 Jahren geglaubt, daß in Frankfurt a. M. eine so blühende orthodoxe Gemeinde wieder erstehen werde, wie es heutzutage der Fall ist? Frankfurt, dessen Vorstand damals zu den wüthensten Verfolgern *) Wir kennen weder ein orthodoxes, noch ein reformirles Judenthum, da es nicht zwei Juden th um er gredt, sondern nur ein Judenthum; allerdings sind wir noch so naiv zu glauben, daß dies bas sogenannte orthodoxe ist.