Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 52 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1019 der Allgütige hören! Wie manches traurige Herz, wiro er trösten, manche, der Verzweiflung nahe Seele austichten müssen, denn Hunger thut weh. Und der israelitische Lehrer ist in den meisten Fällen auf den Hunger-Etal gesetzt; einzelne größere Gemeinden honoriren ihre Lehrer derart, daß ihnen die „Freudigkeit des Schaffens im Berufe" nicht durch die Sorge um das tägliche Brod für sie und die Familre verdrängt wird. Da thut Hilfe noth, und da sich kein Helfer in der Noth finden will, heißt es: „helf yourself,£! Die isr. Lehrer haben denn dieses auch versucht, und es sind in den letzten Jahren Vereinigungen entstanden, welche die Sorge für die „materielle Lage" der Lehrer in den Kreis ihrer Thätigkeit ausgenommen haben. Leider könmn wir all diesen Vereinigungen, so löblich sie auch sind, so freudig ihre Gründung von jedem Lehrerfreund begrüßt wird, keine günstige Prognose stellen. So lange die ihnen zufließenden Mittel aus der Tasche der Lehrer fließen, so lange sind sie Seen zu vergleichen, die aus sog. Hungerbrunnen gespeist werden, und die Jahrhunderte gebrauchen würden, um ihr Ziel zu ert eichen Die aus Lehrerkreisen hervorgegangene „Achawa," der segensreiche Wirksamkeit nicht verkannt werden soll, bietet uns ein eklatantes Beispiel. Wohl vermag diese Kaffe einige Lchrerwittwen- und Waisen zu unterstützen, wohl veriliag sie in einzelnen Fällen der größten, schwersten Noth momentan zu steuern, eine „Hilfe" kann sie nicht bieten, da ihre Mittel nicht ausreichen und sie ihre Wirksamkeit auf die hilfsbedürftigen Mitglieder beschränken muß. Eine eigenthümliche Hilfe bietet auch der D.-J. G -B. in seinem Vertrage mit der „Victoria", Lebensversicherungs-Gesellschaft in Berlin. Mit der Bonification, die diese Gesellschaft dem Bund für jede Versicherung seitens eines BundesmitgliedeS zahlt, hilft der Bund würdigen Lehrern bei der Bezahlung der Prämien für Lebensversicherungen. Ein herrlicher Köder, durch den die Gesellschaft Victoria aber auch nur diese, brillante Geschäfte macht. Die Gesellschaft versichert nämlich nur unzweifelhaft brillante Risiken, d. h. Leute, die kerngesund sind, von gefunden Eltern abstammen und voraussichtlich sehr alt werden. Daß aber nur bester gestellte Collegen eine Versicherung ihres kostbaren Lebens eingehen können, liegt auf der Hand. Der weniger gut honorirte Lehrer, ca. 99 pCt. kann sich nicht versichern, da er auch keinen Pfennig für solche Luxusausgaben erübrigen kann. Von jeher ließen die isr. Lehrer gerne Andere für sich sorgen, ganz entgegen dem Ausspruch unserer Weisin: Wenn ich nicht für mich bin, wer soll denn für mich sein? Es zeigt eur großes Maaß Sorglosigkeit und Vertrauensduselei die Sorge für die Zukunft anderen zu überlasten. Sehe Jeder, wo er bleibe, sehe jeder, was er treibe! Keif yourselk! Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen. Sorge Du nur für die Sekunden, die Minuten und Stunden werden für sich selbst sorgen. Also spricht der Volksmund, sprechen unsere deutschen Ritter vom Geiste, und die jüdische Lehrerwelt hört, sieht und zaudert in dumpfem Schweigen. Wohl haben sich in den verschiedenen Theilen unseres Vaterlandes Lehrer-Vereine gebildet, welche die Interessen des Lehrerstandes verfechten und wahren wollen; ein Theil dieser Vereine haben sich sogar wiederum vereinigt zu einem „Verbände der isr. Lehrer des deutschen Reichs" — aber was erreichen sie? Vor lauter Doziren und Deklamiren kommen diese Vereine zu keiner praktischen Thätigkeit, wenn man nicht das Vertheilen der Reiseunterstützung des D.-J. G.-B. als praktisches Resultat anfehen will. Welch widerliche Scenen sich aber dabei oft abspielen, gehört nicht hierher. Helft Euch selbst! rufen wir deßhalb den isr. Religionslehrern zu. Vor allen Dingen, habet so viel Stolz und Selbstachtung, Euch in kein entwürdigendes Abhängigkeitsverhältniß zu begeben, wo ihr, um Euren Lebensunterhalt zu erwerben, auf Nebenverdienste angewiesen seid. Die Nebenverdienste, das sind die Brodkörbe, die man, um Euch gefügig zu machen, so hoch hängen kann, daß ihr sie niemals erreichen könnt. Nehmet nur solche Stellen an, die mit einem auskömmlichen Gehalt dotirt sind. Was soll man dazu sagen, wenn eine Gemeinde ihren Lehrer mit dreihundert, dreihundert und fünfzig, vierhundert Reichsmark honorirt! Ein Tagelöhner verdient in derselben Gemeinde das Doppelte und Dreifache. Ist eine Gemeinde nicht im Stande einen Lehrer anständig zu honoriren, so ist das sehr bedauerlich, noch viel bedauerlicher aber ist es, daß es isr. Lehrer gibt, die für solch einen Hungerlohn sich sogar zum Hausknecht der Gemeinde und des Vorstandes herabwürdigen. Sie sind die Parias des isr. Lehrerstandes, die ihm wahrlich nicht zur Ehre gereichen. Kein Stand ist in einer so traurige Lage als der Stand der isr. Lehrer. In jeder Hinsicht muffen wir deßhulb von den Collegen fordern, die Würde un« seres Standes zu wahren. Das ist ein Haupterforderniß zur Selbsthilfe. Wenn der isr. Lehrerftand an Achtung gewinnt, wenn die Gemeinden die Würde dieses heiligen Berufs und die Würdigkeit des Lehrers erkennen und die Zukunft desjenigen sicher stellen, der für die Zukunft unseres heiligen Volkes feine Lebens- und Arbeitskraft einsetzt. Hilf Dir selbst, heißt also auch hilf, daß Deine Person die Würde Deines Standes trage. Diese Würde