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Der Israelit · 1897-06-28 · Heft 51 (28.6.1897) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 51 (28.6.1897)
Date
1897-06-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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schuldigungen gegenüber Dr. Ratzing er endlichfeine Taktik des Schweigens aufgeben wird. Aus Bayern. In der Presse wird gegenwärtig ein Ereigniß an der bayr. Universität Erlangen viel besprochen. Prof. Dr. R o s e n 1 h a l soll in seinem Kolleg bei der Vivisektion eines Frosches, bezw. beim Aufspannen dieses Thieres sich geäußert haben, der Frosch sei ebenso aufgespannt, wie es seinerzeit der Stifter der christl. Religion am Kreuze gewesen sei. Mit gutem Grunde mußte ein großer Theil der Hörer in dieser Aeußerung eine Verletzung seiner religiösen Gefühle erblicken. Prof. Rosenthäl mag wohl später selbst zu dieser Einsicht gekommen sein, denn er gab einige Tage später im Kolleg seinem Bedauern Ausdruck, Veranlassung dazu geboten zu haben, daß seine Aeußerung „vor einem, vielleicht auch von mehr als einem seiner Hörer als Verletzung ihrer religiösen Gefühle aufgefaßt" worden sei. Das bayr. Kultusministerium hat sich inzwischen bereits mit der Angelegenheit beschäftigt, einige Blätter berichten sogar schon von der Suspendirung des Dr. Rosenthal. Auch der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat zur Sache Stellung genommen und scharfen Tadel ausgesprochen. Die antisemitischen Wortführer und die antisemitische Presse werden natürlich nicht versäumen aus dem betrübenden Vorkommniß möglichst Kapital zu schlagen. Doch sind wir fest überzeugt, daß der gesunde Sinn der biederen, bayr. Bevölkerung die Verschuldung eines Einzelnen nicht einer Gesammtheit zur Last legen wird, und daß sich unser Bayernland und seine erh. Regierung wie bisher auch fürderhin ablehnend gegen das Eindringen des Antisemitismus, dieser „Schmach unseres Jahrhunderts", verhalten werden. — B. — Alts Bade« Als Seitenstück der vom Herrn Kommerzienrath Engelhorn in Mannheim (Christ) gemachten Stiftung von 50 000 Mk., bei dessen Ertrag auch israelitische Familien zu 20% participieren dürfen, kann ich Ihnen heute von einer anderen Stiftung, einer Zustiftung zu einer bereits bestehenden Seligmann, Julie und Leopold Ladenburg'schen Stiftung, die jetzt über 200 000 Mk. beträgt, berichten. Herr Landtagsabgeordneter und Kommerzienrath Karl Ladenburg in Mannheim (Israelit) machte anläßlich seines am 21. Juni stattgefundenen 70. Geburtstags diese Zustiftung von 50 000 Mk. für alle Confessionen. Dem Jubilar wurden anläßlich dieses Festes zahlreiche, ehrenvolle Ovationen dargebracht. Die Gratulationscour begann schon in den frühen Morgenstunden. Die Glückwünsche der Stadt überbrachte eine aus Herren Oberbürgermeister Beck und mehreren Stadträthen bestehende Deputation, während die national-liberale Partei durch fünf Herren des Vorstandes ein herzlich gehaltenes längeres Gratulations-Schreiben überreichte, in welchem sich folgender Schlußpaffus befindet : „Möge der Gedanke, von schwerer Arbeit auszuruhen, und dem Schaffen für das Gemeinwohl, und der Partei zu entsagen, noch lange Zeit von Ihnen fern bleiben, damit unsere Vaterstadt, unser Heimathland und unsere Partei noch manches Jahr die Freude haben, die Frucht Ihres Wirkens zu genießen." Die Handelskammer ließ den Jubilar durch ihren Vorsitzenden Herrn Geh. Kommerzienrath D i f f e n e beglückwünschen. Weiter sandten Deputationen alle industriellen und commerziellen Etablissements, in deren Vorstand oder Aufsichtsrath Herr Ladenburg sitzt. W. Frankreich. ** Paris, im Juni. Die polnischen Studenten und Studentinnen, die sich in unserer Stadt befinden, sind meist jüdischen Bekenntnisses, — im Ganzen 60 bis 80 — sie gehen gewöhnlich mit den russischen Studenten und Studentinnen um, unter denen die Israeliten ebenfalls stark vertreten sind. Die Studenten sind meist überwiegend arm, aber durchweg fleißig; sie verrichten oft Handarbeiten, um sich das Allernothwendigste zu verdienen. Von den meisten kann man sagen, daß sie im Elend leben, aber muthig aushalten, sich mit wenigem, oft der geringsten Nahrung begnügen. Sie stützen einander gegenseitig. Von der Polizei werden sie scharf im Auge behalten, obwohl nichts Wesenliches gegen sie vorliegt. Auf Betreiben der russischen Botschaft waren die Behörden vor acht bis zehn Jahren, anläßlich eines Mordanschlages auf den Zaren und dann wegen der Ermordung des russischen Generals Silverstorp in einem Pariser Gasthof, sehr nachdrücklich gegen russische und polnische Studenten und Studentinnen vorgegangen. Trotz aller Anstrengungen, trotz zahlreicher Verhaftungen und Haussuchungen hat aber keine einzige Verurtheilung ausgesprochen werden können. Dafür wurden sieben oder acht ausgewiesen. Seitdem nehmen sich diese Leutchen noch mehr in Acht, um nicht mit der Polizei zusammenzustoßen. Die reichen polnischen und russischen Israeliten (z. B Günzburg) sind meist schon lange hier ansässig und französirt. Einige Tausend dieser Juden sind bei der letzten russischen Verfolgung hierher gekommen und wohnen in zwei ganz entgegengesetzten neuen Vierteln: in Elignaucourt jenseits des Montmatre und im Viertel la Glaciöre auf dem linken Ufer, ebenfalls nahe dem Wallgraben. Sie sind meist Handwerker, fertigen namentlich Mützen, Halsbinden u. s. w. aus altem Zeug und Stoffresten, oder sind Kleinhändler. Von Politik und Gefährlichkeit ist bei ihnen erst recht keine Spur zu finden.

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