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Der Israelit · 1897-06-28 · Heft 51 (28.6.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 51 (28.6.1897)
Date
1897-06-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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986 Polizei existirt, und die Leute konnten thun und lassen, was sie wollten. Sie rauften bis in die späte Nacht, zahlten wie sie Lust hatten, zertrümmerten die Scheiben und mißhandelten die Juden, wenn es ihnen gerade einfiel. Infolge dessen wagten nur die waghalsigsten Juden, Schnaps auszuschänken. Trotzdem, daß die Zahl der Grubenarbeiter 4000 beträgt, giebt eS in Schodnica nur fünf Schänken, die Propination inbegriffen. Als die Ausschreitungen immer mehr überhand nahmen, sah sich die Bezirkshauptmannschaft bemüßigt, eine Sicherheitswache zu etabliren. Die requirirte Polizei entfaltete eine energische Thätigkeit und die Schanklokale mußten um 9 Uhr Abends geschloffen werden. Zwischen den Masuren und der Wachmannschaft kam es oft zu Zusammenstößen und Arretirungen von Arbeitern waren an der Tagesordnung. Da sich die Zustände immer mehr zuspitzten wurde auch von der nächsten Gendarmerie-Station für die Sonn- und Feiertage nach Schodnica ein Gendarm delegirt. Das brachte die Arbeiter in Wuth. Sie erblickten in dieser Maßregel, wie auch in dem Verbote, einen Stock zu tragen, der Provocation der „ihrigen,, und und eine Protegirung der Juden. Und diese mußten auch das Bad ausgießen. Sie suchten mit den Juden Händel, wollten nach der polizeilichen Sperrstunde die Schnapsbudicken nicht verlassen und tranken, ohne zahlen zu wollen. Manchmal verlangten sie mitten in der Nacht, daß man ihnen das Local öffne, und als ihrem Verlangen keine Folge geleistet wurde, schlugen sie die Scheiben ein. „Wir müssen die Juden mores lehren, wir wollen sehen, wer stärker ist, wir oder die Gendarmerie," solche Drohungen schwirrten durch die Luft. Die Seelen dieser Unruheftistung waren zwei Brüder Kedulski, die bereits wegen schweren Körperverletzungen Kerkerstrafen abgebüßt hatten. Unter solchen Verhältnissen kam die Zeit der Urwahlen fürs Parlament. Die Juden gehörten zur Regierungspartei, die Arbeiter verlangten, daß man ihnen zwei Urwähler einräume. Sie fielen aber bei der Abstimmung durch und der Ortspfarrer, zwei Bauern, ein Beamter der Naphtagruben-Actiengesellfchaft und ein Jude gingen aus der Urne als Urwähler hervor. Das schlug dem Fasse den Boden aus. Zum bisherigen Haffe gesellte sich noch eine politische Erbitterung und ein Zusammenstoß lag förmlich in der Lust. Noch am 27. Mai tarn es zu einem Rencontre. Die Arbeiter affektirten die Polizeiorgane und beschimpften sie; am selben Tage wurde ein 90jähriger jüdischer Greis gemißhandelt, in eine Kothlache geschleudert und der Grubenbesitzer Zdanowier von einer Schaar seiner Beamten umgeben, schaute schadenfroh auf die Mißhandlung eines ohnmächtigen Greises. Diese Herrschaften haben auch nach übereinstimmender Aussage in der Schodnicaer-Affaire eine elende Rolle gespielt, indem sie die Arbeiter nicht nur nicht beruhigten, was doch in ihrer Macht gelegen wäre, sondern sie geradezu noch aushetzten und aufwiegelten. Die Juden in Schodnica weisen auf Herrn Perkino, den Compagnon der Firma Perkino, Mackeutosch u. Comp., als auf einen der Urheber des Unglückes. Am selben Tage überfielen die Arbeiter den Fleischhauer Freudentheim, d.n sie mißhandelten und aus dem Wagen warfen. Der ohnmächtige Freudentheim wurde nach der Fleischhalle getragen und seine Zunftgenossen rächten ihn an einem seiner Angreifer. Das war die erste und letzte That jüdischer Selbsthilfe, denn die Masuren hatten den Juden solch einen Schrecken eingejagt, daß diese beim leisesten Geräusch, in Kellern und Böden eine Zuflucht suchten. Die Fleischer mußten aber ihre Heldenthat schwer büßen, denn die Arbeiter überfielen die Fleischläden, mißhandelten die Metzger und seit diesem Tage war alles auf Kriegsfuß. Die Arbeiter hielten förmliche Uebungen ab und bereiteten sich zum Kampfe vor. Am 6. Juni, Abends, als die Juden infolge des Feiertages in der Synagoge weilten, überfiel ein Haufe das Haus des Mordche Gartenberg und die Maschinenniederlage von Wagmann u. Eifermann, schlugen die Fenster ein und wollten plündern, ihr Vorhaben wurde aber noch rechtzeitig von der Polizei und Gendarmerie vereitelt, wobei zwei Arretirungen vorgenomnren wurden. Tags darauf, am zweiten Pfingsttage, begann um 4 Uhr Nachmittags die „Haupthetze". Der Anfang wurde mit dem Schenker Jonas Oher gemacht. Er wurde arg durchgeprügelt und fein Wirthshaus demolirt. Josef Kekulski, der noch in der Frühe einem Polizeimann gedroht halte, er werde heute todtgefchlagen werden, war hier der Rädelsführer. Hier befanden sich auch zwei Arbeiter, die schon durch zwei Tage sich Ausschreitungen in der Propination, wo sie die Scheibeneinschlugen und den Kellner verwundeten, zu Schulden kommen ließen. Auf die Kunde, daß die Gendarmerie herannahe, begab sich Kekulski an der Spitze seiner Phalanx nach dem Hauptkampfplatze, zur Propination, wo sich bereits die Hauptstreitmacht, ca. 2000 Leute versammelt hatten. Hier stürmte K. die geschloffenen Thüren der Propination, während andere versuchten durch die Fenster einzudringen. Hier wurde ein Excedent von der Polizei verhaftet, und unter dem Anstürme seiner Genossen, die ihn befreien wollten, aufs Gemeindeamt eskortirt. Inzwischen kamen die beiden Gendarmen Knczera und Gotfrelo, herbeigeeilt. Zwischen Kekulski, der die Thüre der Propination aushob, und dem Postenführer Knczera, der ihn arretirte, kam es zu einer Schlägerei, in welche

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