Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1897)
- Date
- 1897-06-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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rr?7» ^IlWIP^P.l'-^ir JrJ L-’-^,IJ'1 A' t '- ,- ■. , 979 „Eine Schickung Gottes, Dina! Eine Rettung, wie Du sie nimmer gewähnt! Aber immerhin eine Rettung.»" Wie im Traume ging Dina umher, teilnahmslos, einem Schalten vergleichbar. Wie im Traume sah sie den noch in derselben Nacht herbeigeholten Arzt den Tod des Lieutenants mit vielsagendem Kopfnicken bestätigen, wie im Traume sah sie das cigenthümliche, wohl noch nie erlebte Schauspiel vor ihren Augen, daß im Hause des Juden der Leichnam eines Christen der Beerdigung entgegenharrte, sah sie die schwarzen Träger, die den Todten heraustrugen, den schwarzen Leichenwagen, das düstere Trauergefolge, an dem sich fast das ganze Dorf, Jude wie Christ, betheiligte, wie im Traume klangen ihr die Worte des Pfarrers in den Ohren, der am offenen Grabe vom Heldentod für's Vaterland, von fremder Erde, von Schicksal und von frommer Ergebung sprach, wie im Traume wandte sie sich von der Stätte hinweg, wo er jetzt schlummerte, er — dessen bezauberndes Lächeln für immer verschwunden, deffen männlich-stolzes Wort nun verstummt auf ewig — — —--! Mehrere Jahre sind vergangen. Wir finden David Rosenstock an einem Sabbat in der ersten Woche des Mai — das Jahr ist 1870 — auf einem kleinen Spaziergang begriffen, den er mit seiner Tochter Dina unternommen hat. Dieser Spaziergang wurde an keinem Sommersabbat, sofern das Wetter einigermaßen günstig war, von ihnen versäumt. Vormittags, wenn der Alte aus der Synagoge nach Hause kam, Kiddusch gemacht und zu dem schmackhaften Berches als Vorboten des leckeren Mittagsmahles einen Teller „gesetzte Suppe" gcgeffen hatte, oder wohl auch ein vom Freitag Abend restirendes Stück Fische, dann war ihnen der Weg nach der „Liebertsruhe" und dem „Oberen Wald" ein geradezu selbstverständlicher. Auf der einen Seite des Dorfes stieg ein Seitenweg mäßig steil nach einer kleinen Anhöhe empor, deren höchster Punkt zu einem traulichen Ruheplätzchen gestaltet war. Im Kreise spendete eine Anzahl großer Buchen und Eichen kühlen Schatten; drei roh aus jungen Stämmen gezimmerte Bänke luden zur Rast, während in der Mitte des Rondels ein Gedenkstein mit schwarzer Inschrift besagte, daß dieses Ruheplätzchen von dem Pastor Liebert im Jahre 1838 angelegt sei und daher den Namen Liebertsruhe führe. Jüngere Anlagen, trauliches Buschwerk, Zierpflanzen und wohlgepflegte Rasenflächen zogen sich rings um das Rondel den Hügel hinab. Ein mäßig breiter Feldweg schied die Anhöhe von dem „oberen Wald", einem überaus lauschigen Buchen- und Eichenwald, der sich in seiner ungefähr quadratischen Anlage nach allen Seiten etwa einen Kilometer weit ausdehnte. Stumm gingen Vater und Tochter neben einander her. Der Weg schlängelte sich in zierlichen Windungen zur Liebertsruhe hinan; von Zeit zu Zeit flanden die Spaziergänger einen Augenblick still, um Athem zu holen und zugleich, sich umwendend, einen Blick auf die rauchgeschwärzten Ziegeldächer des Dorfes zu werfen, das so still und friedlich da unten im Thale lag. Jetzt waren die Beiden oben angelangt und wie auf Verabredung gingen sie auf eine der Holzbänke zu und nahmen Platz. Ein leichter Wind wehte durch die Baumwipfel und es rauschte und raunte da oben wie von vergangenen Zeit. Es war ein milder Frühlingstag, einer von jenen herzerfrischenden Maitage, die die Menschenbrust so lange ersehnt und die uns mit der Natur auch selbst gleichsam wieder aufleben laffen. Die Vormittagssonne warf zitternde Lichter durch die Aefte; leuchtend spielten sie auf dem rauhen Kies wie über den gelben Gedenkstein hinweg. „Ich wollte Dir etwas sagen, Dina," begann Rofenstock, als beide auf der Bank von der ersten Athemlosigkeit des Anstiegs sich erholt hatten. „Ich merke Dir den ganzen Tag an," erwiederte Dina, „daß Du etwas auf dem Herzen hast." „Nun siehst Du," sagte der Alte, als ob ihm die Last, die ihn offenbar bedrückte, schon halb hinweggenommen sei. „Daraus kannst Du gleich erkennen," fuhr er dann fort, „wie wichtig mir die Sache ist. Ja, Dina! sehr wichtig! Für Dich ebenso, wie für mich!" Dina schwieg, sie glaubte zu ahnen, was da kommen würde. „Du sollst heirathen, Dina," sagte Rofenstock dann nach kurzer Pause rund heraus. Dann schwieg er, wie um die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Allein Dina sagte noch immer nichts. Also hatte ihre Ahnung sie nicht betrogen. Sie sollte heirathen! Natürlich, wenn man 25 Jahre alt ist, wird's Zeit! „Du bist jetzt schon 25 Jahre alt," fuhr Rosenstock in der That fort, „alle Welt wundert sich, und mit Recht, weil Dich alle Welt kennt und weiß, wie gut und tüchtig Du bist, und daß Du einen braven Mann verdienst!" „Ich bleibe doch so gern bei Dir, Vater," war Dina's Antwort; „Dir soll all' meine Güte gelten und all' meine Tüchtigkeit, wenn ich's doch einmal sein soll!" „Du sollst ja auch nicht fort von mir," erwiederte der Vater, „Du sollst bei mir bleiben, aber heirathen sollst Du. Ich bin alt, und wer weiß