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Der Israelit · 1897-06-24 · Heft 50 (24.6.1897) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 50 (24.6.1897)
Date
1897-06-24
Page
– (sequence 18)
Language
German
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m 1 '"u>! Jlf der Synagoge gelegene Wohnung gerufen hatte, da fragte einer von den Zuhörern Mosche Gerson, ob er wieder etwas so Trauriges im Petto habe. „Wie ihr wollt", war die Antwort, „aber ich muß Euch offen gestehen, daß ich Euch solcherlei viel lieber erzähle, als Lustiges oder gar Ausgelassenes!" Die Hörerschaft stimmte ihm bei. Denn nachdem unser Meister selbst seine Sympathien kundgegeben, wäre es wenig loyal von uns gewesen, ihn auf andere Wege zu drängen, als er selbst einzuschlagen vorzog. Zudem war in der That in jedem Einzelnen von uns jenes tief-menschliche Jntereffe vom Tragischen erwacht, welches eigentlich im Grunde einer jeden Menschenseele sitzt, alle fühlten sich deutlich bezwungen von Furcht und Mitleid, den großen tragischen Emotionen, die schon der alte Aristoteles aus der Tiefe des menschlichen Herzens durch sein bloßes Denken herausholte. Und so konnte man eigentlich sagen, daß der Boden für künftige Erzählungen, in denen Menschenschicksale eine Rolle spielten, ein wohl vorbereiteter war. Wir fühlen uns alle wie von einem Banne umschloffen, aus welchen uns das erlösende Wort Mosche Gerson's befreien sollte. Es war denn auch an jenem zweiten Sabbat kein Einziger unter uns, dem nicht, als Mosche Gerson selbst seine Vorliebe für traurige Geschichten kundgegeben, das Herz in der Brust gepocht hätte, in Erwartung deffen, was nun von ihm verlebendigt werden sollte. Das Jntereffe für Dina Rosenstock, deren Erlebnisse sich so eigenthümlich mit dem Tode eines Premierlieutenants verknüpft hatten, war doch in einem so hohen Maße bei uns wach gerufen, daß es uns ordentlich danach dürstete, nun noch Weiteres über sie zu erfahren. Eine ganze Anzahl von Fragen war in uns entstanden! Was hat sich unmittelbar nach dem Tode Bettendorf's im Hause David Rosenstock's zugetragen? Wie ertrug Dina den Tod des Lieutenants, der ihr doch schließlich sehr nahe getreten war? Welches war ihr Ergehen späterhin und wo weilt sie heute? Denn daß wir diese letzte Frage uns zu stellen berechtigt waren, darüber waren wir keinen Augenblick im Zweifel. Mosche Gerson dichtet nicht. Er gab Stücke, wahrheitsgetreue Stücke aus dem Leben; was er erzählte, war wörtlich passiert, hatte sich in der That einmal zugetragen — also, wo ist Dina Rosenstock? Solche und ähnliche Fragen, die ein Jeder von uns die Woche über bei sich in stillen Stunden überdacht hatte, sie hatten schließlich die Erwartungen auf die nächste Erzählung Mosche Gerson's bis auf's Höchste gespannt. Als ob Mosche Gerson unsere Gedanken errathen hätte — möglich auch, daß der Eine oder der Andere sich mit ihm besprochen hatte, was ich aber kaum annehmen möchte, da Mosche Gerson es nicht liebte, auf einzelne Fragen Rede zu stehen; er war nur groß in der zusammenhängenden Darstellung — wie gesagt, als ob er unsere Gedanken errathen hätte, so enthielt in der That die nächstfolgende Erzählung die Fortsetzung der Geschichte Dina Rosenstocks. Wie reich diese Geschichte auch fürderhin an merkwürdigen Wechselfällen gewesen, wird aus ihrer getreuen Wiedergabe an dieser Stelle genugsam klar werden. — — — — — — „Es ist zwar eine Geschichte für sich" — so bebegann Mosche Gerson dieses Mal — „die ich Euch heute erzählen will. Allein, da sie zum Theil an dieselben Personen anknüpft, die auch bereits in der Erzählung vom Premierlieuteuant Bettendorf eine Rolle gespielt haben, so drängt es mich, nochmals mit kurzen Worten auf das zurückzukommen, was sich an jenem Schlachtentage des Sechsundsechziger Krieges im Hause David Rosenstock's ereignete. Die Erkenntniß, daß Bettendorf tobt sei, blieb Dina nicht lange verborgen. Als Rosenstock den Puls des Lieutenants nicht mehr fühlte, wußte er, wie es stand. Mit verstörtem Antlitz wandte er sich uni zu Dina, die aus seinen Zügen die schreckliche Wahrheit alsbald herauslas. Kein Laut kam über ihre Lippen. Es war, als ob ihre Gefühle mit einem Male erstorben wären. Das kommt öfter so, wenn ein jähes Geschick mit plötzlichem Rucke die Fäden zerreißt, die Menschen an Menschen knüpfen. Und wenn noch dazu, wie bei Dina, die heißeste Sehnsucht einen düsteren Schatten als Begleiter hat, der jeden lichteit Moment verdunkelt, wenn vor dem ersehnten Ziele wie eine unüberfteigbare Mauer eiti grausames Hinderniß sich aufgepflanzt hat, da gewinnt leicht in dem Augenblick, da alle Aussicht schwindet, ein Gefühl der Erleichterung die Oberhand. Nicht, als ob Dina etwa den Tod Bettendorf's als eine Art Erlösung aus grausamer Gewiffenspein mit einer Befriedigung wahrgenommen hätte. Das wäre kaum in harmonischem Einklang mit dem verzweiflungsvollen Aufschrei gewesen, der sich ihreni Herzen in jenem Momente entrang, als Bettendorf sich den Tod in der Schlacht wünschte. Nein! Sie liebte ihn. — Darüber konnte sie nicht weg, und Liebe, wahre Liebe, kann beim Tode des Geliebten nimmermehr ein Gefühl der Befriedigung aufkommen lassen. Das war es nicht. Vielmehr ließ der jähe Schrecken über das unerwartete Ende, das ihr den Geliebten entführte, all' ihr Blut zu ihrem Herzen strömen. Und dennoch konnte sie von demselben Augenblick an, eine Stimme nicht zum Schweigen bringen, die ihr zuraunte:

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