Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1897)
- Date
- 1897-06-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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980 wie lange mich Schem jisborach noch leben läßt — — ich möchte Dich so gerne versorgt sehen, eher habe ich keine Ruhe!" Dina hatte des Vaters Hand ergriffen und hielt sie zwischen den ihrigen, als wollte sie ihn schützen gegen alles Unheil! Sie mußte dem Vater Recht geben. Dinas Ansichten über die Bestimmung des Menschen, und insbesondere über die des Weibes, waren viel zu vernünftige, als daß sie einen ernstlichen Widerspruch gewagt hätte. Ihr selbst war der Gedanke an die Ehe bis jetzt kaum in den Sinn gekommen. Sie hatte, seit jenes Ereigniß des Jahres 1866 so tief in ihr Leben, wie in ihre Gefühlswelt eingegriffen, still und ruhig ihre Tage gelebt, in rüstiger Arbeit schaffend und wirkend, als müßt' es ihr Leben lang so bleiben. Rosenstock wiederum hatte zwar schon längst, schon seit mehr als zwei Jahren, den Gedanken, Dina zu verheirathen, allen Ernstes in's Auge gefaßt. Wenn er bis jetzt geschwiegen hatte, so lag dazu ein sehr triftiger Grund vor. Rosenstock wollte vor Dina bereits mit einer mehr oder minder greifbaren Sache treten. Allein er kannte seine Tochter. Er wußte, daß sie ganz anders geartet war, als sonst die Mädchen auf dem Lande, daß sie wählerisch sein würde, und daß in der That nicht jeder Mann, mochte er auch manche Vorzüge besitzen, für sie zum Gatten tauge. Soviel nun Rosenstock auch gesucht, so viele Unterhandlungen er auch angeknüpft hatte, keiner war ihm Recht. Dina war, was man so nennt, eine „gute Partie". Ein schönes Haus und große Ackergüter, deren Erträgnisse mehrere Familien reichlich zu ernähren vermochten, lockten Manchen. Dazu war Dina's Schönheit in der ganzen Gegend wohl bekannt, so daß wohl der Eine oder der Andere gerne mit beiden Händen zugegriffen hätte. Allein — wie gesagt — David Rosenstock war vorsichtig gewesen, er hatte viele Fäden, die er schon halb angeknüpft hatte, rücksichtslos wieder zerschnitten, sobald er die Ueberzeugung gewonnen, daß trotz mancher Vorzüge Dina's Geschmack sich ablehnend verhalten würde. Und so hatte er auch geschwiegen. Uud da er seine Verhandlungen wohl vor Dina geheim zu halten wußte, war sie selbst ohne jede Ahnung und dachte nicht im Entferntesten daran, wie sehr und mit wie liebevoller, echt väterlicher Sorgfalt ihr Vater um ihr Glück sich mühte. Jetzt erst, nachdem Rosenstock „das Richtige", wie er bei sich dachte, gefunden zu haben glaubte, jetzt erst war er offen mit der Sprache herausgerückt. Die Bemerkung Rosensiocks, daß Dina bei ihm bleiben und dennoch heirathen solle, hatte diese selbst im ersten Augenblick verblüfft. Das war ja so gar nicht Sitte! Alle Mädchen im Dorfe und in der ganzen Gegend heiratheten „nach" fremden Orten, oft sogar weit weg, alle folgten sie den geliebten Männern. Hier sollte nun der Mann dem Weibe folgen! Nun ja, wer sollte denn auch um den Vater sein, wenn sie selbst das Dorf verließet Ihn fremden Händen anvertrauen? Nimmermehr! Fremden Händen, die durch unbewußtes Ungeschick den Vater, dessen Gewohnheiten sie allein kannte, quälen und ärgern würden! Nein! Der Vater hatte Recht, obwohl er selbst gewiß andere Gründe hatte als sie, er hatte Recht: sie mußte bei ihm bleiben, auch wenn sie heirathete, der Mann mußte ihr folgen! Aber welcher Mann würde sich dazu herbeilassen? Welcher mochte wohl in dem abgelegenen Dörfchen, in das sich nie ein Lichtstrahl der grofeen Welt verirrte, sein Dasein begraben? Wenn Dina's Mann so war, wie sie ihn wünschte, so mußte ihn von vorneherein die Aussicht, in H. zu leben, abschrecken. Nun, vielleicht hatte der Vater, der ja so sicher sprach und darum wohl schon mit einem bestimmten Vorschlag kam, vielleicht hatte er auch nach dieser Seite hin gesorgt? „Wer wird wohl," begann Dina, ihrem Gedankengang entsprechend nach einer Pause, „wer wird wohl hier im Dorfe sein Leben vertrauern wollen?" Rosenstock freute sich. Sah er doch aus diesen Worten Dina's, daß sie grundsätzlich nicht abgeneigt war, in die Ehe zu treten! Das genügte ihm. Nun würde sich alles Weitere schon von selbst sindeu. „Ich weiß Einen!" erwtederte er frohgemuth mit einer gewissen Schalkhaftigkeit. „Und darf ich seinen Namen wissen?" „Sollst Du sogar! Er heißt Elias Friedmann!" Elias Friedmann! Dina fuhr bei diesem Namen von ihrem Sitze auf, als hätte ihr jemand einen Stoß versetzt. Elias Friedmann! Das war ja ihr leiblicher Vetter! Aber was ist denn das! Elias lebt doch in Amerika? Schon seit bald 20 Jahren ist er Inhaber eines gutgehenden Waarengeschäfts in Baltimore? Sollte er aus Deutschland sich eine Frau holen? Sollte er jener Einzige sein, der wohl einwilligen würde, hier in H. ein Haus zu gründen? Es wirbelte Dina im Kopf, so jagten sich bei ihr die Gedanken. „Aber —" sagte sie stockend, „Elias ist doch in Baltimore?" „Nicht mehr," erwiederte Rosenstock, „seit vier Wochen ist er in Deutschland! Als Onkel Seligmann starb und die Nachricht von seinem Tode zu Elias gedrungen war, da litt es ihn nicht länger in fremder Erde, dä war ihm das fremde Land, in dem er