Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1897)
- Date
- 1897-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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967 Feuilleton. Getreu bis in den Tod. 3l) Von Maurice Ma?orr Und nun erwachten die Bilder jener Vergangenheit zu neuem Leben und mahnten ihn an die Stunden, da er Nelly mit allen Schmeichettönen der Liebe beredete, den Schritt 511 thun, gegen den sie wieder und immer wieder sich auflehnte, sie bestürmte, das Judenthum zu verlassen, um die Seine zu werden. Die Liebe überwog, sie trat mit ihm vor den Traualtar, aber bald zerwühlte die Reue ihr junget Herz, sie drang in ihn, den Gatten, mit Bitten und Mahnungen, das Unrecht zu sühnen, und er wehrte sie ab, erst mit Milde und Nachsicht, dann, als die Bitten sich immer wieder erneuten, mit Entschiedenheit und Strenge . . . Hatte nicht er durch seine Härte sie zu der Thal gedrängt, wegen derer er sie jetzt verdammen wollte? Hatte sie nicht gelitten, wie er, ja noch mehr gelitten, da in den Schmerz der Trennung die Qualen des Schuldbewußtseins gegen den Gatten sich mischt« n. . . . So jagten einander in wilder Flucht die Gedanken, und immer friedlicher wurde es in seinem Inneren, als ob ein Alb sich von seiner beklemmten Brust löste. . . . Und hatte sein Weib nicht unter dem Banne der Empfindungen die Thal sich abgerungen, die einst auch sein Inneres zerwühlten? Hatte nicht auch er lange Jahre gekämpft gegen die nagende Neue und Gewissenspein, nachdem er zum Verrät her geworden an seinem Glauben? Ja, schon als er sich Sieger geglaubt über diese ewig mahnenden Stimmen, erwachten sie wieder und immer und raubten ihm die Ruhe seiner Seele; war es ein Wunder, daß das schwache Weib den Empfindungen erlag, welche er selbst, der Willensstärke Mann, nicht ganz niederzuringen vermochte? . . . Und nun mischten sich in die Stimme des Bruders längstverklungene Laute, die gleich Geistertönen in sein Ohr drangen: „Vergiß nimmer, daß Du Jude bist!" Immer lauter schwollen sie an, immer quälender gellten sie ihm in den Ohren, und nun übertönten sie Alles, was er vernahm, und er hörte nur die eine furchtbare Anklage, die ihn gleich Donnertönen umbrausten: „Ehrloser, Du hast es vergessen um schnöden irdischen Besitz, um irdischer Glückseligkeit!" . . . Ein Wirbel erfaßte ihn, keuchend hob sich seine Brust, und alle Martern der Verzweiflung malten sich in seinen verzerrten Zügen. Aber stand er nicht da vor ihm der rettende Engel, der ihm Erlösung bringen konnte aus der fürchterlichen Pein, der ihn rief mit allen Tönen brüderlicher Liebe! Ja, er wollte diesem Rufe folgen, wollte wieder zu demselben Gotte beten, wie er, sein heißgeliebter Bruder! Eine Thränenfluth brach aus seinen Augen, mit einem Jubelrufe sank er in die weit ausgebreiteten Arme des Bruders, und in stummem Kusse vereinigten sich ihre Herzen zu voller Harmonie. . . . Sekundenlang hielten sich die Brüder fest umschlungen, und die gewaltige Erregung des Augenblicks bannte jedes Wort von ihren Lippen. Endlich löste sich der Graf aus der Umarmung des Bruders, drückte nochmals einen heißen Kuß auf dessen Lippen, dann wandte er das thränenfeuchte Auge der Gattin zu, und unaussprechliche Liebe tag in seinem sehnenden Blick. So mächtig bewegt er war, er las in ihren Mienen, daß sie seine Empfindungen theilte, daß auch sie kein Wort des Jubels fand für das heißersehnte, in dieser wunderbaren Stunde ihr gewordene Glück. Er wankte auf ihr Lager zu und brach vor demselben in die Knie. „Nelly, Geliebte meiner Seele!" rief er und breitete sehnsüchtig die Arme aus, „Nelly kannst Du mir verzeihen, wie ich Dir vergebe aus vollem Herzen?" „Sergei, mein Sergei! Sei gesegnet für dieses Wort, das mich zur Glücklichsten aller Sterblichen macht!", jubelte Nelly und schlang die Arme um den Hals des Gatten, der sie fest an sich preßte. „Aber ich verstehe von Alledem kein Wort," brach es endlich über Ediths Lippen, die mit wachsendem Erstaunen die ihr unfaßbare Scene beobachtet, aber bisher keine Frage gewagt hatte. „Die Erklärung, mein liebes Kind", lächelte der Rabbi, und ein verständnißinniges Leuchten ging durch seinen Blick, „die Erklärung lasse Dir von Jenem dort geben. Irre ich nicht, so wird er sie Dir mit der gleichen Freudigkeit geben, mit der Du sie von ihm entgegennimmst." Dabei wies er auf August, der sich tief erröthend vor dem jungen Mädchen verneigte. „Doch nun. geliebter Sergei", begann Nelly, indem sie sich aus der Umarmung des Gatten befreite und liebkosend das Haar aus seiner Stirn strich, „nun laß uns die Wonne dieser gottgefegneten Stunde voll machen und zu unserem Kinde eilen. . . Fünfzehn Jahre haben wir den Anblick unseres Alfred's entbehren müssen, ach, jede Sekunde, die wir zögern, wird zur Ewigkeit! . . Mein Blut erstarrt, wenn ich der Stunde gedenke, da ich unser Kind zu finden gehofft und in gräßlicher Enttäuschung erfuhr, daß mein edelster, bester Freund von ruchloser Hand gemordet, und daß unser Alfred verschwunden war!