Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1897)
- Date
- 1897-06-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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962 war, um so leichter überschätzt er sein Können. Unsere Zeit bietet denjenigen, die sich den Wisienschaften weihen, gar Viele- und verlangt gar Vieles. Doch gegen die Ueberhebung hat sie in der gleichmäßigen Ausbildung der Fachgenossen einen wirksamen Damm aufgeführt. Würden unsere Studenten statt in Schule und Hörsaal im einsamen Kämmerlein ihr Wisien zu sammeln haben, so wären wohl unsere Gelehrten von Stolz und Anmaßung so sehr erfüllt, daß sie zur Bereicherung der Wissenschaft nur wenig beitragen könnten. Der Dünkel der Autodidakten, der ihrer Weiterbildung so hinderlich ist, ist ja bekannt. Bei dem Thora studium in unserer Zeit droht aus diesen Gründen die Gefahr doppelt, daß die Jünger dawpv rren die richtige Erkenntniß der erlangten Wiffensstufe vertieren. Durch die Schwierigkeit des Studiums zunächst, besonders wenn damit im späten Jünglingsalter begonnen wurde, und durch den Umstand, daß nur hier wenige Mitstrebende sind, deren Erfolge über den Werth der eigenen Leistungen aufklären könnten. Beiläufig gesagt ist umgekehrt aus ähnlichen Ursachen, gar vielen ungarischen und russischen Bachurim, die nur ein wenig zur Charakterschwäche neigten, der Eintritt in die Hörsäle moderner Wisienschaft, so überaus verderblich gewesen. mpv rron ist sehr schwer. Und dabei darf derjenige, der die Schwierigkeit erkannt hat, sich nicht dadurch zu helfen suchen, daß er sich in den Gedanken hineinlebt, sein Wissen stets gering zu schätzen. Dann stutzt er sich selbst die Flügel, bringt sich in Gefahr jeden Eifer, jedes Streben zu verlieren. Außerdem setzt er sich durch die Geringschätzung der eigenen Leistung der Gefahr aus, daß er andere nichtsbedeutende Männer als Gewährsmänner nnsieht, sich von solchen beeinsiussen und leiten läßt, deren irrige Anschauungen er leicht bei einigem Selbstbewußtsein widerlegen könnte, Mpv nx i'rvn heißt nicht nur Vorsicht vor Ueberschätzung, nein, es ist auch eine Warnung, allzu bescheiden zu sein. Für die Wahrheit unserer Bemerkungen bietet wieder die Lage des Thorastudiums in der Gegenwart einen traurigen Beleg. Seit Jahrhunderten wurde in Deutschland nicht so wenig „gelernt", wie heute, und doch giebt es jetzt kaum weniger Männer wie früher, die von der großen Masse des Volkes als Lamdomim bezeichnet werden. Ein „Balbo'es", der sein ^r-in übersetzen kann und mit einiger Mühe diesen und jenen Paragraphen in mx «n oder rtr narp herausbekommt, wird von seinen Genossen als Thoragelehrter bewundert und gerühmt. Auf einen Lehrer, der mit Hülfe der Uebersetzung einen leidlichen Vortrag aus ■nxon ima oder einen ibd vm zu halten versteht, ist das ganze Dorf stolz. Und nun gar ein Rabbiner, der heutzutage noch, nicht nur ein Blatt rnr» lainen kann, sondern sogar einige leichte maw versteht, wird oft in den Kreisen seiner Gemeinde als ein Phänomen an talmudischer Gelehrsamkeit angestaunt. Und das allein würde wenig schaden. Es ist ja kaum zu beklagen, wenn die Gemeindemitglieder, die in der bitteren Roth der Zeit keinen besseren Führer finden können, mit ihrem geistigen Oberhaupt zufrieden sind und sich ihres Besitzes freuen. Die große Gefahr liegt darin, daß die so Gerühmten das wpv mm verlieren und während sie stets gesagt bekommen, daß sie wv-n nnAn seien, das Gefühl ihrer Unzulänglichkeit, welches sie vielleicht noch in's Amt von der Schule aus mitgebracht haben, nach und nach verlieren und bei ihnen jedes Streben zur Weiterbildung aufhört. Gar Manche der von den pxrpo:v mit derm^7O Gekrönten,sehen das Flittergold ihrer Papierkrone für echt an und fühlen sich schon als Herrscher auf dem Gebiet der nxnn. Wie Viele unter unseren Privatleuten, Lehrern und Rabbinern giebt es, die lange Jahre Thora studirten, welche die Fähigkeit haben bei einigem Fleiß in Wahrheit v'vm zu werden, die aber eine Parallele ziehen zwischen sich und Collegen, die in der Kenntniß der herrlichsten Wissenschaft weit unter ihnen stehen und deshalb ihre Thätigkeit auf dem Gebiete der Weiterbildung in der Thora einstellen! wie Viele, die ihr Wissen an dem Maßstab der Ignoranten messen, die unsere trüben Zeitverhältnisse auf einen Lehrstuhl in Israel brachten und dann glauben, für ihre Thora schon genug gethan zu haben! Wir haben diese Erfahrung schon an Männern gemacht, die genug Wissen hatten für ein richtiges llrtheil, was von einem -i'vbn 22n verlangt werden muß, die aber durch das Wenige, was verlangt wird, irregeführt, jede Selbstkritik verloren und damit jedes Streben. Wir haben gute Bachurim gekannt, die aus dem Ausland an deutsche Rabbinerschulen kamen, und durch die Unwissenheit der sie umgebenden Genossen so übermüthig wurden, daß sie jeden Eifer verloren und nach wenigen Jahren in dem Maße vergessen hatten, daß sie von den meisten der früher wegen ihrer Unkenntniß geringgeschätzten Collegen, weit überflügelt wurden, ohne daß diese Collegen selbst einen nennenswerth hohen Standpunkt erlangt hätten. Doch genug! — Das Herz blutet, wenn man solche Bilder von dem Thorastudium in Deutschland zeichnen muß. Das Auge thränt, wenn man das kostbarste Gut, die hehre, heilige Thora fast vergessen in der Ecke liegen sieht, rnn ppn nruua mir. Der Leser verzeihe, daß wir traurige Gedanken bei ihm erweckten. Wer von den Mitteln spricht, durch welche die Thora erworben wird, der kann nicht umhin, darüber zu klagen, daß diese Mittel und Eigenschaften, welche die Weisen aufzählen, unserer Zeit verloren gingen. Wehe uns, daß wir auf diese Weise von der Wahrheit der Worte der Boraita uns überzeugen müssen! Wieviele Glaubensgenossen haben die Mittel verloren, durch welche man die