Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1897)
- Date
- 1897-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SS« an die Grenze unseres Jahrhunderts von ganz Israel als Leiter, Lehrer und Führer gefeiert wurden. Die Ueberzeugung von ihrer Tugend und ihrem Wissen ist es, die es uns allein möglich macht, die Thora wahrhaft kennen zu lernen und unser Leben voll und ganz nach ihren heiligen Satzungen einzurichten. Wie häufig wurde, wie oft wird noch heute gegen diesen elementaren Satz gesündigt! Ein Heide wollte einst Jude werden, so lesen wir im Traktat Sabbat, doch nur um die schriftliche Lehre anzunehmen, an die Wahrheiten, der überlieferten mündlichen Lehre glaubte er nicht. Schammai trieb ihn von seiner Schwelle. Hillel lehrte ihn die ersten vier Zeichen des hebräischen Alphabets. Als der Schüler am folgenden Tage sein Pensum richtig hersagte, gab Hillel den Buchstaben eine andere Bedeutung. Gestern hast Du es mir ja umgekehrt gesagt, sprach der Heide. Auf mich hast Du Dich also verlassen, erwiderte Hillel, so verlasse Dich auch auf die Überlieferung, auf die mündliche Lehre. Giebt diese kleine Erzählung uns nicht einen Wink, wie wir so Manchen wiedergewinnen oder retten können, der sein Judenthum verloren hat, weil ihm vorher die tw»n wusk verloren ging, das Vertrauen zu den großen Männern in Israel oder der Glaube an die Wahrheit unser heiligen Ueberlieferung! Ist es so schwer, den modernen Karäern oder Sadduzäern zu zeigen, daß ohne mündliche Lehre, die Erfüllung des geschriebenen Gotteswortes uns versagt bleiben muß? Der Geist des Zweifels, der Kritik beherrscht unsere Zeit, es giebt nichts Ueberkommenes, mag es noch so ehrwürdig, noch so allgemein anerkannt sein, was nicht angetaftet wird. Wir haben im vorigen Kapitel gezeigt, daß bei anderen Wissensschätzen der Menschheit die Kritik eine gewisse Berechtigung hat, daß sie aber der Thora gegenüber, weil dieselbe vom Weltenschöpfer uns gegeben wurde, schweigen muß. O, da die Richtung der Zeit der Kritik günstig war, durften die Söhne unseres Volkes nicht zurückstehen. Dieselbe Nachahmungssucht, die große Verführerin unseres Volkes, die es einst dem Molochdienst und den Baalsgräueln überlieferte, sie brachte Israeliten des neunzehnten Jahrhunderts dazu das heilige Erbe unseres Volkes, das soviele Zeiten mit ihren Richtungen überdauert hat, zweifelnd anzutasten und zu verletzen. Doch vor dem Gesetz standen gewaltige Beschützer, jene lange Reihe von Männern, die untadelig in ihrem Leben, bewundernswerth und unerreicht durch Geist und Wissen, ihr Alles für das Gesetz und seine Erhaltung eingesetzt hatten. Waren alle diese Großen, die an der Spitze Israels und auf der. Höhe ihrer Zeit standen, nicht bessere Kenner und Beurtheiler des Gesetzes, als die schwächlichen Epigonen? Da geschah das Unglaubliche. Während andere Völker die hervorragenden Geister der Vergangenheit nur nennen, um ihrem Namen und ihrer Erinnerung Huldigungen darzubringen, sah die jüdische Geschichtsdarstellung unserer Zeit ihre Ausgabe, darin, die größten Männer der Vergangenheit, Tanäiten, Amoräer, Rischonim und Acharonim ihres Glanzes zu entkleiden, und wenn irgend möglich, niedrige Beweggründe als die Triebfedern ihres Handelns hinzustellen. Nur Dichter, Philosophen, Grammatiker und einige Exeaeten wurden nach Gebühr gewürdigt und dieses nur, weil die nichtjüdischen Zeitgenossen für ihre Werke Verständniß halten, und weil man vor ihnen damit prunken konnte. Der Kern der jüdischen Wissenschaft und ihre Vertreter fanden nur nebensächliche Beachtung, und froh mußte man sein, wenn sie nicht abfällig beurtheilt wurden. Dieses dauerte so lange, bis der Antisemitismus auch den Verblendetsten die Augen geöffnet und jüdische Gelehrten die Vorzüge des Talmud und Schulchan-Aruch neu entdecken ließ. Einen interessanten Beleg für unsere Worte bietet die Behandlung des Maimonides. Rambam war bekanntlich mit allem Wissen seiner Zeit und seiner hochgebildeten Umgebung ausgestattet. Er schrieb auch ein bedeutendes religionsphilosophisches Werk neben seinem gewaltigen Iad Hachasaka, der in der halachischen Literatur grundlegend geworden ist und neben seiner Erklärung zur Mischna, auf welcher die meisten späteren Mischnaerklärer weiter bauen. Sehen wir nun die Biographien des Rambam, so wird seine Thätigkeit auf talmudischem Gebiet mit kurzen Worten abgethan, während der Haupttheil der Darstellung seines Wirkens seiner Philosophie gewidmet ist. Warum wohl? — Der Philosoph Maimonides wird nach jeder Seite hin gerühmt, doch keiner seiner Biographen denkt daran, das Gesetzbuch des gefeierten Mannes zum Studium und zur Befolgung zu empfehlen. Und bei Rabbi Salomo ben Aderet? Ist den jüdischen Historikern seine Stellung zur Philosophie des Matmonides nicht weit interessanter, als seine epochemachenden Chiduschim, als seine zahllosen klassischen Teschuboth? Diese Beispiele ließen sich ad libitum vermehren. Die Thoragelehrten finden in unseren meisten jüdischen Geschichtswerken nur geringe Würdigung und man muß noch froh sein, wenn man darin nicht tendenziöse Entstellungen und Schmähungen wider sie findet. Nicht zum geringsten Theil ist diese Geschichtsdarstellung, welche dem Volk die nro« D'twn raubte, am Verfalle des Judenthums in weiten Kreisen schuld. Wenn die Männer der Urzeit Engeln glichen, bemerken unsere Weisen, gleichen wir Menschen, doch wenn sie nur Menschen waren, gleichen wir Eseln. Man weiß, welch' verheerenden Einfluß der Einbruch der neuen Zeit auf das religiöse Gefühl der Juden übte. Eine Selbstüberhebung griff