Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1897)
- Date
- 1897-06-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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903 daß es nun durch einen Beschluß der Repräsentanten zur Ausführung des Reformprojekts kommen wird, protestirte die andere Partei gegen die Einführung des bisherigen stellvertretenden Repräsentanten als wirkliches Mitglied beim Herrn Regierungs-Präsidenten und, als sie abschlägig beschieden wurde, beim Herrn Oberpräsiventen. Aber auch von diesem ist die Partei jetzt mit ihrer Beschwerde abgewiesen worden. In einer demnächst einzuberufenden Repräsentanten-Versammlung soll nun der Beschluß gefaßt werden, die rituelle Schlachtsteuer abzuschaffen, die Synagogengemeindeabgaben durch direkte Steuern zu decken und diesen Beschluß dem Herrn Regierungspräsidenten zur Bestätigung vorzulegen. ** München, 31. Mai. (Antisemitischer H u s a r e n r i t t.) Der bekannte Ahlwardt-Jünger Wenng versuchte jüngst bei den hiesigen Konditorgehilfen sein Glück. Er schwefelte über die „sozialdemokratischen" Gewerkschaften, welche natürlich alle zusammen keinen Schuß Pulver werth sind und schimpfte auf Marx und Engels, welche die Arbeiterschaft durch ihre Irrlehren auf falsche Bahnen leiteten. Im Ganzen hörten wohlgezählte 30 Mann Wenng dem Großen zu, der am Schluffe von einigen Rednern gründlich zugedeckt wurde. Das hielt aber den wackeren Deutschen nicht ab, in seinem ehrenwerthen Blatte von einem großen Erfolg für die antisemitische Sache zu berichten. Eppingen, 1. Juni. Eine Correspondenz aus Bruchsal in Nr. 42 Ihrer werthen Zeitung bringt die Nachricht, daß bei dem voreinigen Wochen m der Synagoge in Offenburg stattgefundenen Synagogenconcert auch der Synagogenchor von Eppingen mitgewirkt habe. Diese Nachricht muß als unrichtig bezeichnet werden. Weder ein Chor, noch einzelne Gemeindemitglieder waren in Offenburg vertreten. Schon vor 35 Jahren wurde unter der Leitung des musikalisch gebildeten, nun verstorbenen Kaufmanns W i l h e l m S o n d h e i m e r ein zweistimmiger Chor gebildet. Die Gesänge für Sabbate und Feiertage, aus Japhet und dem Braunschweiger Gesangbuch entnommen, werden heute noch und zwar als Gemeindegesang, bei welchem sich harmonisch alt und jung betheiligt, ohne Orgel- oder Harmoniumbegleitung vorgetragen. Oefterr.-Ungar. Monarchie. ** Wien, 7. Juni. (Ein neuer Willkürakt desWienerStadtrathes.) Unter den 147 Beamten der städtischen Buchhaltung befinden sich im ganzen zwei Juden; der eine, Rechnungs-Offizial erster Klaffe Joseph Schück, der eine tadellose zwanzigjährige Dienstzeit hinter sich hat, wurde infolge dessen vom Rathsgremium für die freigewordene Stelle eines Revidenten vorgeschlagen. Nun besteht unter den Wiener Magistrats-Beamten der kollegiale Brauck, bei eintretenden Vakanzen dem einem Avancement am nächsten stehenden Kollegen allein die Bewerbung zu überlassen, und so lag denn auch für die zur Besetzung gelangende Neoidentenstelle blos das Gesuch des jüdischen Offizials dem Stadtrathe vor. Obwohl dies, wie gesagt, einem langjährigen UsuS entsprach und obwohl niemand verhalten werden kann, sich um eine Stelle zu bewerben, fand der Stadtrath dennoch, daß ein solches Vorgehen der Dienftpragmatik widerspreche und daß dem Präsidium die Wahl unter den verschiedenen Kompetenten freistehen müsse. Er leitete deßhalb das Gesuch des Offizials Schück an das Rathsgremium zurück und trug diesem strikte auf, daß alle für die Besetzung der Revidentenstelle in Betracht kommenden Beamten ihre Beförderungsgesuche einzubringen hätten. Dies ist geschehen, und bei der nun erfolgten neuerlichen Bewerbung wurde — wie nicht anders zu erwarten — trotz der Empfehlung des Rathgremius der jüdische Offizial übergangen. Amerika. ** New-Uokk, 28. Mai. Der„Aoung Mens Hebrcw Association" hat Herr Jacob H. Schiff ein großmüthiges Geschenk zutheil werden lassen. Er vermachte ihr das völlig eingerichtete und schuldenfreie Gebäude Mr. 801 Levington Ave, als Clubhaus. Auch hat Frau Esther Herrmann dem Verein Doll. 40,000 Übewiesen, deren Zinsen für die Erhaltung von Abendschulen bestimmt sind. Ihre edle Gabe begründete sie mit dem segensreichen Einfluß, den diese Schule auf ihren Sohn ausüble. Die Geschenke erfolgten gelegentlich des 20. jährlichen Empfangs, der am Samstag im Lenox Lyceum stattfand. Derselbe brachte mehrere tausend Dollar ein. Afrika. § Algier. Von der Macht, die die antisemitische Bewegung hierzulande erlangt hat, kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, daß die Judenfeinde fast alle Aemter und in den meisten Städten die Majorität in den Stadträthen rc. besitzen. Auch die Deputirtenmandate sind ihnen meist zugefallen, da selbst die hiesigen Sozialisten ausgesprochene Judenfeinde sind. Mr. Samary, der reine Antisemit und Vioiani der antisemitische Sozialist, beide Deputirten der Stadt Algier, hatten kürzlich eine Volksversammlung einberufen, wozu ihnen die Stadtverwaltung das städtische Theater überlassen hat. Beinahe 2000 Personen waren anwesend und folgten den Hetzreden, in denen Gouvernement und Regierung, Senat und Kammer ebenso wie die Juden auf das gehässigste angegriffen wurden. Nur Mr. Camlon, der Gouverneur von Algier, wurde geschont, ja sogar als Antisemit gefeiert, weil er die