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Der Israelit · 1897-06-10 · Heft 46 (10.6.1897) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 46 (10.6.1897)
Date
1897-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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888 Uten sind. Ebenso unwahr ist es, daß die meisten Juden reich seien. Man findet im Gegentheil unter den Juden verhältnißmäßig mehr arme Leute, als unter den christlichen Völkern. Die überwiegende Mehrzahl der polnischen und kleinastatischen Juden lebt in einem Elend, dessen Anblick dem wildesten Antisemiten das Herz zusammenschnüren muß. Die Thatsache, daß die Juden nur in relativ geringer Anzahl der Bodenbearbeitung obliegen, erklärt sich in sehr einfacher, natürlicher Weise. Der Jude war fast überall vollständig vom Boden losgeriffen; viele Jahrhunderte sind vergangen, seitdem seine Hände den Pflug verlassen mußten, und es fällt ihnen schwer, ihn wieder zu ergreifen. Dies ist keineswegs eine Stammeseigenthümlichkeit der Juden die ja im Alterthum, zur Zeit des jüdischen Staatswesens, fast ausschließlich vom Ackerbau lebten. Es ist eine wirtschaftliche Erscheinung, welche die geschichtlichen Ereignisse vollständig erklären. Und ist es das Bank- und Finanzwesen allein, wo die modernen Juden sich eine Positron gemacht haben? Gewiß nicht; zahlreiche Juden haben sich den liberalen Professionen, dem Rechtsstudium, der Medizin, dem Unterrichtswesen, der Literatur, der Wissenschaft zugewendet. Und was haben sie mit ihren Bemühungen, sich neue Laufbahnen zu eröffnen, erreicht? Wie man ihnen früher ihre Vorliebe für die Finanzen und den Handel vorwarf, beschuldigt man sie jetzt, daß sie alle Gebiete der liberalen Professionen überschwemmen. In unserer Zeit des allgemeinen Wettbewerbes ist der Jude ein sehr ernst zu nehmender Konkurrent und dies verzeiht man ihm am allerwenigsten. Der Antisemitismus ist da der Denkmantel für eine ganz besondere Art von Protektionismus. Leroy-Beaulieu kommt nun zum Schluffe und erörtert die Möglichkeit einer Lösung der Judenfrage. Wissen die Antisemiten überhaupt eine Lösung? Um diesen Punkt dreht sich Alles; denn wenn der Antisemitismus keine praktische Lösung zur Hand hat, was nützt es, seine Beschwerden zu diskutiren? Die Antisemiten schlagen zwei Lösungen vor, deren jede ihre Anhänger hat. Die eine Lösung bestünde in der Einführung von Ausnahmegesetzen gegen die Juden. Es sollen jene drakonischen Gesetze reaktiviert werden, welche in der zweiten Hälfte des Mittelalters eingeführt, noch unter dem ancien regime mehr oder minder in Kraft standen. Solche Ausnahmegesetze bestehen heute noch im russischen Kaiserreiche, in Litthauen, in Polen und man kann konstatiren, daß die christliche Bevölkerung, im Besonderen die katholische in Polen, davon ebenso befriedigt ist, wie die Juden selbst. Diese Sondergesetze haben die antisemitische Frage nicht aus der Welt geschafft, sie haben sie nur vergiftet; sie haben das Unbehagen noch vergrößert, die Gehässigkeit zwischen Juden und Christen genährt, wie die periodischen Unruhen in Südrußland beweisen. Aber angenommen, diese Sondergesetzgebung Rußlands hätte die Pazifikation der Juden und Christen herbeigeführt und die Provinzen, wo sie die Anwendung fand, bereichert, anstatt sie arm zu machen. Da drängt sich von selbst die Frage auf: ist es möglich, diese Gesetze des autokratischen Rußlands in andere, auf demokratischer Grundlage eingerichtete Staaten zu übertragen? Können diese Gesetze von den Ideen, Gebräuchen, gesellschaftlichen Verhältnissen des Mittelalters losgelöst und in ein modernes, völlig verschiedenes Milieu verpflanzt werden? In eine vom Prinzip des gemeinen Rechts beherrschte Legislation Ausnahmegesetze einzusühren, die einer anderen Zeit angehört haben, ist praktisch undurchführbar. Eine andere Lösung wäre die Vertreibung der Juden, abermals ein Vorgang, welchen das Mittelalter oder das aneien regimv angewendet hat. Aber man vergesse nicht, daß nicht bloß Juden vertrieben wurden; die spanischen Mauren, die französischen Protestanten und später die Jesuiten der Staaten Sr. katholischen Majestät haben gleichfalls die Bitternisse der Verbannung kennen gelernt. Mit den Juden fängt man an, mit den Jesuiten hört man auf. Man hüte sich, eine Wiederholung der Geschichte herbeizuführen. Das Mittel wäre noch diskutirbar, wenn blos ein Staat die Juden vertreiben wollte; allein die Antisemiten bekriegen die Juden fast in sämmtlichen Ländern und möchten sie von überall austreiben. Wie stellen sie sich nun vor, daß sämmtliche christlichen Länder gleichzeitig ihrer Juden entledigen? Das Problem scheint unlösbar. Bis hierher sind wir der Analyse des Herrn Armin Schwarz im „Pester Lloyd" gefolgt. Der Vortragende erwähnt schließlich die Bewegung zur Retablirung des alten palästinensischen Staates. „Selbst Juden, die bis vor Kurzem die nationalen Träume ihrer Glaubensgenossen als veraltet verspotteten, sagen jetzt: Ta Europa nichts von uns wissen will und uns als Fremde und Eindringlinge ansieht, so erübrigt uns nichts, als in unser ursprüngliches Vaterland zurückzukehren. Einige richteten ihr Augenmerk auf Amerika, insbesondere auf La Plata und bildeten sich ein, ein Syndikat jüdischer Banquiers könne eine oder zwei argentinische Provinzen ankaufen. Aber welche Regierung, sei es die argentinische oder irgend eine andere, würde den Juden einen Theil ihres Gebietes überlassen? Außerdem haben die östlichen Juden ihr Augenmerk nur auf Palästina, wohin seit einem halben Jahrhunderte ihrer viele auswanderte, so daß zahlreiche Städte daselbst viele Juden aufweisen. Allein würde Palästina und Syrien die Gesammthert von 8—9 Millionen Juden ausnehmen können und was würde mit der jetzigen, seit Jahrhunderten dort lebenden muselmanischen und christlichen Bevölkerung geschehen? Und Viele unter uns würden fragen: Was wäre es mit den heiligen Orten? Wären die Christen bereit, Palästina den Juden zu überlassen, um dort das salomonische Königreich zu restauriren, würden sie die Bewachung des heiligen Grabes den Juden anvertrauen wollen? Das

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