Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1897)
- Date
- 1897-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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867 Antoinette selbst beglückwünschte sie in einem Briefe zu den guten Werken, welche die Logen verrichten. Zur Zeit der Revolution begannen die Logen sich zu demokratisiren. Die Juden suchten natürlich Zutritt zu erlangen, aber das ging nur schwer. In Widerspruch mit den Prinzipien der Maurerei — Menschlichkeit, Freiheit, Gleichheit — sträubten sich die meisten Logen gegen die Aufnahme von Juden. Es giebt Logen, die bis auf den heutigen Tag den Juden verschlossen sind, beispielsweise in Deutschland, in Rumänien. „Alle Rumänen sind Antisemiten!" — ruft hier Einer aus der Versammlung. Der Vortragende giebt dies bereitwilligst zu; aber diese Thatsache ist nur eine Bestätigung seiner These. Obgleich die Rumänen Antisemiten sind, blüht die Freimaurerei in Rumänien, was den Jrrthum Derjenigen beweist, welche die Freimaurer mit den Juden identisiziren. Die Freimaurerei ist also keine jüdische Institution. Dasselbe gilt vom freimaurerischen Geiste. Zah'reiche Logen in Frankreich und auf dem Continent haben die ursprüngliche deistische Doktrin verleugnet. Der „Groß-Orient" ist vom Deismus zum Naturalismus, zum Atheismus übergegangen. Kann man behaupten, daß er hierbei den Eingebungen des Judaismus, dem Geist der Synagoge gefolgt sei? Wem wäre es nicht bekannt, daß die Synagoge es stets als ihre Mission angesehen hat, den Glauben an den Monotheisnlus in seiner Reinheit zu erhalten? Gewiß giebt es in Westeuropa atheistische, materialistische Juden; aber diese sind weit entfernt, die authentischen Repräsentanten des jüdischen Geistes zu sein; sie haben im Verkehr mit den anderen Völkern längst ihr Judenthum abgeftreift. Der zweite Gesichtspunkt, aus welchem die sogenannte Judensrage geprüft werden tvill, ist der nationale. Man wirft dem Juden vor, er sei ein unassimilirbares Element und entnationalisire die Völker, in deren Mitte er lebt. Dieser Beschuldigung tritt Leroy-Beaulieu abermals mit der Leuchte der Geschichte näher. Seit der Diaspora lebten die Juden isolirt unter den Rationen, ohne sich assimiliren zu wollen oder zu können; es ist im Laufe von Jahrhunderten nicht gelungen sie den Völkern zu inkorporiren, in deren Mitte sie wohnten. Woher diese dauernde Jsolirung? Sind die Juden allein verantwortlich dafür und haben nicht die anderen Völker durch ihre Gesetze oder durch ihre Vorurtheile dazu beigetragen? Die Juden waren durch das Ghetto Jahrhunderte hindurch von den anderen Völkern und Racen abgeschlossen. So oft sie versuchten, aus der Jsolirung hervorzutreten, hat man sie dahin zurückverwiesen. Kommt es nun ihren Bedrängern zu, ihnen diese Abgeschlossenheit zum Vorwurf zu machen? Und ist es zu verwundern, wenn selbst heute noch, da die Mauern des Ghetto endlich gefallen, hie und da ein emanzipirter Jude noch das Gepräge der ehemaligen Abgeschlossenheit zeigt? Der zünftische Geist der Juden, die sogenannte jüdische Solidarität war noch vor 20—25 Jahren in ganz Westeuropa im Schwinden begriffen. Wenn dieser Geist der Solidarität an Stärke wieder zugenommen hat, wenn die Juden von neuem sich einander zu nähern und von den Christen abzuschließen suchen, so ist dies zum großen Theil dem von außen kommenden Druck zuzufchreiben. Indem der Antisemitismus den Juden den Krieg erklärt, indem er droht, sie außerhalb des gemeinen Rechtes zu setzen, zwingt er sie, von neuem sich zusanrmenzuschließen, drängt er sie zu jenem Exklusivismus, welchen er ihnen als Verbrechen anrechnet. Der Vortragende erörtert nun den dritten Gesichtspunkt, den wirthschaftlichen. Die Juden seien Parasiten, sagt man, weil sie sich mit Vorliebe Beschäftigungen zuwenden, welche man gern al» parasitäre bezeichnet, wie z. B. die Beschäftigung der Vermittler, Makler, Händler, Geldwechsler, Bankiers. Da taucht zuerst die Frage auf, ob es auch wahr sei, daß alle Vermittler „Parasiten" seien? Wenn alle Jene, die nicht von ihrer Hände Arbeit, im Schweiße ihres Angesichts leben, Parasiten wären, wie viele Parasiten gebe es auch außerhalb Israels?! Will man etwa, gleich gewissen sozialistischen Schulen, proklamiren, daß die körperliche Arbeit allein rechtschaffen und produktiv sei? Man höre nur, was die Massen sagen; man fragte sie, was sie unter sozialem Parasitenthum verstehen und ob es für sie nicht noch andere Parasiten gibt, als den Juden? Die Führer der Antisemiten haben bei den Wahlen die Erfahrung machen können, wie wenig der Antisemitismus unter den Arbeitermaflen verfängt. Für den Arbeiter ist der Parasit nicht der Jude, sondern der Bourgeois. Wenn die Juden sich seit Jahrhunderten vornehmlich den Vermittlergeschäften zuzuwenden scheinen, so thun sie dies nicht aus freier Wahl und nicht etwa vermöge eines angeborenen Berufes, sondern weil man ihnen Generationen hindurch jede andere Beschäftigung verschlossen und sie so auf jene niedrigeren Metiers beschränkt hat, welche man ihnen heute zum Vorwurf macht. Ist es übrigens wahr, daß die Mehrzahl der Juden den sogenannten parasitären Beschäftigungen angehört? Wenn man ihre Feinde von ihren Reichthümern, ihrem Luxus und ihrer Macht reden hört, wäre man versucht zu glauben, daß alle Juden Financiers und Millionäre seien. In Wirklichkeit muß man zugeben, daß die Mehrzahl der Israeliten sich nicht mit Finanzgeschäften befaßt, aus dem einfachen Grunde, weil die Zahl der Financiers nothwendigerweise eine beschränkte ist und weil nicht alle Financiers Jsrae-