Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1897)
- Date
- 1897-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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886 zwischen ihm und den Antisemiten liegt in der Methode des Kampfes und dieser Unterschied ist von großer Wichtigkeit. Seine Vernunft und sein Gewissen sträuben sich gegen die Maßlosigkeit, gegen den Geist der Anschwärzung und Verdächtigung, gegen die unduldsame Ausschließlichkeit. Der Antisemitismus appellirt nach Leroy-Beaulieu's Ansicht an die edlen Instinkte, an die erhabenen Aspirationen der menschlichen Seele und gleichzeitig an den Neid, Egoismus, an die niedrigsten Triebe der Menge. Dieses verwirrende Gemengsel von Gutem und Schlechtem, von edlen Bestrebungen und niedrigen Gefühlen macht nach der Ansicht dieses Gelehrten die Stärke des Antisemitismus aus und erklärt dessen Verbreitung in allen Ländern. Wir dürfen wohl hinzufügen, daß es zugleich die Schwäche der Bewegung ausmacht und daß all das, was Leroy-Beaulieu von der verwerflichen Methode der französischen Antisemiten sagt, Wort für Wort auf die Antisemiten in aller Herren Länder angewendet werden kann. Zwei Dinge sind es vornehmlich, welche er den Antisemiten vorzuwerfen hat und welche hinreichen, um das größte Mißtrauen gegen die antisemitische Bewegung zu erwecken. Das Erste ist, daß sie den Juden eine Bedeutung beimessen, welche außer allem Verhältnisse ist zur Zahl und zum Genie der Juden, sowie zu ihrem wirklichen Aufstieg in der modernen Gesellschaft. Er kann die Juden nicht so hochstellen, er kann nicht zugeben, daß Franzosen, Deutsche, Engländer, Russen, Amerikaner genöthigt wären, vor einer Handvoll Semiten sich angstvoll zu ducken. Das Zweite, was er den Antisemiten zum Vorwurf macht, ist, daß sie die Juden en bloc behandeln, daß sie sämmtliche Mitglieder einer ethnischen oder religiösen Gruppe en masse verdammen, ohne einen Unterschied zu machen. Diese gewöhnliche Methode der Antisemiten ist ebenso unmoralisch wie unwissenschaftlich; Gewissen und Vernunft lehnen sich gleichmäßig gegen dieselbe auf. Leroy-Beaulieu geht nun den aus religiösen Gesichtspunkten erhobenen Anklagen zu Leibe. Die Juden sollen an der Entchristlichung, an der Verweltlichung der modernen Gesellschaft die Schuld tragen. Nun ist aber diese, auf die Entchristlichung der Gesellschaft gerichtete Bewegung in Europa nicht neu; sie ist jedenfalls älter, als die sogenannte Aera der jüdischen Präponderanz; sie reicht mindestens bis zur französischen Revolution, ins achtzehnte Jahrhundert zurück, ihr Ausgangspunkt ist bei Voltaire (der nichts weniger als ein Judenfreund war) und bei den Encyklopädiften zu suchen. Wenn von jüdischen Vereinen gefaselt wird, welche angeblich in dieser Richtung thätig sind, so können damit wohl nur die Aliance isra&ite universelle und die Freimaurerei gemeint sein. Die Alliance israölite gilt noch immer in den Augen vieler Antisemiten für eine Ait Geheimregierung der Juden der ganzen Welt. Leroy-Beaulieu ist der Sache nachgegangen — was eigentlich eine überflüssige Mühe war — und ist zu der Erkenntniß gelangt, daß diese Meinung nur in der Phantasie einiger Schriftsteller wurzele. Die Alliance israLlite ist um das Jahr 1660 unter dem zweiten Kaiserreich, nach dem Muster einer protestantischen Gesellschaft, der Alliance evangelique, gegründet worden. Wie die Protestanten, haben auch die Juden das Bedürsniß gefühlt, eine Vereinigung in's Leben zu rufen, welche überall die Interessen ihrer Glaubensgenossen, die Freiheit ihres Kultus und die Sicherheit ihrer Personen vertheidigt und sich vornehmlich das Ziel setzt, die Emanzipation der Juden im Orient vorzubereiten oder zu erwirken. Die Alliance wirkt für die moralische und materielle Hebung der Juden; sie hat in Asien, in Afrika, auch in Europa zahlreiche Schulen gegründet; Leroy-Beaulieu hat mehrere dieser Schulen besucht und mit Vergnügen gesehen, daß in denselben nebst der Landessprache auch die französische und deutsche Sprache vorgetragen wird. Er kommt nun auf die Freimaurerei zu sprechen und erhebt als französischer Patriot gegen dieselbe die Anklage, daß sie darauf losarbeite, Frankreich, welches vor Allem einig sein müßte, in zwei Lager zu theilen. Unglücklicherweise muß er denselben Vorwurf gegen die Antisemiten erheben. Hier stößt der Conferencier begreiflicherweise auf lebhaften Widerspruch seitens seines Auditoriums: man wendet ihm ein, die Antisemiten seien in der Majorität. Doch er läßt sich nicht aus dem Text bringen. Die „Majorität" — entgegnete er — ist in Fragen des Rechtes keine Rechtfertigung. Auch die Majorität kann irren; und da der Redner in einer katholischen Anstalt spricht, erinnert er daran, daß die Kirche niemals zugegeben habe, daß die Majorität das Recht schaffe. Und die Zuhörerschaft kann nicht umhin, diese Wahrheit zu bestätigen. An der Hand der Geschichte weist nun Leroy- Beaulieu nach, daß der maurerische Geist nicht identisch sei mit dem jüdischen Geiste. Die Freimaurerei ist zu Beginn des 16. Jahrhunderts durch englische Lords, durch die Freunde der Stuarts in die französische Aristokratie eingeführt worden. Die ersten Freimaurer in Frankreich und auf dem Kontinent überhaupt gehörten dem Adel an. Während des größten Theites des vorigen Jahrhunderts rekrutirten sich die Logen in Frankreich, Deutschland, Polen, Rußland fast ausschließlich aus den Reihen der Aristokratie. Die unglückliche Prinzessin von Lamballe, eines der ersten Opfer der Revolution, war Vorsitzende einer Maurerloge und Königin Maria