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Der Israelit · 1897-06-03 · Heft 44-45 (3.6.1897) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 44-45 (3.6.1897)
Date
1897-06-03
Page
– (sequence 26)
Language
German
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832 scheinlich siedelten zu derselben Zeit noch zahlreichere Familien nach dem näheren Rußland über. Vielleicht hängt hiermit der Einfall eines hier zuerst bedeutsam auftretenden Volks, der Chasaren, zusammen, welche zum ersten Mal im dritten Jahrhundert bei dem Geschichtsschreiber Armeniens erwähnt werden und im Jahre 626 aus dem Gebiet des Don durch die kaspischen Pforten in Persien einbrachen, das Land weit und breit verheerten und es besonders auf die Feuertempel abgesehen hatten. War das eine Rache für die Verfolgung der Juden? Hatten jene Auswanderer die Blicke der Chasaren auf Persien gelenkt? Dann halten sie schon damals einen Einfluß im Chasarenreich gewonnen, den wir in den folgenden Jahrhunderten in bedeutsamster Weise gewachsen sehen. Wir lassen sie indeß vorläufig weiter für sich wirken und wandern fernab durch das in Geburtswehen sich krümmende Europa zum Atlantischen Ozean, nach Spanien, um von dort mit Glanz zu den jüdischen Königen in Rußland zurückzukehren. In Spanien hatten sich Juden bereits zur Zeit der Römerherrschaft in großer Zahl niedergelassen, und zwar nicht blos als Kaufleute und Händler, sondern auch als Landwirthe, Weinbauer, Handwerker; und ihre Thätigkeit, ihre Einsicht segnete ihrer Hände Werk, so daß die christliche Bevölkerung, welche den alten Segen, den Gott nach der Bibel verheißen, bei dem Volke als Erbe sah, ihre eigenen Aecker durch Juden segnen ließ, ein Gebrauch, der auf der Synode zu Jlliberis im vierten Jahrhundert verboten wurde. Die Juden damaliger, wie etwas späterer Zeiten scheinen in Allein, bis aus ihre Religion, in das christliche Volk aufgegangen zu sein! Sie dienten gleich den Christen in den Heeren, und zwar in bedeutender Zahl als tapfere Krieger, wurden deshalb von den gothischen Königen, dem großen Theodorich, Theodat u. A., begünstigt, zu allen Aemteru zugelassen, für Auszeichnung im Kriege, selbst in den Adel ausgenommen (wie später in Polen), uub Verheirathungen zwischen Christen und Juden waren so allgemein, daß mehrere Synoden bis ins 5. Jahrhundert Verbote dagegen erließen. Die Eroberung Spaniens durch die Araber änderte in den Verhältnissen der jüdischen Bewohner Nichts, im Gegentheil wird mit ihr ein höherer geistiger Aufschwung sichtbar. Der Gewerbfleiß, wie die rege Betheiligung an den Wissenschaften, die bald unter den Arabern auftritt, nachdem diese zur Herrschaft gelangt — nicht blos in Spanien, sondern ebenso in Aegypten, Bagdad und Samarkand — dieser Fleiß, diese geistige Regsamkeit findet alsbald unter den Juden dieser Länder den fruchtbarsten Boden, und es schlingt sich ein geistiges Band, besonders von Spanien ans, über die Erde, das immer mehr und mehr neues und altes halbverschollenes Wissen in seinen Kreis zieht. Hierzu haben jüdische Gelehrte einen großen Theil beigetragen, sie sind die Vermittler auf diesem geistigen Markt mit nicht geringerem Eifer gewesen, als auf dem gewöhnlichen das jüdische Volk im Ganzen. Wie Rußland im Osterl Europas, wurde Spanien an dessen Westende seit dem 8. Jahrhundert ein wundersames, aber weit prächtigeres Mischland. Das Leben und Wesen des Orients bringt seine bunten Farben, seine sprudelnde Frische durch die noch urgesunden Söhne der Wüste in die abendländische Dämmerrrng, die sich auf die paradiesischen Fluren Andalusiens wie über die nakten Boden der Mancha Kastiliens gerade so gelagert, wie auf die donische Steppe. Kahl und öde starren noch heut die Gebirge Spaniens empor, ohne unser Waldesgrün, ohne unsre klingenden Quellen, ohne unfern Vogelgesang. Nur in den deheras, in den saftigen Thalschluchten, rauscht und grünt es, und dort allerdings üppiger, als bei uns, aber wie gering ist dieses Grün gegen die übrige Nacktheit und Oede! Aus alles Das blickt noch heut manch hohes, herrliches Bauwerk, glänzend noch in seinen Ruinen, aus maurischer Zeit herüber, und mit ihm verknüpft sich der Glanz hoher jüdischer Gelehrsamkeit und Poesie. Bon diesem Boden Spaniens, aus den Schulen von Cordova, Toledo, Barcelona drang höhere Bildung mit den Juden in den übrigen Westen und die Mitte Europas, nach der Provence, nach Burgund, Holland und Deiltschtand. Welcher Glanz — den Meisten freilich unbekannt — strahlt nicht von den jüdischen Weisen, Dichtern, Astronomen, Uebersetzern, besonders aber von den Aerzten aus, die aus Spanien hervorgingen, von Chasdai, dem berühmten Leibarzt des großen Kalifen Abderrhaman III., bis auf Maimonides (den Arzt Sultan Saladin's von Aegypten), von Hallevi und Jbn Esra bis auf die großen Denker und Staatslehrer der 'Niederlande und Hamburg, denn auch diese stammen aus spanisch-portugiesischer Familie. Der Zuerstgenannte, Chasdai Ben Isaak Ben Schafrut, führt uns nach Rußland zurück, zu den jüdischen Königen der Chasaren, den Stammver wandten der Magyaren (Ungarn). Im Jahre 933 waren diese aus der Ebene von Merseburg den Deutschen unter Heinrich dem Finkler erlegen, und dessen Sohn, Otto der Große, hatte sie im Jahre 955 noch einmal in der für beide Theile so blutigen Schlacht auf dem Lechselde in Baiern geschlagen. Seitdem hörten ihre Einfälle auf. Unter den civilisirten Staaten gingen in jener Zeit Gesandtschaften hin und her, von Deutschland

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