Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1897)
- Date
- 1897-06-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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816 Wahrheit über sein Verhalten hören zu müssen. Schmeichelst du hingegen den Schwächen deines Nächsten, übersiehst du seine Fehler, dichtest du ihm Tugenden und Vorzüge an, die er gar nicht besitzt, so kommt er dir stets liebevoll und wohlwollend entgegen, denn nichts verträgt der Mensch schwerer als die Wahrheit über sein Thun und Handeln. Israel mit seiner Gotteslehre ist das ewige lebendige Gewissen des Menschengeschlechts. Es ermahnt die Völker in seiner heiligen Schrift zur Eintracht und Friedfertigkeit, zur Liebe und Werthschätzung jedes Einzelnen, jeden Menschen als Gottes Ebenbild zu achten, zur Demuth und Bescheidenheit, zur Respeetirung der Menschenrechte, keinen Unterschied zu machen zwischen Arm und Reich, zwischen Gering und Vornehm, zwischen Mächtigen und Hilflosen, und an diejenigen Nationen und Menschen, die Streit und Zwietracht üben, das Recht beugen, die Gewalt mißbrauchen, die grausam und hartherzig sind und in engherziger Anschauung Scheidewände und Schranken ausrichten zwischen Menschen und Menschen, an sie ergeht durch Israel der ewige göttliche Mahnruf: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." „Liebe den Fremdling wie dich selbst." „Alle seid Ihr Kinder des allmächtigen Vaters." „Einerlei Gesetz und gleiches Recht für Alle." Seit Jahrtausenden richten wir diesen Mahnruf an die Völker und Nationen und die Geschichte lehrt, daß die meisten von ihnen uns höhnten und verfolgten, uns haßten und verachteten, uns sogar geistig und sittlich für minderwerthig, für inferior erklärten, weil wir uns erdreisteten, getreu unserer heiligen Mission sie zurechtzuweisen, weil wir ihnen als die von Gott berufenen Wächter und Hüter seines Gesetzes, das Gottesbuch entgegenhielten, welches hart straft die Ungerechtigkeit, welches rächt die Verfolgung, die Unterdrückung und Knechtung an den Nebenmenschen und welches gebietet, gerecht, wahrhaftig, nachsichts- und liebevoll zu sein. Jedes andere Volk würde durch die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen längst verzweifelt seiner Aufgabe untreu geworden sein. Aber Israel trotz seiner traurigen jammererfüllten Erfahrungen verliert nicht den Glauben an die Menschheit, es hält fest an seinem Ideal, daß die Erkenntniß, das Recht und die Wahrheit am Ende doch zum Siege gelangen werden. Die Entwickelung hiezu vollzieht sich wohl langsam aber stetig, sie bricht sich allmählich Bahn mit elementarer Gewalt. Man mag sie noch so sehr aufzuhalten und zurückzudrängen suchen, es nützt nichts, sie kommt dennoch nach und nach zur Geltung und leuchtet und strahlt in das tiefste Dunkel hinein. Unsere Offenbarung ist Gemeingut aller Völker geworden, man anerkennt allenthalben ihren göttlichen Ursprung; das Rechtsgefühl, die Wahrheitsliebe, die Anerkennung der Menschenrechte, das Princip der Humanität fängt an in die harte Menschennatur einzudringen. Und wenn die Humanität unseres Zeitalters vielfach auch nur eine scheinbare ist, welche mit der wahren Menschenliebe nichts gemein hat, so sind wir um die Zukunft nicht bange, auch dieser Schein ist ein großer Gewinn. Wenigstens scheuen sich d i e Völker und Mächtigen der Erde, die von der Wahrheit der göttlichen Offenbarung noch nicht durchdrungen, offen, ungerecht, lieblos, grausam und unmenschlich zu handeln wie ehedem. Und wenn man auch die Liebe als ein von anderen Religionen zuerst gefordertes Gebot auszugeben sucht, und ihnen die ausschließliche Superiorität zuschreibt, auch das schadet nichts. Jeder Kundige und Verständige weiß es heute schon und in Zukunft wird es allenthalben bekannt sein, daß Israel die Segnungen der Offenbarung bewahrt und sie der Welt überbracht hat, daß die Grundlagen der sittlichen Weltordnung, die jetzigen Begriffe über Moral und Sittlichkeit, über Menschlichkeit und Gerechtigkeit und über all das, was den Menschen zum wahren Menschen macht, das; dies alles die Welt dem israelitischen Volke verdankt. Darum, wenn wir wollen, daß Andere uns achten, müssen wir uns selbst achten und schätzen als das Volk der Offenbarung, als das Volk, durch welches die Menschheit durch das Gotteswort befreit und erlöst werden wird, als das Volk, welches die Propheten und Psalmisten hervorgebracht, das geduldet und gelitten für seine erhabene Bestimmung und das den Muth, die lleberzeugung und die Hoffnung nie verliert, daß das hehre Ziel der Offenbarung zu erreichen ist. Wenn wir erst selbst von unserem Gottespriesterthum ganz durchdrungen und erfüllt sind, wenn sich erst jeder Israelit in all seinem Thun und Handeln als erwählter Sendbote der Offenbarung betrachtet und fühlt, dann hat auch die Verwirklichnng derselben einen weiten Schritt nach Vorwärts gemacht: „Und es werden sich mit Israel segnen alle Völker der Erde." Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 28. Mai. Die Jahresversammlitng des Vereins der israelitischen Lehrer Hessens, die Donnerstag den 27. d. M. hier tagte, verlief äußerst stürmisch. Was die erregten Debatten der Vorjahre schon hatten befürchten lassen, trat ein. Das Resultat der diesjährigen Sitzung war eine Spaltung des Vereins, die eonservativen Mitglieder