Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1897)
- Date
- 1897-06-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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817 erklärten ihren Austritt aus demselben. Noch im Sitzungssaale Unterzeichneten 28 von denselben, darunter drei Vorstandsmitglieder, ein Schreiben an die Vereinsleitung, worin sie ihren Austritt anzeigten. Es war dies der dritte Akt des unerquicklichen Schauspiels, das der Kampf um den Beitritt zu einem allgemeinen deutschen Lehrerbunde, unter Direktive des Gemeindebundes, herbeigeführt hatte. Es war Keiner im Verein, der nicht für einen allgemeinen deutschen Lehrerbund gewesen wäre. Jedoch das warme Gefühl für die Ehre und Selbstständigkeit des Lehrerstandes und nicht zuletzt auch sehr berechtigte Befürchtungen religiöser Natur bestimmten in den beiden letzten Jahren die Majorität des Vereins, einem Lehrerbunde, in deffen Vorstand der Gemeindebund Sitz und Stimme haben sollte, nicht beizutreten. Zu den drei Dingen, die die wahre Gesinnung des Menschen enthüllen, gehört nach den Worten unserer Weisen, auch der Zorn. In ihrem Grimme über den Sieg der Conservativenzeigten die Reformer offen, mit welch' tiefem Haß sie uns beehren. Neben dem Präsidenten hatte der Wortführer der Reformpartei seinen Platz und terrorisirte die Versammlung durch Eingriffe in die Rechte des Präsidiums und einseitige, rücksichtslose Handhabung der Geschäftsordnung. Für unsere Gegner gab es kaum ein unparlamentarisches Wort, keine Feffeln der Geschäftsordnung. Der conservativen Partei wurde dagegen aus Allem und Jedem ein Strick gedreht. War diese Vergewaltigung einerseits u.die Hillelsgeduld der Gegner andererseits der Schutzherrschaft des Gemeindevundes schon in den Vorjahren bemerkbar gewesen, so erreichte der Terrorismus der Reformer und als Begleiterscheinung die fast bis zur Grenze des Erlaubten gehende Geduld ihrer Gegner dieses Mal den höchsten Grad. Wir wollen nur einen Punkt erwähnen, wo die Kühnheit der Vergewaltigung eine so unglaubliche war, daß man fast darüber lachen muß. Vor Beginn der Sitzung war ein durch 24 Unterschriften gestützter Antrag eingereicht worden, über den Antrag auf Anschluß an den gemeindebündlichen allgemeinen Lehrerverein zur Tagesordnung überzugehen. In dieser Frage gipfelte das Interesse der ganzen Versammlung, und ihr zu lieb hatte die Reform die umfassendste Agitation getrieben. Sämmtliche verfügbare Reformrabbiner Hessens waren anwesend; darunter Herren, die man seit Jahren bei den Vereinssitzungen nicht gesehen hatte. Man höre nun und staune. Als der betreffende Punkt der Tagesordnung herankam, ergriff sofort der Antragsteller das Wort für Anschluß an den allgemeinen Lehrerbund. Die Conservativen übergeduldig, wie sie sich stets zeigten, ließen den Redner aussprechen. Als sie dann an ihren Antrag erinnerten, wagte der Präsident die Antwort, er habe an ihren Antrag „vergessen." Ein Antrag, der die Hauptfrage berührt, so stark unterstützt, wie noch kein Antrag während der ganzen VereinSgeschichte und — an diesen Antrag wird „vergessen." Der Uebermuth der Reformpartei war aber damit noch nichl auf dem Gipfel. Man wagte allen Ernstes und unter gewaltigem Lärme die absurde Behauptung, ein Antrag auf Uebergang eines Punktes zur Tagesordnung sei unstatthaft und wollte die Abstimmung über den conservativen Antrag verhindern. Diese Vorgänge verbunden mit dem herausfordernden Ton, dessen sich die Gegner befleißigten, ließ den Unmuth der Conservativen aufs Aeußerste steigen. Sie glaubten, daß der Spruch der Antigone: „Nicht mitzu hassen, mitzu lieben, bin ich da", auch ein jede» Mitglied einer Vereinigung von Collegen im Munde führen solle. Da im Vereine statt Liebe, Haß gesät wurde, fanden sie den Zweck des Vereins verfehlt und verließen den ungastlichen Verein, nvni wte ’jk. Die Conservativen wollten den Frieden, der Streit wurde ihnen aufgezwungen. ** Breslau, 31. Mai. Ein schönes Werk edler Menschenliebe ist seiner Bestimmung übergeben worden: Vor einigen Tagen fand in feierlicher Weise die Einweihung der „Israelitischen Altersversorgungs- Anstalt, Julius und Anna Schottländersche Stiftung" in Gegenwart eines zahlreichen geladenen Publikums in der Anstaltssynagoge statt. So ist die Breslauer Gemeinde durch die Munisicenz eines ihrer Mitglieder um ein gemeinnütziges, segenverheißendes Institut reicher, auf das sie stolz sein kann. Mit e nem Kostenaufwande von iU Million in schönster und gesündester Gegend, in der Villenkolonie Kleinburg, unweit des gleichfalls von Herrn Schottländer der Stadt geschenkten Südparkes erbaut, bietet die komfortabel eingerichtete, mit allem Erforderlichen reichlich ausgestattete humanitäre Anstalt den Insassen alle nur denkbaren Annehmlichkeiten: Eine schöne Synagoge, Bibliothek, Lesezimmer, Badezimmer rc. befinden sich im Hause, ein geräumiger Garten daneben. Zur Zeit zählt die Anstalt 36 Insassen, welche aus dem bisherigen Siechenhause übergesiedelt sind, während im Ganzen für etwa 80 Personen Raum vorhanden ist. Zum Inspektor der Altersversorgungsanstalt ist Herr I. Graf, bisher Lehrer in Glogau, gewählt worden. In Anerkennung der durch die hochherzige Stiftung erworbenen Verdienste hat die „Israelitische Kranken-Verpflegungs-Anstalt" Herrn Julius Schottländer zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt. Auch sonst hat die Israelitische Kranken-Verpflegungs- Anstalt mld Beerdigungs-Gesellschaft ebenso wie die mit ihr verbundenen Zweiganstalten in den letzten Jahren, wie der Rechenschaftsbericht für die Jahre 1894, 95, 96 darthut, erfreuliche Resultate aufzuweisen. Reiche Geschenke flössen außer den regelmäßigen Mitgliederbeiträgen der Gesellschaft zu, u. a. 1U Million Mark von dem kürzlich verstorbenen