Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1897)
- Date
- 1897-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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HI^RiI, Jahrgang. Erste Dell, -u M 44 & 45 des ..Israelit« Leitender Artikel. Zum 6. Siwcrn. (Betrachtung zum Offenbarungs-Feste.) Von Rabb. Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). Der bedeutungsvollste Gedenktag im Buche der Menschheitsgeschichte und der Völkerereigniffe ist der sechste Siwan. An diesem Tage feiert die ewige Wahrheit, die göttliche Offenbarung, die Religion ihr hehres Fest. Was bedeuten alle Weltereignisse, alle Umwälzungen auf dem Gebiete der Vernunft, der Wissenschaft, der Cullur, des Fortschritts, der Technik und der Erfindungen; was bedeuten alle Völkerkriege, alle Staatenbildungen und Auflösungen, alle Errungenschaften des menschlichen Denkens und Thuns seit dem Urbeginn der Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag gegen die Segnungen, gegen die Heilsbotschaft, gegen die Erlösung und Beglückung, welche der 6. Siwan der Menschheit gebracht hat! Den Stolzen zu demüthigen, den Elenden aufzurichten, den Unglücklichen mit neuem Muth zu beseelen, den Verzweifelten mit neuer Hoffnung zu ercrfüllen, dem Geringgeschätzten Selbstachtung, dem Wankenden Sicherheit zu verleihen und dem Verfolgten Schutz zu gewähren; Seelenfrieden, innere Freudigkeit des Herzens, wahre Ruhe des Gemüths und Gleichgewicht der Seele in den Stürmen des Daseins zu geben — all' das vermag nur die Religion, die Offenbarung Gottes allein zu bewirken. Die Ergebniffe des menschlichen Wissens tragen wohl das Ihrige bei, das Leben behaglicher und bequemer zu gestalten, aber was den Menschen zum Menschen, zu einem gottähnlichen Wesen, gut, sittlich denkend und fühlend und wahrhaft glücklich macht, das ist das Wort Gottes: v K2tfl2 bv '2 D"ixn 'TP H22 vnbn by üb '2 .D"ixn 'TP Zu Wächtern seiner Offenbarung hat Gott sein Volk Israel bestellt. Jakobs Kinder sollen die Hüter des höchsten Gutes der Menschheit sein. Sie sollen die Sendboten, die Verkünder, die Priester des Gottesreiches auf Erden sein; sie sollen das Gottesbuch von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang tragen, von einem Weltende zum andern; wohin sie kommen werden, sollen sie es aufrollen, damit die Finsterniß zum Licht, die Knechtschaft zur Freiheit, der Haß zur Liebe, die Unwissenheit zur Erkenntniß wird; sie sollen es allenthalben verbreiten und die heilige Saat in die Menschenberzen streuen. ♦tpnp wi D’oro j-dSdö b rein vriw Welch' ein Hochgefühl, welch' ein stolzes Selbstbewußtsein erfüllt das jüdische Gemüth bei dem beseligenden Gedanken, dem auserwählten Stamme des Gottespriesterthums anzugehören! Aber auch welche gewaltig schwere Mission für Israel! .a'-P32 o'trp 2T2*i; bxiv" 'iib -ran Versteinert ist des Menschen Herz, verstockt sein Sinn, sein Geist beschränkt, zugänglich dem Unglauben, dem Aberwitz, leicht empfänglich für Lüge, Falschheit, Ungerechtigkeit, für alle schlechten Triebe und Neigungen, beherrscht von Willkür und Gewaltthat, von Haß und Herrschsucht — und Israel soll die gewaltige Aufgabe übernehmen, deren Erfüllung noch keinem Volke auf Erden gelungen ist; die Erziehung des Menschengeschlechtes zur wahren Erkenntniß. Welch' ein Leidensweg führt zu diesem erhabenen Ziele! Das Gottespriesterthum führt zum Gottesmatyrium. Israel soll durch die göttliche Offenbarung die steinernen Herzen erweichen, sie empfänglich machen für alles Göttliche und Hohe, für alles Gute und Edle; es soll die Geister erleuchten mit dem Lichte der Gotteslehre, den Glauben an den ewigen einzigen Weltenschöpfer und Weltenvater verbreiten, Wahrheit lehren, Gerechtigkeit verkünden, Liebe predigen, Frieden fördern, Milde und Sanftmuth in die Herzen pfianzen, die Menschen befreien von ihren bösen Begierden und sie zu dem heranzubilden, was sie nach dem Gebote der Offenbarung alle sein sollen: Kinder Gottes, eine Familie von Brüdern und Schwestern. Wird es gelingen, diese erhabene Sendung zu erfüllen? Werden die Träger der Offenbarung, die treuen Hüter und Pfleger des Gottesgesetzes, die Lehrer und Priester der Menschheit die verdiente Anerkennung bei den Völkern der Erde finden? Wer darf es wagen solche Hoffnungen zu hegen? Versuche es einmal, o Mensch, und weise deinen ungerechten Bruder zurecht wegen seiner Ungerechtigkeit, halte ihm vor seine Engherzigkeit, seine Lievlosigkeit, seine Willkür und Gewaltthat und belehre ihn in den sanftesten Worten fortan nur gut, gerecht, aufrichtig und liebevoll zu sein. Du bist gewiß der Meinung ein gutes Werk zu thun und dir seinen Dank zu verdienen, indem du die gute Absicht hast, ihn vom Irrwege abzubringen. Aber nur zu bald wirst du enttäuscht, er haßt dich in seinem Herzen, er betrachtet dich als seinen Feind, er weicht dir scheu aus, um nicht von dir die