Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1897)
- Date
- 1897-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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812 1870 war der Ausbruch de» Krieges mit Deutschland für sie da» Zeichen zum Aufstande, und jetzt benutzen sie den häuslichen Streit zwischen französischen Semiten und Antisemiten, um über beide, ihnen gleich verhaßte Gegner herzufallen. Während nämlich Frankreich selbst trotz der Hetzereien Drumonts und seiner Libre Parole von den mittelalterlichen Ausartungen de» Antisemitismus ziemlich verschont geblieben ist, hat in Algerien der Judenhaß nachgerade russische Formen angenommen und sich in der Zerstörung jüdischer Gotteshäuser und der Plünderung jüdischer Geschäftshäuser Luft gemacht. Nach der neuesten Zählung kommen in Algerien etwa auf 271,000 Franzosen 48000 Juden, also auf 5 bis L Franzosen ein Jude. Sicher ist, daß die christlichen Franzosen sie ebensosehr hasten wie die mohamedanischen Araber, aber die jüngsten Vorgänge in Mostaganem, wo Juden die antisemitischen Radfahrer aus Oran angriffen, haben gezeigt, daß sie diesen Haß auch handgreiflich zu erwidern wiffen. Indessen, das Bedenkliche der Bewegung besteht darin, daß die Araber — ihre Zahl beträgt mehr als 3 lf2 Millionen — ein gegriffen haben, daß die Aufstände der marokanischen Grenzstämme bei Uschda, diesseit wie jenseit des GrenzfluffeS Muluya, eine bedenkliche Gährung unter den Eingeborenen veranlaßt haben, und daß ein großer Theil der Truppen des Departaments Oran gegenwärtig an der Grenze steht, also nicht sofort gegen die Ruhestörer verfügbar ist. Immerhin ist infolge der neben der civilen Gliederung der Colonie vorgesehenen militärischen Eintheilung in Divisionen und Subdivisionen, in denen die etwa 50,000 Mann betragende französische Truppenmacht untergebracht ist, die Ueberlegenheit der französischen Streitkräfte dank ihrer guten Ausbildung und Bewaffnung gesichert, und die Spaltungen und Zwistigkeiten unter den Eingeborenen, die schon die Römer so erfolgreich zur Meisterung Nordafrika» benutzten, sind auch heute noch so groß und allgemein, daß eine Entfachung des heiligen Krieges, eine geschloffene Erhebung des mohamedanischen Elementes kaum zu befürchten ist. Holland. Haag, 1. Juni. Hierdurch gestatte ich mir die verehelichen Leser des „Israelit" auf Folgendes aufmerksam zu machen: Im Bade Scheveningeu selbst wohnt kein jüdischer Metzger, der als uw anerkannt ist, oder es jetzt werden kann. Jeder, der in Scheveningen eigene Küche führen will, kann das len-Fleisch leicht aus Haag beziehen. Aber auch in Haag sind sogenannte jüd. Metzger, die ihre Maare neo nennen, welche Äaaren aber sämmtlich absolut als ncit: zu erachten sind gemäß Aussage des Herrn Oberrabbiners. Wer daher Fleisch au» Haag nach Scheveningen beziehen will, ist verpflichtet, sich beim Rabbinat über die Zulässigkeit zu erkundigen. Schließlich theile ich Ihnen mit, daß Hotel Schnitzler in Scheveningeu unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiner T. Tal steht und streng uw ist. Griechenland. (J.) fäoxfu, 15. Mai. Man befürchtet hier allgemein, daß die heurige Eßrogim-Ernte eine ungemein mißliche sein werde, oa durch die Kriegsereigniste die Cedern-Gärten an der albanischen Küste zwischen Prevasa und Panga ungemein stark gelitten haben. Die griechischen Kriegsschiffe haben dort fast alle Küstenorten bombardirt und zugleich auch die Gärten und Felder stark beschädigt. In vielen Ortschaften hat die Bevölkerung wieder es gänzlich Unterlasten, ihre Culturen zur gehörigen Zeit zu bestellen. Die Synagoge im Orte ist schon seit einigen Wochen gesperrt, da die Juden von dort, um den Drangsalen eines Krieges zu entgehen, ausgewandert sind und sich nun theils in einigen albanischen, theils wieder in griechischen Binnenstädten aufhalten. Dieselben werden nun nach ihrer Heimkehr ihre Wohnhäuser halb zerstört und auch ausgeplündert finden, da die Soldaten fast jede Ubicationen mit Beschlag belegt und sich daselbst eingenistet haben. Vermischtes. Berlin Aus dem Kabinet I. Maj. der Kaiserin sind der hiesigen jüdischen Gemeinde wieder 3000 Mk. angewiesen worden und zwar mit der Bestimmung, diese Summe für das Erziehungshaus in Pankow zu verwenden. Feuilleton. Getreu bis in den Tod. 27) Von Mauriee Ma?on Nelly nahm eine schwere Geldbörse und drückte sie inir in die Hand. „Du bleibst in O . . ., bis Du weitere Nachrichten von mir erhältst. In Geldangelegenheiten wende Dich an den Bankier Maurice Esperance, der bereits meine Aufträge erhalten hat. Durch ihn wirst Du auch stets meine Adresse erfahren! Gregorow!" wandte sie sich an meinen Kerkermeister. „Zu Befehl, Gosudarstwo!" „Wo hast Du die Kleider für Herrn Löwenstein?" Ich kleidete mich rasch um und verließ meine Zelle. Soll ich die Gefühle schildern, die mein Inneres durchrauschten, als ich nach Monaten gräßlicher Qual und grausamer Mißhandlung zum ersten Mal wieder die Luft der Freiheit einathmete? Mit wahrem Entzücken hob ich meine Augen zum azurblauen Him-