Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1897)
- Date
- 1897-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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mel empor, der sich mit tausend Sternen über mir wölbte, und voller Innigkeit sprach ich: „Gelobt seist Du, Ewiger, der Du die Fesseln der Gefangenen lösest, die Thüren des Kerkers sprengst!" „Jetzt, Nelly, lebe wohl, und vergiß Deine guten Vorsätze nicht!" „Nein, Du lieber. Du guter Manfred," entgegnete sie mit Herzlichkeit, ergriff meine Hand und führte sie, ehe ich es hindern konnte, an ihre Lippen. „Ich werde sie nicht vergeffeu, ist ja ihre Verwirklichung von nun an meines Lebens einziges Streben!" * * * Meine Heimath habe ich verloren, auch den Namen meiner Familie mußte ich mit einem anderen vertauschen. Meinen Berus, der mir vielleicht Trost gewährt hätte, habe ich verscherzt, mir blieb nur noch die Wissenschaft, in der ich Vergessenheit suchte. In O . . . lebte ich unter dem Namen Löwenftein in stiller Zurückgezogenheit und wich jedem Umgang mit den Menschen aus. Nach sechs Monaten erhielt ich die Mittheilung, daß Nelly eines Knäbleins genesen sei. Drei Wochen später theite sie mir in einem eigenhändig geschriebenen Briefe mit, daß es ihr gelungen sei, ohne Wissen ihres Mannes an dem Knaben das Zeichen des Bundes vornehmen zu lassen. Ich schrieb ihr zurück, daß ich ihren starken Willen, die Schuld der Vergangenheit zu sühnen, aufrichtig bewundere, daß ich aber die Verheimlichung vor ihrem Gatten nicht billigen könne, vielmehr solle sie nichts ohne Wissen und Wollen des Mannes, der der Vater ihres Kindes sei, unternehmen. Zum Schluffe beschwor ich sie, sich ein Herz zu fassen und dem Gatten ein offenes Bekenntniß abzulegen. Ans diesen Brief, den ich ihr durch Vermittlung des Bankiers Esperance zugehen ließ, blieb ich ohne Antwort, und mein Erstaunen wuchs, als drei Jahre verstrichen und mir keine Kunde von Nelly zuging. Unterdeß war trotz meines kärglichen, sparsamen Lebens, das sich auf die allerbescheidensten Bedürfnisse beschränkte, meine Barschaft zu Ende gegangen und ich sah mich gezwungen, zu Herrn Esperance zu gehen, um bei ihm, wie Nelly mir geheißen, Geld zu beheben. Aber wie erstaunte ich, als der Franzose, der auf mich denselben Eindruck machte, wie Nepomuk, bedauerte, niemals ein solchen Auftrag von der Generalin erhalten zu haben. Ich schrieb wiederum an Nelly, erhielt aber wieder keine Antwort. So mußte ich mich ernstlich nach einem Erwerb Umsehen. Ich setzte mich mit einem Blatte in Verbindung, das mich als Mitarbeiter für medizinische Angelegenheiten annahm... Von Nelly hatte ich noch immer keine Nachricht, ich dachte schon, sie habe ihren guten Vorsatz vergessen und der Sturm des Gewissens, der einst ihr Gemüth so mächtig bewegt, habe sich gelcgl, als ich doch eines anderen belehrt werden sollte. In einer eisigkalten Winternacht — die Thurmuhr meldete gerade die zwölfte Stunde — wurde plötzlich heftig an mein Fenster gepocht. Ueberrascht über diese nächtliche Störung, die mir um so befremdender vorkam, als ich nicht begriff, wer den fremden, heimathlosen Mann um diese Zeit aus seinem Schlafe wecken könne, öffnete ich das Fenster. Da wurde mir ein schlafendes Kind und ein Brief hingereicht. Mit sprachlosem Erstaunen hielt ich beide in der Hand und wußte nicht, ob ich wache oder träume. Bevor ich Zeit fand, mich nach der Person, die mir dieselben übergab, umzusehen, war dieselbe verschwunden. Ich trug das Kind in das Zimmer und legte es auf mein Bett. Dann öffnete ich den Brief . . . wird er das Räthsel losen? Ein Ruf der Ueberraschung entfuhr meinen Lippen. Der Brief war von Nelly. Sie theilte mir mit, daß sie unserer brieflichen Vereinbarung gemäß, mir ihr Kind, von dem sie sich mit blutendem Herzen loswand, zur Erziehung übergebe. Sie habe Herrn Esperance, der mir, wie die Quittungen bewiesen, bisher die Summen redlich übergeben, den Auftrag ertheilt, dieselben zu verdoppeln. Ich mußte mich an den Kopf fassen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Ich sollte mich mit Nelly über eine Sache verständigt haben, die ich verwarf und von der ich bis zu dieser Stunde keine Ahnung hatte? Herr Esperance sollte mir Summen übergeben haben, während ich doch bisher keinen Kopeken erhalten hatte. Ich wußte mich in diesem Chaos nicht zurechtzufinden. Unterdeß betrachtete ich das liebliche, von der Kälte rosig angehauchte Gesichtchen des Kinder. Eine eigenthümliche Rührung bemächtigte sich meiner und mit einer fast scheuen Zärtlichkeit küßte ich sein süße» Mündchen, es war Nelly's Kind. . . . Ich brauche Dir, mein Alfred, nicht erst mitzutheilen, daß das Kind kein anderes, als Du warst. Du bist dem einsamen heimathlosen Mann Trost und Ersatz für eine trübe Vergangenheit geworden. Du warst ihm ein milder Sonnenstrahl, der das dunkle Gewölk zerstreute. Doch im ersten Augenblicke grollte ich Deiner Mutter und schrieb ihr noch an demselben Abend, daß sie ihrem Manne ihr ganzes Herz offenbaren müsse, da ein solches Vorgehen weder vor Gott noch vor Menschen Rechtfertigung finden könne. In demselben Briefe theilte ich ihr auch mit, daß Herr Esperance mir keinen Kredit bewilligt hätte. Aber vergeblich, dieser Brief wurde ebensowenig beantwortet, wie die vielen anderen, die ihm folgten. Ich wußte mir diese» Räthsel nicht zu lösen. Eines Tages sollte ich indeß auch darüber Aufklärung erhalten.