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Der Israelit · 1897-06-03 · Heft 44-45 (3.6.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 44-45 (3.6.1897)
Date
1897-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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808 Monats nach dem Auszuge erhebt sich in des Volkes Mitte die Stimme der Unzufriedenheit, wünschen sich die Undankbaren ihre Sklaventage zurück, weil sie in der Wüste kein Brod zu effen haben. Und als der große Gnadenspender seine Hand geöffnet und alle gesättigt hatte mit jenem wunderbaren Himmelsbrod, an dem sich zum ersten Male die segnende Kraft des Sabbat offenbarte, war da des Volkes Vertrauen gestiegen und gefestigt? Erhebt sich nicht, als ihnen bald darauf das Trinkwaffer fehlte, die gleiche Klage, dringen die Wüthenden nicht auf Moscheh ein, daß dieser ausruft: öjkj -ny 'nbpN „Noch ein Weniges — und sie hätten mich gesteinigt!" Und das alles, weil der Durst quält und obwohl der Hunger eben erst in so wunderbarer Weise gestillt worden war 1 Und hier nun, in Maffa und Meriba, an der Stätte der Versuchung und des Streites, da war mne rrr» war das Thor geöffnet auch für den Feind von außen, pbrw as'i Da kam Amalek — und auf die frevelhafte Frage des kleinmüthigen Volkes: ps vn 222^2 -1 tm „Ist Gott in unserer Mitte, oder nicht?" erschallet gleichsam aus Amaleks Munde das grausige Echo: pn „Nicht!" Das sind die Bilder von Rephidim, die Bilder der Undankbarkeit, des Kleinmuths, des Haders und der Zwietracht, das sind die Bilder, an denen wir es erkennen, warum das Volk bei seinem Wegzuge von Rephidim als eine Menge von Einzelnen betrachtet wird, O'iwiv w „s i e zogen weg von Rephidim" getheilten Sinnes, denn was sie in Rephidim gethan und was ihnen dort begegnet war, das hatte sie nicht zu einigen vermocht in gemeinsam vertrauendem Aufblick zu Gott, dies hatte jeden einzelnen von seinem Nachbar getrennt. Es waltete noch in ihnen jener Sklavengeist, der über dem Hunger und dem Durst sich seiner Menschenwürde entäußeri. Es fehlte das einigende Band, das aus der Sklaven rotte ein Volk gemacht hätte, und als sie in die Wüste Sinai kamen und sich dort niederließen, da waren sie einer Schaar von Kindern zu vergleichen, die achtlos an den Wundern vorübergehen, die sich am Wege aufthun, w — ntw — m da war ihr Pfad nichts anders gewesen als ein Wegziehen, ein Ankommen, ein Ausruhen, aber den Gott, der ihnen Großes gethan, hatten sie nicht erkannt und seines Armes Allgewalt hatten sie vergeffen. Wollen wir nun von diesem alten Bilde die Anwendung machen auf die neue Zeit, wahrlich, da bedarf enicht langen Suchens nach diesem Geist von Rephidim; auf Schritt und Tritt bcgegnen wir ihm, außer uns, wie in uns! Unserem spätgeborenen Geschlecht ward die gleiche Gnade zutheil, wie einst den Ahnen, denn auch das Israel unseres Jahrhunderts ist erlöst aus einer vielhundertjährigen Knechtschaft, in welcher es die Ketten der Schmach mit sich schleppen mußte, in welcher all sein Fühlen und Denken darniedergehalten, all sein Thun und Lasten beschwert war mit den Bleigewichten des Haffes und der Verfolgung. Die Knechtschaft ist geschwunden, und die so lange Zeit sich an das Bewußtsein des Sklavendienstes sich gewöhnt hatten und mit dem Sänger klagen durften: vnwvb war? awn w '22 bv „auf meinem Rücken pflügten die Pflüger, zogen sie in die Länge ihre Furchen," die singen heute dem Ewigen ein neues Lied und jubeln auf in der Erkenntniß, daß Gott seine Getreuen erlöst hat. Nur in einem hat das Schauspiel bei den Nachkommen einen anderen Weg genommen, als bei den Vorfahren. Denn während die Ahnen aus Egypten heraus, wohl nach Rephidim kamen, der Stätte, deren Geist wir erkannt haben, von hier aus aber geraden Weges dem Berge enlgegenzogen, von besten Höhen herab Gott mit ihnen sprach, so hat das heutige Israel in Rephidim seine bleibende Wohnstätte aufgeschlagen. Nur wenige Jahrzehnte brauchen wir rückwärts zu blicken, da sehen wir unsere Väter aus der Feffel heraus, die ihren Fuß umschlossen hielt, ihre Freiheit bei Gott suchen und in das Dunkel hinein, das ihre Wohnungen verfinsterte, das Licht des gläubigen Vertrauens entzünden. Uns isi die Feffel gelöst und das Dunkel erhellt — aber wir schmieden uns selbst wieder die Ketten, die uns binden und verlöschen gewaltsam die Leuchte, die uns strahlt! Oder was ist es anders, als ein Mißbrauch seiner Freiheit, ein Rückfall in den Sklavengeist, wenn Israel den einzigen Trost, der es in Zeiten der Noth aufrecht hielt, mit frevelnder Hand zerstört, wenn es das Band der Thora, machtvoll um ganz Israel geschlungen, zu lösen und zu lockern sucht? Und wenn nicht nur seine Männer und Frauen der Gotteslehre den Rücken kehren, sondern das Gift des Abfalls schon in die unschuldigen Herzen der Kinder geträufelt wird, verlöscht Israel damit nicht für alle Zeiten das Licht, welches so oft die Nacht der Leiden durchstrahlt hat und besten trostreichen Schimmer so manche Stunde des Lebens herbeisehnt? Ein Blick auf Rephidim deckt uns die Quellen auf, aus denen dieser trübe Strom hervordriugt: Der Hunger und der Durst, sie sind es, die unser freigewordenes Geschlecht in die Nacht geistiger Knechtschaft zurückwerfen, die Gier nach Geld und Gut und irdischer Habe, die ungestüme, verwegene Jagd nach Schätzen, die unbarmherzig die Blumen am Wege zertritt und den Duft von des Lebens Blüthen verscheucht und verweht, sie hat aus dem Herzen Israels sein höchstes Gut herausgeriffen. Ein Geiz, der für des Lebens Tand, der für lausend Nichtigkeiten des Tages und der Mode die Mittel mit Freuden gewährt, der aber kargt und ängstlich

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