Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1897)
- Date
- 1897-05-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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773 treten eine dringende Nothwendigkeit ist, und eineRemedur auf diesem Gebiete in dem in diesen Zeilen vertretenen Sinne ist möglich, wie uns ein Vorgang lehrt, der nach dieser Richtung hin genau die Wege weist. Ein hiesiger Großschächter Namens E. hatte sich mit seinen jüd. Abnehmern, kleine Detailgeschäfte, überworfen. Zwei Jahre fast dauerte dieser Zustand gegenseitiger Abneigunng. Die Mitglieder der Koscherfleischkommission der jüd. Gemeinde, welche seit Jahren bemüht ist, Wandel zu schaffen, fanden einen Ausweg in der freien leistungsfähigen und würdigen Concurrenz der Firma des E., wobei dieser erklärte, daß es ihm wohl möglich sei, das Fleisch zu erheblich billigeren Preisen als die andern unter Rabbinatsaufsicht stehenden Fleischhandlungen abzugeben. Kaum aber halten die interessirten Koscherfleischhändler von dieser Thatsache Wind bekommen, als sie schnell herbeieilten, mit ihm Frieden schloffen und ihn bewogen, sein Gesuch, unter RabbinatS-Controlle gestellt zu werden, das er bereits eingereicht hatte, wieder zurückzunehmen. So waren die lukrativen Fleischpreise bis auf weiteres wieder durch ein förmliches Ringwesen in Sicherheit und das Ziel zur Erlangung billigerer Fleischpreise in ungewiffe Ferne gerückt. Aber nichtsdestoweniger ist dieser Vorgang meines Dafürhaltens eine wichtige Etappe auf dem Wege, den wir ferner in di8 rebus zu wandeln haben. Etwaige Bedenken, den Verkauf des koscheren Fleisches christlichen Händen anzuvertrauen, sind hinfällig der Thatsache gegenüber, daß in kleineren Städten meistens christliche Fleischer es sind, die den Vertrieb des Koscherfleisches haben, und Klagen über Mißbräuche fast nie oder doch nur in den seltensten Fällen vorgekommen sind. ** Berlin. Ter Herausgeber der „Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift", A. Levin und der Rabbiner Dr. Singer in Koblenz waren seinerzeit vom hiesigen Schöffengericht zu 100 Mk., beziehungsweise 50 Mk. Geldstrafe wegen Beleidigung des Herausgebers des „Antisemitischen General-Anzeigers" Karl Sedlazek verurtheilt worden. Es handelte sich um einen von Dr. Singer verfaßten Artikel der „Allg. Jüd. Wochenschr.", welcher sich gegen die Verbreiter der Behauptung von der Existenz des Ritualmordes wandte und speziell Herrn Sedlazek zu Leibe ging. In dem Artikel kamen Ausdrücke wie „dunkle Ehrenmänner", „Verleumder", „Tintenfisch" vor und es wurde die Möglichkeit hingestellt, daß Herr Ahlwardt dem Herrn Sedlazek sein Reichslagsmandat gegen eine entsprechende Abstandssumme oder gegen Uebernahme der von diesem zu zahlenden Gerichtskosten übtreten könnte. — Gegen das Urtheil war von beiden Seiten Berufung eingelegt. In der Verhandlung am Freitag vor der 8. Strafkammer wurde klägerischerseits eine Erhöhung der Strafe beantragt, während von der Gegenseite unter Bezugnahme auf die Kritik, die dem Kläger im bekannten Mirbach-Prozeß seitens des Oberstaatsanwalts und des Frhrn. v. Mirbach zutheil geworden, eine Ermäßigung der Strafe und die Zubilligung des Schutzes des § 193 beantragt wurde. Auf Ersuchen des Klägers Sedlazek war der Abg. Ahlwardt zur Stelle. Der Kläger beantragte diesen darüber zu vernehmen, daß alle Behauptungen, wonach er beabsichtigt habe, sein Reichstagsmandat zu verschachern, unwahr seien. — Der Gerichtshof lehnte diesen Antrag als unerheblich ab. Frankfurt a. M., 20. Mai. Zu den jüdischen Wohlthätigkeits- und Wohlfahrtseinrichtungen, an denen Frankfurt so reich ist, hat sich eine neue Anstalt gesellt. Eine Anzahl von Herren und Damen hat sich nämlich vereinigt, um eine jüdische Haushaltungsschule zu errichten. Den Mädchen soll darin Gelegenheit gegeben werden, alle zur Führung eines Haushalts nothwendigen Kenntniffe, wie Putzen, Waschen, Bügeln, Flicken u. dgl. selbstverständlich auch Kochen, und zwar sowohl bürgerliche, als feinere Küche, zu erlernen. Die Anstalt beruht auf streng religiöser Grundlage. Damit die Mädchen hinsichtlich ihres sittlichen Lebenswandels überwacht werden, haben sie in der Anstalt zu wohnen. Die von ihnen zu leistende Vergütung ist provisorisch auf 20 Mark per Monat festgesetzt worden. Dieser Betrag reicht indeffen nicht hin, um die Selbstkosten zu decken. Außerdem kostet die erste Einrichtung einer Wohnung ziemlich viel. Das Komitee hat sich deshalb an die Glaubensgenossen um einmalige Gaben und jährliche Beiträge gewendet, und ist bereits von vielen Mitbürgern bedacht worden. Wir hoffen, daß das Unternehmen, welches nicht nur einem zahlreichen Kreise junger Mädchen zu lohnendem Erwerb verhelfen, sondern auch den Hausfrauen brauchbares Dienstpersonal verschaffen soll, sich auch außerhalb Frankfurts der Sympathie und Unterstützung erfreue, damit die Anstalt recht bald ins Leben treten könne. An der Spitze des Komitees stehen Frau Leo Mainz und Herr Alfred Geiger. ** Spandau, 20. Mai. Auf die Antisemiten sind die Korservativen augenblicklich recht schlecht zu sprechen, weil sie von ihnen neue Einbrüche in ihre Jagdgründe besorgen. Ein Artikel der „Schles. Zeitung", der diesen Empfindungen Ausdruck verleiht, gibt dabei einige Einblicke in die internen Verhältnisse im antisemitischen Lager, aus denen hervvrgeht, daß es um die antisemitische Einigkeit nach wie vor ziemlich schlecht bestellt ist. Liebermann v. Sonüenberg,. so heißt es, besitze durchaus nicht den Einfluß, den man ihm zuschreibe, er fühle den Boden unter den Füßen wanken und die Kluft zwischen sich und