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Der Israelit · 1897-05-24 · Heft 41 (24.5.1897) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 41 (24.5.1897)
Date
1897-05-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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764 ob wir den greisen Verfasser vor uns sähen an seinem Schreibtisch und neben ihm die Stöße bestäubter Akten. Im Geiste suchten wir ihm die schwere Geistesarbeit nachzumachen und nachzufühlen, die er dem Leser erspart, suchten wir ihm in die Werkstatt seiner Gedanken zu folgen, die er nun geordnet und gesichtet uns gleichsam auf einem sauber gedeckten Tisch als ein herrliches Menu aufträgt; im Geiste machten wir mit ihm den langen, mühevollen Gang durch die Bibliotheken und Archive. Nicht genug wundern können wir uns auch hier wieder über des Verfassers gründliche und tiefe Geschichtskenntniffe. Welcher Einsicht selbst in die Spezialgeschichte der einzelnen Staaten bis zu den kleinsten herab, welche Sittengemälde vom lasterhaften Hofe Ludwig XIV. bis zu den kleinsten deutschen Staaten, die eben anfingen ihre bisherigen, echt germanischen biederen Zustände zu verlaffen und dem „großen König" nachzuahmen. Aber glaube ja nicht, liebe Leserin und lieber Leser, daß unter dieser Gelehrsamkeit der Roman leidet. Vielleicht hast auch Du ein Mal einen kalten unfreundlichen Winter - Sabbatnachmittag über dem „Gabriel" zugebracht und erinnerst Dich noch der Gier, mit der Du jeden Buchstaben verschlungen, der Spannung, die Dich Sturm und Schneewetter und Alles um Dich herum vergessen ließ? Nun, ich kann Dir mit gutem Gewissen versichern, daß Dich „Judith Löhrach" nicht minder fesseln wird als „Gabriel". Du wirst meinen ein Drama vor Dir zu haben. Gleich der Eingang, die Exposition, da wir von der schweren Schuld des Herzogs erfahren, von Nebensächlichem allmählich medias in res geführt werden, wie meisterhaft ist es gezeichnet! Erst das dritte Kapitel bringt uns zu Juden, zeigt uns zum ersten Mal die Heldin des Romans. Dann geht es in raschem Tempo dem Höhepunkt zu. Lange habe ich gezweifelt, ob nicht zwei Akmen (Höhepunkte) vorhanden seien, bis ich einsah, daß hinter dem tragischen Moment, da Judith vor dem Herzog erscheint, selbst der fürchterliche Augenblick jener verhängnißvollen Nacht zurückstehen müsse, da die Liebenden ihre Flucht verrathen sahen, und bis ich mir bewußt wurde, daß dieser Jrrthum in mir nur geweckt war durch die hinreißende Erzählungskunst bei den gegenseitigen Enthüllungen des Ehepaares Barchim einerseits und Emkek von Polows andererseits, wobei die Erzählung des Letzteren, besonders die Rede des Herzogs Ullrich ein Meisterstück ist. Es geht uns da wie den Eheleuten Barchim, die auch nicht zu hören, sondern mitzuerleben wähnen. Sie bekunden das durch ihre Einwürfe, die — an und für sich eine Glanzleistung — die Handlung nicht einschlafen und uns durch den lebhaften Gefühls¬ und Meinungsaustausch nie vergessen lassen sollen, daß die Erzählung nicht an uns, sondern an Barchims gerichtet ist. Ebenso ausgezeichnet sind die Selbstgespräche des Herzogs, die uns den Blick in die Tiefe dieser verworrenen Seele thun, in ihrem Grunde die geheimsten Gedanken des Unglücklichen lesen lassen, seinen plötzlichen Stimmungswechsel motiviren und dadurch auch die Handlung mächtig vorwärts bringen. Welch' feine Charakterzeichnung, treffend bis auf den geringsten Zug, selbst bei den Personen, die nur eine untergeordnete Rolle spielen, z. B. der Prinzessin Magdalene oder dem Kammerdiener Leukhardt. Welche Kontraste malt der Meister. Hingebendste Selbstlosigkeit und größter Egoismus; tiefste Gottesgläubigkeit und verderbteste, lasterhafte Mißachtung alles Göttlichen, Heiligen, Moralischen: beispiellose Geistes- und Seelengröße und lähmendste Schwäche und leicht beweglicher Sinn. Dabei kommt dem Verfasser überall seine edle Sprache zu Statten. Ja, ihr leichter Fluß reißt ihn manchmal mit, daß er etwas zu rethorisch wird und namentlich seiner Heldin Reden in den Mund legt, deren Länge die Aufregung des Momentes gewiß nicht gestattet. Diese Unnatürlichkeit ist wohl das Einzige, was man an dem Werke aussetzen kann, und auch sie erscheint leicht verzeihlich, wenn man bedenkt, mit welch' hohem Grade der Jdealisirung der Verfasser seine Heldin umgiebt, wozu denn auch die edelste und vollendeste Sprache und Rede gehört. Andererseits versteht es der Verfasser, oft mit einem kurzen Satze, ja mit einenl einzigen Worte wunderbar treffend Charakter, Situation, Gefühle und Empfindungen zu beleuchten. Die Anspielungen auf Vorausgegangenes (wenn z. B. Judith oder Simon dieselben Worte gebrauchen, wie Raphaelo) auf den weiteren Verlauf, die Verwicklung und den Ausgang, die man erst beim zweiten Durchlesen entdeckt, sind des Meisters würdig. Nun möchten wir noch ein paar Worte zur Tendenz sagen. Vor nun 37 Jahren, da unser unvergeßlicher Dr. Lehmann Vsn dieses Blatt begründete mit der Bestimmung für die Orthodoxie gegen die Reform zu kämpfen, da schrieb er auch jene herrlichen Erzählungen (Vergangenheit und Gegenwart, Rabbi Joselmann von Rosheim, Rabbi Akiba re.) die er zuerst in diesem Blatte veröffentlichte, um in deutscher Zunge und in leichtfaßlichen, spannenden Erzählungen, diejenigen für die Sitten und Gebote unseres Volkes zu begeistern, die diese im Urtext nicht verstehen konnten,

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