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Der Israelit · 1897-05-24 · Heft 41 (24.5.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 41 (24.5.1897)
Date
1897-05-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVIII. Jahrgang. Beilage M M 41 ües Israelit" Literarischer Mericht- Gin neuer Auch van K. Kahn*) liegt vor uns. Es erscheint im Verlage von Josef Singer in Straßburg i. E., jener Universitätsbuchhandlung, deren wir seit der kurzen Zeit ihres Bestehens schon öfter erwähnten, die damit zum ersten Mal als Verlagsbuchhandlung vor die Oeffentlichkeit tritt. Wir halten eS für einen äußerst glücklichen Gedanken des jungen orthodoren Buchhändlers gerade mit diesem Werke seine Verlegerlaufbahn zu beginnen und beglückwünschen ihn von ganzem Herzen dazu. Durch freundschaftliche Beziehungen zu dem Verfasser gelang es Singer ihn zu bestimmen, diesen Roman bei ihm erscheinen zu lassen. Wir hoffen, daß der berühmte Verfasser, nun, da er einmal den Anfang gemacht, sich auch entschließen wird, noch mit manchem weiteren edlen Tropfen aus dem überreichen Borne seiner herrlichen Erzeugniffe, den er bisher ängstlich gewahrt und gehütet, seine durstigen Glaubensgenossen zu laben und zu erquicken, zum Besten und Frommen des Judenthums nach Innen und Außen. Dieser Entschluß dürfte ihm umso leichter fallen, da er erst in der allerletzten Zeit an seinem ältesten und seinem jüngsten Geisteskind die größte Freude und den durchschlagendsten Erfolg erlebt hat. — „Gabriel" erschien in allen Theilen der Welt und in den Sprachen aller größeren Kulturvölker, wurde in der Tauchnitz-Edition den Meisterschöpfungen der Dichterfürsten: Göthe, Schiller, Lessing rc. angereiht, und die eben nach nahezu einem halben Jahrhundert nach der ersten Veröffentlichung erscheinende dritte Auflage dieses Romans wurde als unabweisliches Bedürfniß gefordert, ein Ereigniß, das mindestens zu den seltensten gehört. „Ein deutscher Handelsherr" erfreut sich der allgemeinen Anerkennung, auch von den vornehmsten und größten Journalen. In vorliegendem Roman „Judith Löhrach", der mit zu den Besten gehört, was Kohn je geschrieben, sind alle Vorzüge des berühmten Verfaffers vereint. Der Inhalt ist kurz folgender: Der Erbprinz eines kleinen Herzogthums lernt die Braut seines Sekretärs und Busenfreundes kennen. Die Braut verheirathet sich mit dem Prinzen. Der Vater des Prinzen löst die morganatische Ehe *) Judith Löhrach. Verlag von Josef Singer, Straßburg i. E. Preis geheftet 3.00 Mk., geb. 3.80 Mk. auf. Kurz darauf stirbt die junge Frau, nachdem sie einem Mädchen das Leben gegeben. Das Mädchen, die Heldin des Romans, bekommt durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände, Juden zu Pflegeeltern. 22 Jahre alt, erscheint das Mädchen vor ihrem Vater, der inzwischen Herzog geworden, um seine Gnade für ihren Pflegebruder und Verlobten zu erflehen. Es folgt Erkennung und nach mancher aufregenden Scene eine glückliche Aussöhnung; Judith bleibt ihrem anerzogenen Glauben und ihrem Verlobten treu. Du merkst sofort, liebe Leserin und lieber Leser, die Quintessenz des Ganzen ist weiter nichts als wieder einmal eine Umschreibung der traurigen Wahrheit, daß das Glied eines hohen, regierenden Hauses sein Herz an eine einfache Bürgerstochter verliert, und daß Geburt, Erziehung, Rang, Amt, Familie sich zwischen die beiden Liebenden stellen und sie trennen, — dieselbe Idee, die schon in tausend und abertausend Romanen behandelt ist. Also auf der einen Seite ein Fürst, der absolute Fürst der letzten Jahrhunderte, der andererseits durch die eigentümliche Verwicklung der Verhältnisie mit Juden, den bedrückten und verachteten Juden der vergangenen Zeiten zusammentrifft.' Dieselbe Idee, die allen diesen hiftor.-jüd. Romanen zu Grunde liegt, die der Verfasser schon so oft in seinen Erzählungen in den mannigfachsten und buntesten Variationen behandelt hat. Aber das beweist eben den Künstler, den Meister, daß er den Thon formen kann, wie er will, daß das Leben, das sein schaffender Genius der toten Masse einftößt, kein monotones, daß die Gestalten, die es ihm zu verleihen vermag unzählige, — daß die Töne und Melodien demselben Motive entstammen können, und doch jede anders, jede verschieden, jede ein Ganzes für sich sein kann, so daß sie uns als etwas ganz Neues, bisher Unbekanntes, noch nie Dagewesenes erscheint. Ich kenne nur noch einen Einzigen von den Vielen, die sich auf diesem Gebiete versucht haben, der in gleicher Vollkommenheit und Meisterschaft den Stoff beherrschte und die starre Maffe in die Form zwingen konnte, die ihr sein Geist geben wollte, nämlich D r. Markus Lehmann in seiner,„Vergangenheit und Gegenwart", in seinem „Rabbi Akiba" rc. Was hat Kohn in vorliegendem Buche aus diesem Gedanken zu schaffen verstanden! Trotz der engen Grenzen, die ihm die grausamen Zahlen, die nackten Thatsachen der Geschichte zogen; trotz der Schranken, die ihnen die Tendenz des Romanes setzten. Uns war es, als wir das Buch beendet, als

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