Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 41 (24.5.1897)
- Date
- 1897-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wenn man auch sich auf Seiten der jüdischen wissenschaftlichen Welt verwahrt, und diese Resultate der Wissenschaft bis in ihre äußerste Konsequenz nicht anerkennen will, sondern immer noch die Gottesidee als das Wahre und. Hohe der jüdischen Religion hochzuhalten vorgibt, vielleicht aus Scheu davor, dem Volke der Religion sein Höchstes zu rauben, vielleicht auch aus Furcht, als Jude so unjüdisch vor seinem Volke dazustehen: aber was soll denn der fortgesetzte Angriff, die zersetzende Kritik _ der Thauroh, die von den Hochschulen der jüdischen Wissenschaft ausgeht, aus denen die Lehrer und Führer der jüdischen Gemeinden hervorgehen? Hält man diesen Standpunkt als den der Forschung einzig richtigen, wahren und würdigen? Man will die Religion und den Glauben beleben, fort und fort werden Religionsbücher herausgegeben, von allen Kanzeln wird Religion gepredigt; aber die wissenschaftliche Kritik der Thauroh, die von denselben Männern geübt wird, macht diese Religionsbücher, diese Predigten illusorisch, wollen dem reifen Verstand nahe legen, was Jemand als Kind gelernt, was in der Synagoge gepredigt, war — Kinderglaube, war nur für das Volk bestimmt, das ohne seine Religion nicht sein kann! Mehr wie je muß man fragen: an* ’no cmjwt tip O'NMO „Wie lange wankt ihr hin und her, hängt zwei Gedanken nach?!" Es ist ein gefährliches Spiel, die jüdische Religion hoch halten zu wollen und die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Thauroh anzutasten. Thauroh und Jisroel gehören innig zusammen. Ohne unser heiliges Gesetz gibt es kein Jisroel. Wundert man sich vielleicht darüber, daß immer und immer wieder im modernen Judenthum die Frage auftaucht, ob man nicht den rar verlegen soll?'. Es ist eine uralte Erfahrung auch in der Menschen- und Weltgeschichte: Was nicht lebensfähig ist, stirbt von selbst ab. Wenn aber in der ganzen Menschen- und Weltgeschichte irgend etwas feine Lebensfähigkeit bewiesen hat, so ist es Jisroel mit seinem Gottesgesetze. .nnto rraow v'p'inrH v«n py n'n nun „Die Gotteslehre ist ein Lebensbaum denen, die sie erfassen, und die sie festhalten, sind glücklich." Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 21. Mai. Unserm Versprechen gemäß, bringen wir hierdurch die schöne Gedenkrede zum Abdruck, welche der Direktor der Israel. Waisenanstalt für das Königreich Bayern in Fürtb, Herr Rabbiner D r. Deutsch, am 7 Jjar d. I. nach einer zu Ehren des verstorbenen Baron Moritz v. Hirsch abgehaltenen erhebenden Andacht vor den Zöglingen seines Hauses*) gehalten hat. Die Rede, welche das humane Wirken des Verstorbenen, sowie das hochherzige Thun seiner ihm überlebenden Gattin ins rechte Licht setzt, hatte folgenden Wortlaut: „Liebe Kinder! Zu ernster Gedenkfeier haben wir uns hier versammelt. Wir werden nicht die Einzigen sein, die heute zu solcher Feier zusammentreten. Ueberall, wo Menschen von Gefühl und rein menschheitlichen Empfindungen leben, wird dieser Tag als ein Tag wehmüthiger Erinnerung begangen werden. Auf heute nämlich fällt die erste Wiederkehr der Todestages des Baron Moritz von Hirsch. Vor Erwachsenen brauchte ich nickt mehr zu sagen, um ihnen die Bedeutung dieses Tages und dieser Feier zu erklären. Denn sie alle missen es, daß das Leben Moritz von Hirsch's, das heute vor einem Jahre jäh und unerwartet beschlossen ward, ein kostbares Besitzthum nicht nur seiner Familie, feinem Lande, seiner Glaubensgemeinschaft, sondern auch der gesammten Culturmenschheit gewesen ist. Solche Kenntniß kann aber nicht von Kindern erwartet werden, die, von den öffentlichen Vorgängen unberührt, nicht wissen, welchen Antheil die eine oder die andere Person an denselben genommen hat. Aber gerade die Kinder haben es am nöthigsten, daß ihnen das Bild solcher Edlen, wie es die Schilderung des Lebens Baron Moritz v. Hirsch's bietet, vor die Seele geführt werde. Sie gewinnen hieraus Stärkung und Festigung in dem Vorsatze zum Guten. Bei Armen und Waisen erweckt, das Bild des Lebens solcher Personen Vertrauen zu der eigenen Kraft, wie zu der barmherzigen Liebe zu der Menschheit. Auch das schöne Gefühl der Dankbarkeit wird erweckt, wenn Kinder sehen, daß man die großen Dienste nicht vergißt, die gottgesandte Männer geleistet haben, und daß man deren Gedächtniß über das Grab hinaus segnet und ehrt. Die Segnung haben wir durch unsere Gebete vollzogen; lasset uns nun auch die Ehrung durch einige würdige Worte vollbringen. Meine lieben Kinder! Mit dem heute vor einem Jahre erfolgten Ableben Baron Moritz v. Hirsch's hat ein Leben seinen Abschluß gefunden, das, getragen von einer edlen Idee, auszefüllt war von den umfassendsten Liebeswerken, welche die Menschheit je gesehen. Von Gott berufen, ein Werkzeug seiner Liebe auf Erden zu sein, hat er dieser Berufung entsprochen, wie kein anderer vor ihm. Was der verlebte Baron Moritz v. Hirsch auf dem Gebiete der Mildthätigkeit geleistet, steht unerreicht und unvergleichlich da in der Geschichte des Wohlthuns. Ihm schien kein Opfer zu groß, keine Leistung zu schwer, wo es galt, dem Drange der Menschenpslicht zu genügen. Im Cultus des Wohlthuns befriedigte er seine heiligsten Gefühle. Der Lieblosigkeit zu steuern, die Güter der Bildung und Gesittung mit seinen *) Dieser Umstand erklärt die sprachliche Form der Rede, welche einfache Satzgefüge, wie sie dem kindlichen Fassungsvermögen angemessen sind, bevorzugt.