Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 41 (24.5.1897)
- Date
- 1897-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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756 dieser innigen Zusammengehörigkeit von Thauroh und JiSroel nicht das Geringste geändert, ja sie hat unserem Volke erst recht zum klaren Bewußtsein gebracht, wie seine Erhaltung und die Erfüllung seiner hohen Aufgabe einzig von dem Festhalten an dem Gottesgesetze abhing. Und darum hat es die unverfälschte Erhaltung des Gotteswortes sich aufs höchste und ernsteste angelegen sein lasten. Und welcher Aufwand von Geistesschärfe, von kritischem Geiste, von Ausdauer, Muth und Opferfähigkeit war nöthig, um sich die Thauroh durch all die Jahrtausende zu erhalten, sie gegen die Angriffe und Anschuldigungen, die sich zugleich gegen die Person richteten und unserem Volke tausendfache Gefahren, furchtbare Entbehrungen, unsägliches Elend zuzogen, zu vertheivigen Es war ein Heldenkampf ohne Gleichen, den das Volk Israel mit den größten und gebildetsten Völkern der Erde wegen seines Gottesgesetzes zu führen hatte, und Niemand wird behaupten können, daß eS in diesem Kampfe unterlegen wäre. Nach mehr als 3000 Jahren steht Israel mit seiner Thauroh im Arme auf der Arena des GeifteSkampfes da, um sie zu vertheidigen, um ihre Wahrheit, ihre Göttlichkeit zu verfechten. Um daS zu ermöglichen, um in einem solchen Riesenkampfe nicht zu ermatten und zu ermüden und nicht zu unterliegen, dazu gehörte tiefinnerste Ueberzeugung der großen ewigen Wahrheit seines Gotlesgesetzes, da hätte ein einfacher Glauben nicht solche unbesiegbare Kraft besessen. So trat unser Volk in das 19. Jahrhundert der Verbannung. Und was diese 18 hundert Jahre nicht vermocht, das schien jetzt zur traurigen Wahrheit werden zu wollen. Aus der eigenen Mitte entstand ein Feind des Gottesgesetzes. Das moderne, gebildete Judenthnm nahm feindliche Stellung gegen die Thauroh und hat in kurzer Zeit viele Tausende überredet zum Abfall von ihr. Mensch enw erk sei auch dieses heilige Buch; Widersprüche, Ungerechtigkeit wollte man Nachweisen, die Thauroh ganz und gar ihres göttlichen Ursprungs entkleiden. Man hat die Entftehungszeit ihrer einzelnen Theile auf viele, Jahrhunderte von einander getrennte, Zeiträume nachzuweisen versucht, also ganze Theile nicht einmal als durch Moscheh überlieferte, anerkennen wollen; kurz, man geht an die Forschung der Thauroh heran mit der Kühnheit und Ruhe des Operateurs, der eine schwierige Operation vornimmt und sich des gelungenen Werkes freut, das vielleicht dem Patienten das Leben erhält, ihn aber für immer mit dem verstümmelten Körper unfähig macht zu jeder Thätigkeit, sich zu erhalten. Man staunt die Tüchtigkeit des Arztes an, rühmt seine Geschicklichkeit; das arme Opfer der Wistenschaft aber wird höchstens noch als interestantes Objekt der Wistenschaft demonstrirt. So will man heute das Judenthum retten, erhalten, lebensfähig machen. - Wenn die nichtjüdische wissenschaftliche Welt mit diesem Buche der Bücher so verfährt, fo können wir ihr daraus keinen Vorwurf machen. Ihr gilt es nur als ein Menschenwerk, das wohl interessant, von historischer Bedeutung, auch werthvoll durch die darin enthaltenen großen Ideen, die für alle Welt und alle Zeiten bleibenden Werth beanspruchen dürften und als eines der ersten und Hauptzeugen der Urgeschichte der Menschheit von höchstem Interesse; aber ein göttliches Gesetz ist es ihr nicht. Darf das aber auch der Standpunkt des jüdischen Forschers sein? Muß er nicht ein ganz anderer sein? Sobald ich Kritik übe an der Thauro und an sie herantrete, um zu prüfen, ob sie in der That aus einer Zeit stammt, durch den einen Mann Moscheh niedergeschrieben, oder ob nicht in einem längeren Zeiträume durch mehrere Personen verfaßt ist: dann spreche ich Zweifel aus gegen das Wort Moscheh's, dann bezweifle ich das Wort der Thauroh, das da lautet: we n *n-m, dann müßten die späteren Verfasser Lügner sein, die unter dem Namen Moschehs schreiben, die das von ihnen Geschriebene als Gottes Wort ausgeben. Die einfache Konsequenz ist dann: Kein Gesetz ist göttlich, kein Wort der Thauroh verbindend. Diese Consequenz hat heute das moderne Judenthum ganz und gar aus dieser Stellung zur Thauroh für sich gezogen und wir erleben die traurige Erscheinung, daß von vielen Seiten fortgesetzt Angriffe gegen das eigene Religionsgesetz und den uralten Glauben Israels an Gott, als den Schöpfer und Weltenlenker gerichtet werden, um, wie man vorgiebt, auch unser Volk auf eine geläuterte Gottesanschauung und auf die Höhe der modernen Wissenschaft zu stellen. Man hat vielfach unserem Volke seinen Glauben und seinen Gott genomnien und ihm dafür Ideen, Hypothesen gegeben, Ideen und Hypothesen, die ihm das genommen haben, was die Menschen beglückt und aufrecht erhält, um den schweren Kampf des Daseins zu kämpfen und zu bestehen, und dafür ihm ein unfaßbares, unfruchtbares, haltloses und niemals zu beweisendes sogenanntes „Resultat der Wissenschaft" gegeben, das annimmt, die Welt habe sich selbst geschaffen vor Tausenden von Millionen Jahren. — Und wir Juden mit unserer hohen, reinen Gottesidee sollten diesem „Resultat" den Vorzug geben, daran Gefallen finden, weil Männer der Wissenschaft es für die Wahrheit der modernen Weltanschauung ausgeben? Ist es denn heute zum erstenmale, daß solche wissenschaftliche Resultate verkündet wurden und Anhänger fanden? Und ist nicht die Gottesidee des Judenthums doch die herrschende Anschauung der Gesammtwelt geblieben?