Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-05-20 · Heft 40 (20.5.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 40 (20.5.1897)
Date
1897-05-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448743--43913-2492984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

737 Nach stand ich zu sehr unter dem Eindrücke des grauenhaften Ereignisses, als ich es in seiner ganzen Tragweite zu fassen vermochte. Ich fühlte das stürmische Pochen meiner Brust, das Hämmern in meinen Schläfen; auch empfand ich einen dumpfen, stechenden Schmerz in meinem Innern, aber keine Muskel zuckte in meinem Antlitz . . . Mein Denken schien seine Funktion eingestellt zu haben. Unwillkürlich fiel mein umhcrirrender Blick auf den Spiegel, der über dem Kamin mir gegenüber hing, aber das Bild, das er mir zeigte, blieb ohne Eindruck auf mich, obgleich es schreckenerregend genug aussah. Erdfahle Blässe bedeckte mein Gesicht, aus dem die Augen in irrem Blick mir entgegcnstarrten. Kalter Schweiß perlte mir auf der Stirn, meine Pulse flogen, aber dennoch begriff ich nichts von dem, was um mich her vorging, und fuhr fort, mit theiluahmslosen Blicken auf das in feinem Schmerze ganz aufgelöste Mädchen, auf den stöhnenden und jammernden Mann zu schauen Mein Auge fand keine Thräne, mein Mund kein Wort der Klage unb des Trostes. Und als die Leiche in einem reich geschmückten, unter Mumen und Kränzen schier verschwindenden Sarg nach dem jüdischen Friedhof getragen wurde, wankte ich wie ein Träumender hinterdrein. Erst als ich die erste Schaufel Erde auf das frische Grab warf, verließen mich meine Kräfte: mit lautem Aufschrei brach ich ohnmächtig zusammen. — Als ich wieder erwachte, befand ich mich im Hause des Oheims, der mit besorgter und zärtlicher Miene über niein Lager gebeugt war. Eine Thränenfluth befreite endlich meine Brust von dem drückenden Alp; schweigend und tiefbekümmert drückte der Onkel meine Hand. Der Manu sah um zehn Jahre gealtert aus. Ein Zug von Weichheit und Milde, der dem strengen, stolzen Gesichte sonst fremd war, umspielte seine Lippen. In leidenschaftlicher Erregung warf ich mich in seine Arme; er drückte mich an seine Brust und sagte mit tiefer, wehmüthigsanfter Stimme: „Sei ruhig, mein Sohn! Ich werde mich bestreben, im Sinne und Geiste meiner verklärten Gattin zu leben!" Die Worte drangen so tief in meine Seele, daß ich mein eigenes Leid vergaß ltttb voll freudiger Ueberraschung ausrief: „Gott segne Dich für diesen Entschluß!" Aber da schoß die Erinnerung an das Erlebte durch mein Gehirn und trieb mir eine Blutwelle zu Kopfe; ich hielt inne und — schwieg-— Einige Monate später. Der ewig fluthende Strom der Zeit kiihlt den brennenden Schmerz, verwischt das Weh empfangener Wunden; aber jeder Wellenschlag bringt mit den neuen Freuden auch neue Leiden. . . . Die sieben Trauertagc waren vorüber. Dem Wunsche der Tante folgend, war ich in das Haus meines Oheims übergesiedelt. Einige schöne, luftige und bequeme Zimmer wurden mir zur Benutzung überwiesen, von denen ich eins zum Empfangssalon für Patienten, ein anderes zum Studirzimmer, ein drittes zum Schlafgemach cinrichtete. Meine ärztliche Hilfe wurde noch weniger als früher nachgesucht: die Armen mochten sich wohl an den Neffen des reichen Eholikoff nicht heranwagen, und die Wohlhabenden suchten meine Hilfe erst recht nicht. So blieb mir sehr viel Zeit zum Studium, die ich auch nicht unbenutzt vorübergehen ließ, da ich in wissenschaftlichen Arbeiten Genesung für mein krankes Gemüth zu finden hoffte. Aber die Erfüllung dieses Höffens sollte mir versagt bleiben. Mit Nelly traf ich nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten zusammen, niemals richtete sie das Wort an mich, und der finstere, vorwurfsvolle Blick, mit dem sie mich anschautc, benahm mir den Muth, auch über harmlose Dinge ein Gespräch zu beginnen. Es entging mir nicht, daß sic sich Mühe gab, eine ängstliche Scheu zu verbergen, die sich ihrer jedesmal zu bemächtigen schien, wenn sie meiner ansichtig wurde, und mein instinktives Empfinden sagte mir, daß sie den Moment fürchtete, wo ich sie an die letzten Worte der Tante gemahnen könnte. Immer wieder nahm ich mir vor, sie von dieser Furcht zu befreien und ihr zu sagen, daß ich sie freigebe und jene Worte als ungesprochen betrachte; aber immer wieder entsank mir der Muth, das entscheidende Wort zu sprechen. Wohl sagte mir mein Herz, und bestätigte mir die kühle Zurückhaltung, daß all' mein Hoffen Wahnsinn war, daß sie nie die Meine sein würde, aber trotzdenl kam jenes Wort nicht über meine Lippen, mit dem ich selbstmörderisch die Anwartschaft auf mein heißersehntes Glück für immer zerstören mußte. Daß unter den bangen Zweifeln, die mich verzehrten, auch mein physisches Ergehen leiden mochte, kann nicht Wunder nehmen, als Arzt erkannte ich es selbst, daß ein körperliches Siechthum meine Kräfte allmählig aufreiben mußte, und so rang ich mir den Entschluß ab, zu dem mich der Onkel immer wieder drängte, an den Quellen von Ems Erholung und Kräftigung zu suchen. Hoffte ich ja, in dem Fernsein von der Geliebten die Kraft der Entsagung zu finden und so die Wurzel des Uebels, an dem mein ganzes Sein krankte, zu beseitigen .... Aber auch in dieser Hoffnung sollte ich erbarmungslos betrogen werden. Bon rasender Sehnsucht gequält, zählte ich die Tage und Stunden, bis ich wieder in der Nähe derjenigen weilen würde, der mein ganzes Sinnen und Denken galt, und als ich endlich in das Haus des Oheims

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.