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Der Israelit · 1897-05-17 · Heft 39 (17.5.1897) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 39 (17.5.1897)
Date
1897-05-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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"<L'7^M»<?N»v7r lll stände zu. Das ganze Land wird von einer Clique beherrscht, die alles terrorisirt und von der Corruption angeekelt, ziehen sich die anständigen Elemente resignirt zurück. In Galizien sterben jährlich Hunderte von Leuten den Hungertod. Der Galizier ist überhaupt schlecht genährt und deshalb ist seine Arbeitsleistung eine geringfügige. Diese Behauptung hat ein Mitglied des reichsräthlichen Polenklubs, Szczepanowski, in seinem Werke „Nendza Galicgi" — die Nothlage Galiziens — das bei seinem Erscheinen solch ein trauriges Aufsehen erregte, ausgestellt und auch statistisch bewiesen. Zum ersten Male hatte ein Pole, der überdies auf nationalökonomischem Gebiete eine Autorität ist, den Muth, seinen Connationalen die Wahrheit zu sagen und sie darauf aufmerksam zu machen, welcher Zukunft sie entgegengehen. Szczepanowski, der in mehreren Ländern die wirtschaftlichen Verhältnisse ftudirt hat, hat sehr viel zur Entwicklung der Naphtaindustrie in Galizien beigetragen, ist Besitzer mehrerer Naphtagruben, und seine Stimme fand im Lande ein mächtiges Echo. Er war der Erste, der auf das galizische Elend hinwies, und Mittel und Wege namhaft machte, wie demselben langsam zu steuern sei. Er hatte die Courage, einen Aderlaß, eine kleine jährliche Auswanderung anzuempfehlen, eine Steigerung der Bodenerträgnisse durch einen rationellen Anbau und Hebung der Ertragsfähigkeit durch Anwendung aller technischen Errungenschaften der Neuzeit. Trotzdem das Elend der Juden Galiziens ein himmelschreiendes ist, haben manche polnischen Organe die Frechheit, auf jüdischen Reichthum hinzuweisen. Weil hie und da ein Jude ein kleines Vermögen hat, wollen sie das bodenlose, unergründliche Elend der Massen nicht sehen. Szczepanowski hat in seinem Werke, das auf offiziellen Daten bafirt, den Beweis erbracht, daß der Jude im Durchschnitte viel weniger verdient als der Christ, dafür aver bedeutend sparsamer ist und wenn er was einbringt, so spart er sich das vom Munde ab. Ueberdies sind ihm viele Subsistenzmittel, die obendrein mit socialer Stellung und Einfluß verbunden sind, die Beamtenstellen verschlossen und während jedem Volke, jeder Volksklasse ein Theil der Steuerleistung durch öffentliche Anstellung vom Staate zurückerstattet wird, müssen die Juden trotz der gepriesenen Gleichberechtigung auf dieses Entgelt verzichten, was in Galizien um so mehr in die Wagschale fällt, als bei uns, da der eigentliche Bürgerstand noch schwach entwickelt ist, das Beamtenthum eine dominirende Stelle einnimmt. Im Staatsdienste gehören jüdische Beamten zu den Seltenheiten und im Communal- und Landeskomitee kann man sie an den Fingern zählen. Auf die Industrie können sie sich auch nicht werfen, da wie gesagt, der Großbetrieb noch ganz darniederliegt und wohl schwerlich floriren wird. Die Zugehörigkeit Galiziens zum österr. Staatsverbande wird in diesem Kronlande schwerlich eine Industrie aufkommen lassen, da die kapitalskräftigeren und kulturell höher stehenden westlichen Provinzen alles mit ihrer Concurrenz erdrücken. Möglich, daß es mit der Zeit gelingen wird, manche Artikel, für welche das Rohmaterial an Ort und Stelle vorhanden ist, für den Localconsum zu erzeugen, weiter aber wirds nie kommen, denn wir haben auch kein geeignetes Menschenmaterial. Auf wirthschaftlichem Gebiete ist Russ.-Polen viel besser daran, denn da es culturell auf einer höheren Stufe steht, als das eigentliche Rußland, hat es auf seinem Territorium eine großartige Industrie, theilweise mit ausländischen Kapitalien und Menschenmaterial großziehen können, und das Innere Rußlands bietet ein weites und breites Absatzgebiet. Ueber unser Menschenmaterial, resp. über dessen Inferiorität, sowohl der oberen als derunttren Stände, wäre überhaupt viel zu sagen. So mancher Versuch, so manches Unternehmen erlitt nur deßhalb ein schmähliches Fiasko, weil man hiefür keine geeigneten Männer fand. Der selige Baron Hirsch hat davon viel zu erzählen gewußt. Die hiesige Handwerkerschule, mit so vieler Mühe und Kosten ins Leben gerufen, mußte aufgelöst werden, weil die an die Spitze gestellten Männer, der Sache kein richtiges Verständnis entgegenbrachten. Das Institut verschlang immense Summen und die Erfolge waren sehr problematischer Natur. Selbst die Wohlthätigkeitsbureau», die an Handwerker und kleine Handelsleute monatlich öst. fl. 12000 an Unterstützungen vertheilten, mußten aufgehoben werden, da es sich herausstellte, daß die Gelder nicht an die richtigen Adressen gelangten. Die Bittsteller mußten jahrelang auf die Erledigung ihrer Eingaben warten, wer aber sich Protektion zu verschaffen wußte, der erhielt prompt eine Subsidie, selbst wenn sein Anrecht kein besonders begründetes war. Bei uns kann eben nichts Gemeinnütziges von Dauer sein, das öffentliche Wohl dient nur als Vorwand Ehrenämter zu ergattern, die dann gelinde gesagt — gesellschaftlich ausgebeutet werden. Die jüdische moderne Intelligenz hat sich über Ideale nicht zu beklagen, man absolvirt schlecht und recht sein Brodftudium, trachtet reich zu heirathen, dann wird jeder Ballast über Bord geworfen und eine KlabriaSparthie im Casino, die sich oft bis zum heranbrechenden Morgen hinzieht, bildet die geistige Zerstreuung uach des Tages Mühe. Von einem Pflichtbewußtfein den Müden und Beladenen gegenüber, ist keine Rede, verschwindende Ausnahmen bestätigen nur die Regel, der Herr Doctor sieht auf den polnischen Juden mit Verachtung herab, selbst wenn seine nächsten Verwandten noch im langen Kaftan umhergehen,

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