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Der Israelit · 1897-05-17 · Heft 39 (17.5.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 39 (17.5.1897)
Date
1897-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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716 Die Beispiele der glorreichen-klassischen Vergangenheit, die Koryphäen der jüdischen Gelehrtenwelt, die ihr Studium nicht als Broderwerb betrieben, sondern kümmerlich von ihrer Hände Arbeit lebten, können ihm nicht als Ansporn und Muster dienen, denn er ist schließlich doch zu sehr ein Produkt seiner Zeit, ein Kind eines halbcivilisirten Landes, in welchem die körperliche Arbeit verachtet und der Arbeiter gesellschaftlich noch immer als ein Paria betrachtet wird. Dagegen bäumt sich sein einseitiges Ehrgefühl auf und er zieht es vor, zu verkommen, als zu solch' einer Beschäftigung zu greifen. Ein Bettelbrief demüthigt ihn nicht so sehr, denn die Charaktereigenschaft des Selbstbewußtseins war bei ihm nie stark entwickelt und dcr bei ihm sihr stark ausgeprägte Erhaltungstrieb diktirt ihm von selbst den Schnorrbrief. Die Achtung seiner Genoffen verliert er auch hierdurch nicht. Im Servilismus ist er ausgewachsen; der galizische, der polnische Jude hat sich immer ducken müssen, Jammergesichter sind an der Tagesordnung, ein Gesicht für den Familien-, für den engeren Kreis und ein zweites fürs Marktgewühl. Der Andersgläubige hat ihn mit Füßen getreten, sein sogenannter motz e r n-intelligenter Glaubensgenosse hat ihn nie kennen wollen. Von den Juden Deutschlands ist zu ihm die Kunde gedrungen, daß sie zwar nach galizischen Begriffen nicht rigoros fromm, dafür aber reich und sehr wohlthätig seien, Grund genug also, sie anzuschnorren. Galizien ist die ärmste, culturell zurückgebliebenste Provinz Oesterreichs und die wirtschaftliche Nothlage findet in der minimalen Steuereintreibung ihren Ausdruck. Die Handelsbilanz ist eine passive, der Import übersteigt um ein Erkleckliches den Erport, trotzdem, daß die Bedürfnisse der Bevölkerung sehr geringfügige sind. Es werden kaum Anläufe zu einer Industrie gemacht, der Kleinbetrieb, das Handwerk, läßt auch zu wünschen übrig und der Ackerbau wird nicht rationell betrieben. Galizien ist verhältnißmäßig zu dicht bevölkert, die Einwohnerzahl erreicht die Ziffer von ca. 6 Millionen Seelen und die jüdische Einwohnerschaft bildet gegen 12 Prozent der Gesammtbevölkerung. Gegen 80 Prozent leben vom Ackerbau, diese sind aber nicht im Stande dem Boden so viel zu entringen, um die Bedürfnisse eines Culturmenschen halbwegs zu befriedigen. Die allgemeine prekäre Lage der agrarischen Kreise kommt hier doppelt zum Ausdrucke, denn die Bodencomplexe sind stark zersplittert, aufgetheilt, die Getreidepreise sinken von Jahr zu Jahr und wenn der Landmann einen Ueberschuß über seine persönlichen Bedürfnisse zum Markte bringt, so ist der hierfür gewonnene Erlös nicht ausreichend, um damit seine Ausgaben, Steuern, Kleidungsstücke u. s. w. zu decken. Er ist also nicht kaufkräftig und infolge dessen leidet auch der Geschäftsmann. Ein großer Theil des Grundbesitzes concentrirt sich in den Händen des Hochadels, und diese Herrschaften befriedigen ihre noblen Passionen meistentheils im Auslande. Ihre arrondirten Liegenschaften, der Großgrundbesitz drückt auch auf die öffentliche Meinung, denn der Großgrundbesitz als solcher entsendet 20 Abgeordnete ins Parlament und deshalb haben die Schlachzizen alle Macht in Händen, von der sie den ausgiebigsten Gebrauch für ihre Kaste machen. Jeder Pole, der sich zu den besseren Ständen zählt, spielt den Cavalier, und als solcher kann er sich zum Radauantisemitismus nicht bekennen. Im Gegentheil! Er hat seine Paradejuden, diese sind auf ihren Protektor stolz und dienen ihm unbewußt als Werkzeug. Der vielvermögende Polenclub im ReichSrathe zählt jetzt 6 jüdische Mitglieder in seiner Mitte, die aber sich nicht mucksen dürfen, denn sie wissen, daß ihre Wahl nur mit Hilfe der competenten Kreise möglich war. Pro forma also sind die galizischen Juden im Parlament vertreten, in Wirklichkeit aber hat das jüdische Volk keine Repräsentanten, denn der Klubzwang macht jede Initiative unmöglich. Die Herren Schlachzizen aber paradiren mit ihren jüdischen „Collegen", weisen mit Emphase den Antisemitismus weit von sich, während sie ihn im Stillen nachdrücklichst prakticiren. Sie stehen an der Spitze einer jeden Action, die dahin zielt, die Juden aus ihrem Besitzstände zu verdrängen, unter ihrer Patronanz entstehen die famosen „landwirthschaftlichen Verbände" — Rolkardnicze — die eingestandenermaßen nur den Zweck haben, den Juden den kleinen Handel zu entreißen. Und was sagen hierzu unsere Großen? Sie lassen sich in allerhand Vertretungskörper wählen, haben die „Würde" aber ohne „Bürde". Sie „machen" im polnischen Patriotismus, d. h. in Chauvinismus, denn ihre Thätigkeit gipfelt darin, alles was nicht polnisch, zu verdrängen und zu unterdrücken. Sie klammern sich an die Rockschöße der jeweiligen Regierung, tragen dazu bei, jede Volksregung, von welcher Seite immer zu unterdrücken, treiben allerhand Wahlmißbräuche und wollen nur ihre Knopflochschmerzen befriedigen. Während man allenthalben sich angelegen sein läßt, die Lage des kleinen Mannes zu verbessern, ihn widerstandsfähiger zu machen, sehen die Gewählten im galizischen Israel ruhig zu, wie dem kleinen Manne der Boden förmlich unter den Füßen entzogen wird, wie alles sich gegen ihn organisirt und sie schlummern gemüthlich auf ihren kurullischen Stühlen, die Hände über denk Schmeerbauche verschränkend. Sie kennen nicht die Pflichten des Besitzes, haben kein Herz für ihr Volk und beuten es nur aus, indem sie ihm die Mandate entlocken, ohne sich bis zur nächsten Wahl seiner nur zu erinnern. So ist es bei den Wahlen in die legislativen Vertretungskörper und nicht besser | geht es bei den Wahlen in die diversen Cultusvor-

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