Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1897)
- Date
- 1897-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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705 KcuMeto«. Getreu bis in den Tod. Von Maurice Ma^ou 22. Nissan 56 . . „Ein Unglück kommt selten allein," so^ lautet ein Sprichwort, das sich an mir in seinem ganzen Umfang bewährte. Die Beleidigung, die ich im Hause des Oheims erfahren, enthüllte mir die tiefsten Geheimnisse meines Herzers, und was mir jetzt zum lebendigen Bewußtsein kam, war trostlos genug, so daß ich vor dem Bilde meiner Zukunft, das sich vor mir aufrollte, entsetzt zurückbebte. Ist es nicht entsetzlich? Ich liebe? Aber ist denn das Lieben entsetzlich, wirst Du enttäuscht fragen.^ hDie Liebe soll ja das höchste Glück sein, dessen der Mensch theilhaftig werden kann. Ja, die Liebe ist das höchste Gut der Menschheit, und ich fühle, daß meine Liebe, so hoffnungslos sie war, mir dennoch süßen Trost und wonnige Befriedigung gewährte. Allein es ist entsetzlich, sich sagen zu müssen, daß sie, der unseres Herzens heißestes Empfinden gilt, unerreichbar ist, daß im Heiligthum unserer Gefühle die Gegenliebe niemals strahlen wird und wir während unserer ganzen Lebenszeit wie ein Blinder im Dunkeln tasten müssen . . Erst in jenem verhängnißvollen Augenblicke, in dem die Leidenschaft meines Oheims die Schranken der Vernunft durchbrach, gewahrte ich zum ersten Male, wie sehr nabe Nelly meinem Herzen stand. Es mag seltsam erscheinen, daß ein Umgang von vielen Jahren mir das nicht zur Einsicht gebracht hatte, was ein einziger^Augenblick vermochte, und doch war es ganz natürlich. Bisher war ich ihr „Vetter," ihr Lehrer und jedes Gefühl, das für sie in meinem Innern laut wurde, hielt ich für die ruhige Neigung des Lehrers zu seiner Schülerin, für ein verwandtschaftliches Interesse. Erst in jenem Augenblick schwand der Nebel, der mich umfangen hielt, und tausend Stimmen in meinem Herzen riefen, daß sie, das liebreizende Wesen, das Glück, die Wonne, die Freude meines Daseins ist. . . . Mit meiner ganzen seelischen Kraft suchte ich diese Stimmen durch Vernunftgründe zu übertönen, die wahnsinnige Liebe aus meinem Herzen zu reißen. . . . Wird der Oheim seinem Ehrgeiz, seinem Egoismus jemals die Einwilligung zu einer solchen Verbindung abringen? Ich kannte ihn gut genug, um mir zu sagen, daß er eher sein Kind dem Elend preisgeben, als dasselbe einem Namenlosen, Unbemittelten, und noch dazu mir, zu eigen geben würde. - Und 'Nellv? Erwidert sie die Empfindungen, die mich durchglühten? Wieder und immer wieder zermarterte ich mit dieser Frage mein fieberndes Hirn, aber trotz meines heißen, sehnsüchtigen Verlangens behielt ich Selbfterkenntniß genug, die Frage zu verneinen. Kein Wort und kein Blick verrieth mir mehr als ein verwandtschaftliches Interesse und auch nur einen Schimmer der Leidenschaft, die mein ganzes Sein erfüllte. Ich brachte eine schlaflose Nacht zu. Bis Mitternacht rannte ich plan- und ziellos durch die stillen Straßen der Stadt, und auch als ich endlich physisch und geistig erschöpft, mein Zimmer aufsuchte und angekleidet, wie ich war, mich aufs Lager warf, floh der Schlaf meine Lider. Erst nach langen qualvollen Stunden, als der Morgen zu dämmern begann, fand ich endlich die ersehnte Ruhe, mtb ich erwachte aus dem dumpfen, traumlosen Schlafe erst, als die Sonne hoch am Himmel stand. Kaum war ich mit meinem Morgengebet fertig, als lebhaft an meine Thüre gepocht wurde, und wer malt mein Erstaunen, als auf mein einladendes Herein die Tante und Nelly über die Schwelle traten. Ein Freudenruf entrang sich meinen Lippen, alles Blut drängte sich mir in das überquellcnde Herz, als ich das holde Mädchen wiedersah, dem all' mein Sinnen und Sehnen galt. „Ach wie abscheulich hoch Du wohnst! Bier steile Treppen! Der Athem ging uns beinahe aus, bis wir zu Deinem hohen Sitz gelangten! — Und wie schlecht cS hier aussieht!" Mit diesem Gruß kam mir 'Nelly entgegen und reichte mir die Hand. Schon wollte ich dieselbe an meine Lippen führen, aber rechtzeitig bezwang ich mich, aus Furcht, mein Geheimniß zu verrathen. Mit ftrahlendent Angesichte erzählte mir Nellv, daß der Onkel nach langem, harten Kampfe und heftigen Widerstand endlich ihren Wünschen nachgcgeben habe: die Küche sei schon nach der Angabe des Ortsrabbiners eingerichtet, der Koch — der Stolz ihres Vaters — entlassen und eine jüdische Köchin angestellt. „Das freut mich aufrichtig," rief ich entzückt, indem ich für einen Augenblick Gram und Kummer vergaß. „Sehen Sic, Tante, daß ich mich in meiner Voraussetzung nicht getäuscht habe. Der Onkel hat eben in feinem verwöhnten Töchterlein die Meisterin gefunden. Hoffen wir, daß die jetzt betretene Bahn ihm die volle Befriedigung gewähren wird, die sie jedem gesetzestreuen Juden gewährt!" „Ich danke recht sehr für das hübsche Eompliment, lieber Manfred! Also für ein verwöhntes Töchterchen hältst Du mich? Nun offenherziger kannst Du wirklich nicht fein! Und doch glaubte ich, eher das Lob des Lehrers für Fleiß und Ausdauer, als eine solche Schmeichelei zu verdienen." „Verzeihe, 'Nelly," sagte ich. „Es war nicht so bös gemeint. Ich hatte btos aussprechen wollen,