Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1897)
- Date
- 1897-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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702 31 neue Mitglieder sind dem Vereine beigelrelen, andere haben ihre Jahresbeiträae erböht, oder eine Erhöhung in Aussicht gestellt. An Geschenken erhielt der Verein den Betrag von M. 918.85, 143 Di. mehr als im Vorjahre. Der ungreifbare Kaptalstock, welcher jetzt 24,000 M. beträgt, erhielt in diesem Jahre die noch nie erreichte Zahl von 11 Gaben, welche einen KapitalzuwachS von M. 3050 erbrachten. Verabfolgt wurden 1694 Gaben im Betrage von 3 70,40. Dieselben vertheilten sich an 193 Handwerker, 161 GewohnheitSbettler aus dem Jnlande, 904 aus dem Auslande, 264 verschämte Arme, 72 Hausirer, 21 Lehrer und Gelehrte, 45 Kaufleute, 34 Personen für Beköstigung. Der Bericht erwähnt nun noch eine Erweiterung feiner Thätigkeit, indem er darauf hinweist, daß sehr oft Bedürftige vorsprechen, deren Anzüge in einem sehr defekten Zustande sich befänden. Es werden nun die Vereinsmitglieder gebeten, dem Vorstande Mittheilung zu machen, wenn sie Kleidungsstücke zu verschenken hätten. Die Vertheilungs-Commission würde alsdann durch Ausstellung von Anweisungen an die Geschenkgeber dafür Sorge tragen, daß die Kleidungsstücke für besonders würdige Arme Verwendung fänden. Neustadt Everswalve, 10. Mai. Antisemitische Schülerneckereien bildeten den Gegenstand einer Verhandlung einer Sitzung des Schöffengerichts. Im November v. I. bemerkte der Kaufmann Wolf Hendel, daß fein kleiner Sohn Georg, der die unterste Vorschulklasse am Eberswalder Gymnasium besuchte, auffallend mißmuthig sei. Nach dem Grunde gefragt, erzählte Georg, daß er wegen seines mosaischen Glaubens von anderen Schülern gehänselt und mit antisemitischen Spottreden verfolgt werde; besonders hervorgethan bei diesen Verhöhnungen hat sich der vierzehnjährige Sekundaner Fritz Gerhardt. Hendel begab sich nicht zum Direktor des Gymnasiums, der ohne Zweisel Abhilfe geschaffen hätte, sondern glaubte die Sache bester zu erledigen und dem Schüler eine Rüge von Seiten der Schule zu ersparen, wenn er selber mit ihm verhandelte. Er suchte ihn deßhalb in feiner Pension auf und stellte ihn zur Rede. Fritz Gerhardt stritt aber alle« ab und rief schließlich : „Das ist alles nicht wahr. Sie lügen!" Darauf antwortete Hendel nichts weiter, sondern versetzte ihm ein paar Ohrfeigen und entfernte sich. Der Vater des Geschlagenen, Arzt Dr. Gehardt in Angermünde, stellte nun Strafantrag gegen Hendel wegen körperlicher Mißhandlung. Nachträgliche Ermittelungen des Gymnasialdirektors Dr. Klein haben ergeben, daß der kleine Hendel in der Thal wiederholt durch antisemitische Spottreden behelligt worden ist. Fritz Gerhardt hat seine Betheiligung daran zwar nicht unumwunden zugegeben, der Direktor hat aber, wie er als Zeuge bekundete, doch den Eindruck gehabt, daß Fritz Gerhardt mitgehänselt hat. Der Gerichtshof, in welchem Amtsgerichtsrath Schröter den Vorsitz führte, nahm als erwiesen an, daß der junge Hendel, ein kleiner sechsjähriger Knabe in beklagenswerther Weise wegen seiner Religion und Abstammung von Mitschülern gehänselt worden ist. Derartige Neckereien habe man in früheren Zeilen als Dummenjungenftreiche übersehen können, durch die schmachvolle antisemitische Bewegung aber sei es dahin gekommen, daß die Betheiligten von solchen Angriffen empfindlicher berührt werden müßten. Erklärlich sei es also, daß der Vater in große Erregung gerathen sei; freilich habe er in dieser sich zu einer inkorrekten Handlungsweise hinreißen lasten. Jndeffen das Wort des Knaben zu dem älteren Manne: „Sie lügen!" sei gleichfalls eine schwere Beleidigung, auf welche die Austheilung der beiden Ohrfeigen nur die direkte Erwiederung war. Die Strafe sei deßhalb nur auf 30 Mark bemeffen worden; die Kosten hat Hendel zu drei Vierteln, Dr. Gerhardt zu einem Viertel zu tragen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 10. Mai. Ober-Rabbiner Dr. Güdemann, welcher kürzlich den Franz-Josephs-Orden erhielt, erschien dieser Tage beim Kaiser in Audienz. Dr. Güdemann erbat sich die Erlaubniß, sich bedecken und den Segen sprechen zu dürfen. Der Kaiser ertheilte mit Kopfneigung die Erlaubniß, worauf Dr. Güdemann den Segen in hebräischer und deutscher Sprache recitirte und fortfuhr: „Ich danke Eurer Majestät allerunterthänigst für die allergnädigste Auszeichnung, in welcher meine Glaubensgenoffen in dieser für sie so schweren Zeit ein Zeichen der Unwandelbarkeil der Huld Euerer Majestät erblicken." Worauf der Kaiser antwortete: „Mn, es freut Mich, wenn Sie es so aufgefaßt haben; es gilt übrigens auch Ihrer Person." Prag. Am 17. v. M. ist hier der Rabbinatsaffeffor der Prager israelitischen Cultusgemeinde Herr Josef Wodnansky nach längerem Leiden im 90. Lebensjahre verschieden. Unter den wenigen Talmudgelehrten, die Böhmen noch besitzt, nahm der Verblichene einen hervorragenden Platz ein, ja man kann behaupten, daß er unter ihnen der bedeutendste gewesen. Frühzeitig schon wurde er zum Talmudstudium angehalten, so daß er in seinem 13. Lebensjahre die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise auf sich lenkte. Von diesen angeeifert, strebte er immer mehr danach, sein Wissen zu erweitern. Zu diesem Zwecke trat er in seinem 16. Lebensjahre, seine Heimath verlassend, hinaus in die Fremde; unter Entbehrungen und im Kampfe ums Dasein brachte er sich kümmerlich durch, um wenigstens seinem Geiste Nahrung zuzuführen. Er besuchte die anerkanntesten Jeschiboth in Mähren