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Der Israelit · 1897-05-13 · Heft 38 (13.5.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 38 (13.5.1897)
Date
1897-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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700 Menschen zu gelangen, wenn man der Güte seines Herzens folgt und der Bitte seines Nebenmenschen willfahrt, die derselbe vielleicht nur in oer sicheren Voraussetzung an uns gestellt hat, die Hälfte oder den Viertheil des von ihm Verlangten zu erreichen. Man kann sich nicht denken, daß Klugheit und Güte vereinigt sein könne. Wie anders zeigt sich da die Auffaffung unserer Weisen! Willst Du Dir die Thora aneignen, rufen sie uns zu, so genügt es nicht, daß Du lernest und zwar angestrengt lernest durch Hinneigen des Ohres, daß Du Geist und Gedächtniß schärfst mit dem größtcn Ernste, mit tiefster Demuth, mit freudiger Hingabe in den Dienst der Weisen, durch anhaltendes Lesen und Wiederholen, durch weitgehende Enthaltung von allen Genüsien dieser Erde, durch weise Mäßigung Deinen Schülern gegenüber, Du mußt auch mit all diesen Eigenschaften die Herzengüte verbinden; Deinen hohen Verstand sollst Du nicht mißbrauchen, um damit Dein Herz in Fesseln zu schlagen, um hinter einer scharfsinnigen Begründung die Härte Deines Herzens zu verdecken. Klopft die Noth und die Armuth an Deine Thür, so gieb und gieb reichlich, auch wenn Du im Stande bist, tausend gewichtige Gründe anzuführen und diese haarscharf zu beweisen, daß Du im Augenblicke zu einer Gabe keine Verpflichtung habest. „Der Andere hört von Allem nur das „Nein," „und es wird sein, daß er.zu mir schreit und ich werde ihn erhören, denn ich bin gnädig." Aber nicht nur nach der praktischen Seite hin ist Herzensgüte von unendlicher Wichtigkeit, das gesammte Lernen, die ganze Aneignung der Thora muß von der Absicht getragen sein, durch sie ein gutes Herz, eine sittliche Gesinnung zu erlangen. Diese giebt den Vorzügen des Geistes erst den eigentlichen Werth. Die urtheilslose Menge, die von der Natur kärglicher ausgestalteten Alltagsmenschen, lasten sich nur zu leicht von geistsprühendem Feuerwerk blenden. Ein mit reichem Wissen, mit scharfem Verstände, mit schlagenden Witzen ausgestatteter Kopf, der wissenschaftliche Aufgaben und praktische Geschäfte oder wohl beide mit Leichtigkeit und Gewandtheit zu behandeln versteht, seine Ueberlegenheit schnell geltend macht, er wird stets beim Volke Bewunderung finden; Vorzüge des Charakters hingegen, d. h. unerschütterliche Rechtschaffenheit, die das Gute und Wahre liebt und zum Zielpunkte aller Thätigkeiten macht, werden nur von wenigen erkannt und gewürdigt, weil ihr Vorhandensein nicht durch Rede und Gespräch oder durch das schriftliche Wort, sondern erst durch eine lange Reihe von Handlungen sichtbar wird. Aber auf die Dauer läßt sich selbst der Blödeste nicht täuschen und der Herzlose erntet Helden des Geistes, die nicht zugleich Helden des Herzens waren, haben ihrem Vaterlande durch ihren Mangel an Herzensgüte oft mehr geschadet, als sie ihm durch die Vorzüge ihres Geistes genützt haben. Julius Cäsar war der talentvollste Mann seines Jahrhunderts, aber ein Mensch ohne Herz, der seinem Ehrgeize Alles geopfert hat. Ist der Besitz eines guten Herzens ein Erforderniß für jeden Sterblichen, um so mehr müffen diejenigen, die sich das hohe Ziel der Thoraaneignung gesteckt haben, diesen kostbaren Schatz ihr Eigen nennen. Würden sie aus anderen Motiven die Thora zu erlangen suchen, etwa aus Eigennutz, Eitelkeit oder Stolz, so würden sie die Achtung der Welt nicht zu erringen vermögen, man würde sagen: „Wenn es die Gelehrten der Thora nicht einmal dahin gebracht haben, zu sein, was der brave Taglöhner ohne Wissenschaft und Bildung durch fein gutes Herz ist, dann verdienen sie unsere Achtung nicht" — und der Name Gottes würde hierdurch entweiht werden. Unter einem guten Herzen ist aber nicht etwa ein schwaches, nachgiebiges Herz gemeint, das allen Einflüffen und Einflüsterungen zugänglich ist; ein starkes Herz verlangen unsere Weisen, stark in dem Willen, Gutes zu thun. Versteht der Mensch nach dieser Richtung hin seines Herzens Bildung zu vollenden, so blühen ihm unzählige Freuden Ton nntra 2S ans, so daß sein Leben sich zu einem beständigen Freudenmahle gestaltet. Die ersten beiden Stufen hierzu find pttn «rotn -nabr, das Lernen und Hören, das Erfassen der heiligen Gotteslehre. So lesen wir auch im Buche Ruth (C. 3, V. 7) 22m „und es ward wohlgemuth sein Herz" min: pvp, denn er hatte sich mit der Thora beschäftigt. Ist das Herz mit der Gotteslehre erfüllt, so wird das gottgefällige Wissen zur gottgefälligen Thal uns führen. Die Folge davon wird sein, daß jeder Zwiespalt aus unserem Herzen weicht, und daß nur die eine Sehnsucht bleibt, Gott zu lieben und Seine heiligen Gebote zu beobachten, wie es von unseren Vätern am Berge Sinai berichtet wird (2. B. M., C. 19, V. 2.) -ihn zbz ins tr'jo inn -w bniv" sn'i „Und es lagerte dort Israel dem Berge gegenüber, wie ein Mann, eines Herzens, von der einzigen Sehnsucht durchdrungen, ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk zu werden." (Raschi Mechilta.) Das war die erste und herrlichste Zeit der Thora-Aneignung, da das 212 2b Israel in den Ruf ausbrechen ließ ntry; m ^2~ ‘nr.x bs „Alles, was Gott geredet hat, wollen wir thun." Möge recht bald die Zeit wiederkehren, da wir Alle zuletzt die bitteren Früchte feines Thuns. Auch die Geschichte, die ja das Weltgericht ist, hat ihr Urtheil gar oft über derartige Menschen gesprochen. eines Herzens und eines Sinnes sind, um in uns aufzunehmen und uns anzueignen das köstllchste Gut, das wir besitzen — die Thora. (Fortsetz, folgt.)

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