Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1897)
- Date
- 1897-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448740--43853-2492921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
684 Eines der hervorragendsten Merkmale der Verschiedenartigkeit der Menschen ist deren Temperament. Um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß es verschiedene Temperamente gibt, braucht man nur zwei Menschen neben einander zu stellen, und dieselben in ihren Gefühlen und Thätigkeiten einige Augenblicke unbefangen zu beobachten. Schon die alten Griechen wußten da» und theilten die Menschen bezüglich ihres Temperaments in vier Klaffen ein, nämlich in Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Viele Lehrer sind nun der Meinung, daß sie auf die ihren Schülern angeborene individuelle Disposition zur Entstehung von Gemüthsbewegungen nicht nur keine Rücksicht zu nehmen verpflichtet sind, daß sie vielmehr dieselbe stets bekämpfen muffen. Das ist ein großer Jrrthum. Es ist eine hohe Weisheitslehre nicht nur für das Leben, sondern auch für den Unterricht, das Selbstbewußtsein und das jedem Menschen angeborene Temperament zu schonen, so lange es ohne Gefährdung eines höheren Jntereffes geschehen kann. Den einen gewinnt man durch Lob, den andern durch ein ernstes Wort, niemals gewinnt man aber Jemanden dadurch, daß man die Geduld verliert und die Schaale seines Zornes über den zu Gewinnenden fluthen läßt. Rur der Ungebildete weiß nichts von zarter Schonung der Gefühle des Nächsten und marschirt hohnlachend über Alles hinweg, was dem andern lieb und theuer ist. Ein tüchtiger Lehrer wird, wenn er von einem seiner Schüler sogar öffentlich beleidigt worden ist, nicht sofort zürnend strafen, er wird die Beleidigung vorerst schweigend hinnehmen und untersuchen, wie der Schüler die Sache aufgefaßt hat, ob dem Schüler die Bedeutung feiner Worte überhaupt klar geworden ist, ob derselbe nicht schon bald darauf selbst die größte Reue hat, und darnach wird er seine Maßnahmen treffen. Die ruhige Gelaffenheit, die hierzu erforderlich, die göttliche Eigenschaft des d’ck 71« mag uns wohl unendlich schwer werden, aber doch weniger schwer, wenn wir in den verschiedenen Temperamentsanlagen eine Entschuldigung suchen. Ist uns nun ein so hohes Maß von Langmuth eigen, daß viele Schüler unseren Worten andächtig lauschen, so ist eben diese Langmuth das beste Mittel zur Erlangung der Thora; denn viele Schüler werden uns als diejenigen bezeichnet, durch die wir und von denen wir am Meisten lernen und also am Meisten Thora in uns aufnehmen können. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzerr Deutschland. Berlin, 6. Mai. Den Mittheilungen des Palästina-Vereins entnehmen wir: „Der Jericho-Oase ist seit den letzten 10—12 Jahren eine stets größere Aufmerksamkeit geschenkt worden. Sowohl das griechische Kloster in Jerusalem als auch die Ruffen haben in der dortigen Gegend alte Heiligthümer wieder hergestellt, sowie neue Häuser für Geistliche und Mönche gebaut. Ferner ist seit einigen Jahren dort ein Hotel eingerichtet, das sich auf der Fahrstraße leicht erreichen läßt mib besonders zur Winterszeit von Reisenden besucht wird. Gegenwärtig denkt man schon daran, dort eine Gesundheitsstation zu gründen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Plan mit der Zeit verwirklicht wird. Denn auch dieses Tiefland mit seinem Tropenklima tritt unter das Zeichen des unaufhaltsam sich ausdehnenden Verkehrs. Ein unternehmender Mann, hinter dem einige Priester des erneuerten griechischen Johanneskloster (hasr eljehud) am Jordan stehen, hat ein kleines Dampfschiff aus Europa hergebracht, mit dem der Jordan und das Todte Meer befahren werden soll. Es ist sehr stach gebaut, so daß es auch bei ganz geringem Wafferstande fCctt bleibt. Der erste Versuch einer Jordanfahrt, zu dem Gäste geladen waren, entsprach jedoch den gehegten Erwartungen nicht, weil es an einem sachverständigen Maschinisten fehlte. Das Feuer brannte, das Wasser kochte, aber die Maschine arbeitete nicht, so daß das Fahrzeug anstatt stromaufwärts zu fahren, von der Strömung mit fortgeriffen wurde. Die Insassen geriethen in Schrecken, trösteten sich jedoch damit, daß sie im Todten Meere den Dampfer durch Rudern ans Land bringen könnten, weil dort die Strömung aufhört. Um jedem Unglück vorzubeugen, wollten sie das Feuer auslöschen. Als darauf irgend eine Kleinigkeit an der Maschine gemacht wurde, fing diese plötzlich an zu arbeiten. Der Dampfer fuhr aufwärts gegen den Strom und erreichte glücklich das erstrebte Ziel. Zwei andere kleine Dampfer werden nun hier in der Gewerbeschule der Alliance Jsraölite gebaut, die mit dem ersten zusammen zu Fahrten aus dem Jordan bis zum galiläischen Meer aufwärts und auf dem Todten Meere dienen sollen. Ueber die Berechtigung zu solchen Fahrten wird Verschiedenes erzählt. Die Einen behaupten, der Unternehmer habe einen großherrlichen Firman dazu auf eine Anzahl von Jahren, die Anderen sagen, das sei durchaus nicht der Fall, sondern von maßgebender Seite sei bereits Protest erhoben worden. Welche Angabe die richtige ist, kann ich nicht sagen. Die Siloahguelle war den ganzen Sommer und