Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1897)
- Date
- 1897-05-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Getreu bis in den Tod. id) Von Mauriee Mayon „'Jimt, nun, Herr Vetter, nur nicht gleich so entzückt! Du kennst mich noch nicht, sonst wüßtest Du, daß es gerade nicht zu den Annehmlichkeiten des Daseins gehört, mir Unterricht zu ertheilen. . . Du lachst?! Nun warte es ab, gestrenger Herr Magister, ob ich nrich falsch beurtheile. Aber nun laß uns heimkehren! Die Tischgesellschaft wird versammelt sein, und man erwartet uns sicher schon mit Ungeduld." Sie nahm meinen Arm, wir traten den Rückweg an und trafen in dem Augenblicke ein, als der Diener die Flügelthüren des Speisesaates öffnete und meldete, daß die Tafel gedeckt sei. „Mein Reffe, Manfred Cholikoff, dem heute für das glänzend bestandene Eramen die allerhöchste Auszeichnung zu theil wurde. Herr Baron Segoriewitz, Seine Excellenz Graf Kurasirow, Herr Gesandtschafts- Attachee Freiherr von Botikoff." Mit diesen Worten führte mich mein Onkel in die Gesellschaft ein. Schamröthe bedeckte mein Antlitz, denn ich fühlte, daß nicht verwandtschaftliches Interesse, sondern falscher Ehrgeiz ihn jene Worte sprechen ließen. Die Herren verneigten sich, gratulierten mit vornehmer Kälte, und man nahm an der reichbesetzten Tafel Platz. Ich verließ rasch und unbemerkt den Speisesaal, um meine Hände zu waschen und den Segen über das Brot zu sprechen — ein Manöver, welches ich vor Jahren hier zu unternehmen gelehrt wurde. „Wo bist Du gewesen?", fragte mich Nelly, neben welcher ich saß, mit leiser Stimme. „Ich habe meine Hände gewaschen und Broche gesprochen!" „Was ist das?" fragte sie erstaunt. „Hier ist nicht der Platz, liebe Nelly, Dir diese Erklärung zu geben. Morgen in unserer Religionsstunde." „Sehen Sie mal, Gossudar Batikoff", sagte plötzlich Kurasirow, dessen Augen mit wilder Gluth auf Nellv ruhten. „Heute spähen wir arme Menschenkinder vergeblich nach einem Blick aus den reizenden Augen der schönen Nelly. Ihre ganze Aufmerksamkeit scheint dem preisgekrönten Vetter zu gehören. Ach, ich neide ihm letzteren Preis weit mehr, als ersteren!" Tiefe Rothe überfluthtete Rellu's Angesicht. „Mein Vetter steht mir eben näher als Fremde und ein Preis verdient einen weiteren!" erwiderte sie unmuthig und wandte sich mit noch gesteigerter Aufmerksamkeit mir zu. „Warum ißt Du nichts?" fragte sie, als sie bemerkte, daß ich die Speisen unberührt vorübergehen ließ. „Weil mir die heilige Lehre den Genuß dieser Speisen verbietet!" versetzte ich ebenso leise. „Sie essen ja aber gar Nichts, Herr Cholikoff," wandte sich plötzlich Freiherr von Batikoff an mich. „Sollte Ihre reizende Nachbarin daran schuld sein? Nun, trösten Sie sich, Anderen ging es nicht besser!" Eine heiße Blutwelle schoß meinem Oheim in's Gesicht und er machte eine Geberde, als wollte er von seinem Sitze aufspringen und sich auf mich stürzen; er besann sich jedoch noch rechtzeitig eines Befferen und schwieg. Unterdessen fand ich Zeit, um mit Ruhe zu erwidern: „Sie irren, Herr von Botikoff, in dem Grunde meiner Appetitlosigkeit — wenngleich der Jrrthum begreiflich ist. Die nervenaufregende Arbeit zu meinem Gramen hat meinen Appetit völlig ruinirt, und der Arzt hat mir strenge Enthaltsamkeit anbefohlen. Nicht wahr, theurer Oheim," wandte ich mich an diesen, „ich wollte deshalb heute Deiner gütigen Einladung nicht Folge leisten, Du aber zwangst mich dazu." Mein Oheim nickte, und ein halb dankbarer, halb drohender Blick schoß zwischen seine Wimpern hervor, während Nelly mir unter dem Tische die Hand drückte. Herrn von Botikoff aber schien die Abfertigung weniger angenehm zu sein, denn die Zornader schwoll an seiner Stirn und seine Faust ballte sich. Aber noch bevor er antworten konnte, wurde die Tafel aufgehoben, die Gäste zogen sich in den anstoßenden Salon zurück, um dort noch einige Stunden bei Cigarren und Kaffee zu verbringen. Der Onkel gab mir einen Wink, daß ich ihm in sein Arbeitszimmer folge. „Warum hast Du die Speisen nicht berührt?" donnerte er mir entgegen und wilde Wuth verzerrte seine Züge. „Willst Du wohl die Gefälligkeit haben, mir jetzt den wahren Grund anzugeben?" „Weil ich als Jude diese Speisen nicht genießen darf," erwiderte ick ruhig. „So bist Du immer noch der nämliche polnische Thor", schrie er wild auf und fuchtelte dabei mit beit Händen „und ich glattbte, daß ein Gymnasium Dir diese verrückten Ideen austreiben werde! — Hör' mal Junge, meine Geduld ist zu Ende! Gibst Du Deine Thorheiten nicht auf, dann ... ja dann bleibt mir keine andere Wahl als . . . —! Nun, dann kannst Du unmöglich in meinem Hause bleiben!" Er athmete erleichtert auf und fuhr mit dem Taschentuche über die erhitzte Stirn; er war augenscheinlich froh, daß das Wort heraus war. „Du vergißt, Oheim," erwiderte ich mit bebenden Lippen, „daß ich gar nicht die Absicht habe, in Deinem