Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 35 (3.5.1897)
- Date
- 1897-05-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448738--43817-2492883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■'jy- . « .«gWP>’ 650 Professor Adolf Michaelis sagt darin u. A.: „An der Universität selbst fragt Niemand nach der Konfession. . . Es läßt sich der Wahrheit gemäß behaupten, daß in Straßburg von den Fakultäten die Konfession niemals, weder als Empfehlungs-, noch als Hinderungsgrund, bei Vorschlägen in Betracht gezogen worden ist. Die Parität ist vielmehr stets in dem Sinne verstanden und ausgeübt worden, daß man ohne Ansehen aller konfessionellen oder sonstigen außerwissenschaftlichen Gesichtspunkte denjenigen Lehrer zu gewinnen gesucht hat, der wissenschaftlich am tüchtigsten und erprobtesten war, die beste Gewähr freier und unbefangener Forschung bot." Oesterr.- Ungar. Monarchie. Lemberg. (Der Schreckenstag von C h o d o r o w.) Die an den Ministerpräsidenten vorn Polenklub des Abgeordnetenhauses gerichtete Interpellation : „Sind die gräulichen Vorfälle in Ehodorow der Regierung bekannt, und welche Mittel gedenkt die h. Regierung zum Schutze des Lebens und Eigenthums der dortigen Einwohnerschaft in Anwendung zu bringen," wurde von Sr. Excellenz nicht beantwortet, obwohl eine Vertagung des Hauses auf mehrere Wochen bevorstand und auch erfolgte, und obwohl Gegenstände, bei denen es sich um Pflichten der Humanität handelt, gewiß der dringlichsten Behandlung bedürfen. Sollten wir seitens der einheimischen Presse eine günstigere Behandlung erfahren? — Wer diese Blätter in Bezug auf Gesinnung und Schreibweise kennt, mußte vielmehr auf eine mehr oder weniger einseitige Behandlung der Sache vorbereitet sein. Waren es ja nur Häuser von Juden, die verwüstet, waren ja nur jüdischen Familienvätern ihre armseligen Waarenvorräthc vernichtet worden, von deren Erlös sie für sich und ihre Familien den Lebensbedarf für die nächsten Tage decken wollten, und war es nur ein armer jüdischer Greis, der von entmenschten Menschen beinahe zu Tode geprügelt wurde, während auf der anderen Seite mehrere Tausend unverfälschter, vom Geiste der christlichen Liebe erfüllter Mazuren standen, die beim Bahnbaue beschäftigt, angeblich von den jüdischen Ortsbewohnern bei der Lieferung von Victualien übervortheilt worden waren. Empörend ist es aber, wenn die beiden Gewährsmänner des „Dziennik polski", den man als das quasi Amtsblatt der polnischen Politiker Galiziens anzusehen gewohnt ist, die Vorgänge in Ehodorow in ein solches Licht zu rücken bestrebt sind, als ob die Juden der schuldige Theil, die christlichen Arbeiter aber die Bedrängten wären. Aus dem ganzen Berichte spricht ein gewisser Ton der Zufriedenheit über das Geschehene. Vorige Woche richtete eben dasselbe Blatt einen Apell an alle Söhne der polnischen Nation, die „Neue Freie Presse" wegen ihrer angeblich polenfeindlichen Tendenz zu boyeottiren. Wir fordern nun alle unsere Glaubensgenossen, die das grausame Geschick ihrer unglücklichen Brüder nicht kalt läßt, auf, endlich einmal diesem verblümten Antisemiten-Organe die bisher so reichlich gewährte Unterstützung zu entziehen. Es giebt ja so viele liberale und speziell jüdische Blätter, die, wenn sie von den Juden weniger stiefmütterlich behandelt würden, der jüdischen Sache mehr Nutzen brächte. Da die Volksmassen durch die systematisch betriebene Hetze geistlicher und weltlicher Agitatoren in ihrem instinctiven Hasse gegen die jüdische Bevölkerung bestärkt werden, müssen wir der Befürchtung Raum geben, daß das gegebene Beispiel auch anderwärts Nachahmung finden könnte. Insbesondere verlautet aus dem, Ehodorow benachbarten Städtchen Rohatyn, daß dort eine immer feindseligere Stimmung gegen die Juden bemerkbar wird. Nur ein energisches Vorgehen der Behörden wäre im Stande, die beunruhigende Bewegung einzudämmen. In den weitesten Kreisen muß der Gedanke festwurzeln, daß die Juden den gleichen Schutz der Gesetze, wie alle anderen Bürger genießen, und daß es in dem Rechtsstaate Oesterreich denn doch nicht angeht, daß einzelne Classen der Bevölkerung ihrer Abneigung gegen gleichberechtigte Mitbürger auf ähnliche Weise Luft machen, wie es eben in Ehodorow geschah. — Unseren einflußreichen Glaubensgenossen aber, allen jüdischen Parlamentariern, Gemeinderäthen, Cultus vorftehern ist dieser Vorgang ein Fingerzeig, daß wir dringend zu unseren: gegenseitigen Schutze einer alle Juden Oesterreichs umfassenden Organisation bedürfen. Mögen daher insbesondere die Beschlüsse des Wiener Delegirtentages baldigst zur Ausführung gelangen, denn was heute in Ehodorow geschah, kann morgen anderswo und in noch ärgerer Weise sich ereignen, die Gefahr soll uns aber einig finden. Das walte Gott! — Heute liegen uns die Berichte zweier segensreich wirkender Wohlthätigkeitsvereine unserer Gemeinde vor. Die jüdische Volsküche gab im verflossenen Jahre 28,789 Portionen zum minimalen Preise von 10 und 5 Kreuzer aus, die Einnahmen beliefen sich auf 3,983 fl., worunter sich mehrere Subventionen befanden. — Der isr. Frauenverein gewährte zusammen 51 armen Studenten unentgeltliche Mittagskoft und erleichterte denselben auf diese Weise bedeutend den harten Daseinskampf. Der Verein zählt 127 wirkliche Mitglieder, allerdings wenig für die Großgemeinde Lemberg. (6.) Neutra, 25. April. Unsere Gemeinde hat in den letzten drei Jahrzehnten bedeutend zugenommen an Mitgliedern und in Folge dessen erweist sich nun die hiesige Synagoge zu klein, um die Zahl der Andächtigen, die sie besuchen, fassen zu können.