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Der Israelit · 1897-04-29 · Heft 34 (29.4.1897) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 34 (29.4.1897)
Date
1897-04-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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•J-A^W»-V^#ll'^*i"*" r-.V-e*'^h** J.WJPJI 629 ja den Mund verloren zu haben. Oder kannst Du Dich Deiner Cousine Nelly nicht mehr erinnern?" „In meiner Erinnerung lebte Nelly als Kind," gab ich zur Antwort, „und ich finde sie als große, erwachsene Dame wieder!" „Befremdet Dich das, Du treuloser Vetter, Du?" fragte Nelly und drohte, schalkhaft lächelnd, mit dem Finger. „Mädchen wachsen, auch wenn sich unliebenswürdige Vetter nicht viel um sie kümmern!" „Ich könnte das Nämliche behaupten, wenn es mir nicht zuwider wäre, mit Retourkutschen zu fahren!" „Also laß das und begleite mich lieber in den Garten! Ich will Dir meine Blumen zeigen, die schon in voller Frühlingspracht prangen, und Du sollst dort auch die Bekanntschaft mit meinen Enten und Schwänen machen. Verdient hättest Du's freilich nicht, Du Treuloser, aber ich will diesmal Gnade für Recht ergehen lasten!" Sie hing sich an meinen Arm und führte mich fort. „Vergeht nur nicht, daß um vier Uhr dinirt wird!" rief uns der Onkel nach. Es war wunderbar schön im Garten. Mit wahrem Entzücken schaute ich auf das junge Grün der Buchen und Ulmen, welche den großen, mit Tausenden von Blumen und Blüthcn bepflanzten Rasenplatz umgaben. Aus den dunklen, schattigen Alleen des Parkes tönte uns süßer Sang entgegen. Sonst herrschte heilige Stille, kein Lüftchen regte sich, es war ein Bild des reinsten, ungetrübten Friedens, das mir tief, tief in die Seele griff. Wie ein Träumender schritt ich an der Seite meiner Cousine, die mich mit sich weiterzog, dahin. Zauberklänge, die bisher die Saiten meines Herzens nicht berührt, ertönten in meiner Brust, und wie ein Berauschter taumelte ich weiter und weiter neben diesem herrlichen Geschöpfe in dieser märchenhaften Umgebung. Ich kam mir wie ein verzauberter Prinz vor, der, von einer gütigen Fee geleitet, zwischen Himmel und Erde schwebte. Wir schritten am Ufer des Waldbaches entlang, der in Schlangenwindungen über die Wiese zog, um durch eine Schleuse mit lautem Geräusch sich in einen Wecher zu ergießen. Auf dem grünlichblauen Spiegel des Weihers schwammen mit stolzer majestätischer Ruhe mehrere Dutzend Schwäne, und zwischen ihnen plätscherten wilde Enten. Kaum halten sie Nelly erblickt, als sie alle an's Ufer heranschwammen und ihre Augen vertrauensvoll auf sie richteten. Der Zauber berauschte meine Sinne und meiner selbst nicht mächtig, schlang ich plötzlich die Arme um meine holde Cousine und drückte sie an meine Brust. „Liebe, gute Nelly!" kam es aus der Tiefe meines Herzens. Einen Augenblick lehnte Nelly ganz verwirrt ihr Köpfchen an meine Brust. Dann aber machte sie sich aus meiner Umarmung los und brach in ein schallendes Gelächter aus. „Wie hast Du mich erschreckt, Manfred! . . . . Doch sag nial Vetter, bist Du noch immer so starrorthodox? Ist es wahr, daß Du noch immer Samstags nicht schreiben wolltest und Dich weigerst, Schweinefleisch zu effen?" Das wirkte — der Zauber war gebrochen. „Allerdings, liebe Nelly," erwiderte ich. „Der charakterstarke Mensch wechselt seine Neberzeugung nicht wie ein Gewand!" Nelly wurde nachdenklich und betrachtete mich einige Sekunden mit prüfendem Blick. „Bist Du denn überzeugt, daß eine ascetische Lebensweise ein gottgefälliges Werk ist?" „Nein," erwiderte ich. „Das glaube ich keinesfalls!" „Ja, waritnr plädirst Du dann für eine solche Lebensweise?" „Nicht für ein aseetisches Leben plädire ich, sondern nur für treue Pflichterfüllung. Die heilige Lehre, die alle Verhältnisse unseres Lebens regelt, betrachtet Jeden, der sich das Erlaubte versagt, ebensogut als einen Sünder, wie einen solchen, der sich das Unerlaubte gestattet. Selbst ein Nasir — es ist ein solcher, der gelobte, dreißig Tage lang ein beschauliches Leben zu führen — wird von unseren Lehrern ein Sünder genannt, weil er sich den Genuß des Weines versagt, und muß deshalb nach Ablauf der dreißig Tage ein Sühnopfer bringen. Wir sollen eben genießen, um zu leben, um Gott zu dienen und die heiligen Pflichten zu erfüllen, nicht aber leben, um zu genießen. Liegt ja hierin der einzige Unterschied zwischen dem mit höherem Denkvermögen ausgeftatteten Menschen und den von Instinkten beherrschten Thicren. Letztere sind Sklaven ihrer Neigungen, ihrer Instinkte, der Mensch soll und kann Herr seiner Neigungen, seiner Begierden werden, und eben dazu hat uns Gott die heilige Lehre gegeben, damit wir diese Herrschaft über uns erringen, dem Willen die volle Freiheit wahren. Erst hierdurch wird das Leben ein menschenwürdiges, führt es zum ewigen Glücke, zur selbstbewußten Zufriedenheit." Nelly lauschte halb erstaunt und halb nachdenklich auf meine Worte, und mit einem Gemisch von Ernst und Schalkhaftigkeit erwiderte sie: „Eigenthümlich, daß mein Vater diese Lehre lächerlich findet, sie als „kindischen Wahn des Alterthums" hitistellt, während Du dieselbe mit solcher Wärme vertheidigst, daß ich — obgleich ich sie kaum dem Namen nach kenne — eine große Achtung vor ihr bekomme!" Geblendet von dem berückenden Zauber des

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