Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1897)
- Date
- 1897-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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624 ohne Unterschied der Konfession, die Darlehenskaffevereine, Volksbildung- und Kriegervereine sollen sie bei den israelitischen Mitbürgern eifrige Gönner und Förderer finden, die Krankenanstalten und höheren Communal-Schulen sollen sich ihrer Unterstützung erfreuen und alle feinere festliche Veranstaltungen mögen im Jntereffe eines geselligen Zulammenwirkens von denselben besucht werden. — Doch wirke der Lehrer darauf hin, daß bei allen diesen Gelegenheiten die isr. Mitglieder ein bescheidenes, taktvolles Auftreten an den Tag legen und nicht durch unberechtigtes Vordrängen den Frieden innerhalb des Vereins oder der politischen Gemeinde gefährden. Wie viele unliebsame Vorkommnisie werden oft der antisemitischen Strömung imputiert, welche in Wirklichkeit durch Unbescheidenheit und vorlautes Wesen provociert wurden. Von der Theilnahme an politischen Vereinen und Korporationen mit ausgesprochener Pa et ei rich tun g rathe der Lehrer dringend ab. Ebenso ermahne er zu vorsichtiger Zurückhaltung bei der Debatte über religiöse oder politische Streitfragen in öffentlicher Gesellschaft, im Wirthshause und auf der Straße. Er empfehle Achtung einer jeden politischen Ansicht und Verhütnng von Debatten, welche häufig in persönliche Gehässigkeiten ausarten und die gesellschaftliche Stellung der Juden schädigen. Bei Gelegenheit einer Wahl ermahne der Lehrer die jüdischen Mitbürger, ihre Ueberzeugung bescheiden und ruhig zu bethätigen, aber jede Agitation oder Betheiligung am Wahlkampf pro oder contra eine politische oder örtliche Partei sorgfältig zu vermeiden. Des weiteren betone der jüdische Lehrer stets die Nothwendigkeit strengster Reelität im Handel und Verkehr. Biederkeit und Lauterkeit seien die obersten Grundsätze aller geschäftlichen Thütigkeit, und jemehr Verleumdung und Raffenhaß das geringste Versehen für ihre unlauteren Zwecke verwerthen, umsomehr muß jeder Einzelne in allen Unternehmungen Gesetz, Mittel und Folgen reiflich erwägen und sich der hohen Verantwortlichkeit für die jüdische Gesamnltheit stets bewußt bleiben. Insbesondere setze der Lehrer seinen Einfluß ein für B e t h ä - tigung einer toleranten, anständigen Concurrenz. Fern von jeder Provokation zeige sich der jüdische Kaufmann und Handwerker solidarisch mit seinem Concurrenten ohne Unterschied der Confession vermeide jede geschäftliche Boykotttirung desselben, jeden „unlauteren Wettbewerb" und andere Zwangsmittel, sondern huldige stets dem Grundsätze: „Leben und leben lassen!" Mit unermüdlicher Hingebung bestrebe sich ferner der Lehrer, allen Gemeindemitgliedern Vorsicht und Pietät bei der Ausübung religiöser Bräuche oder Betheiligung an religösen Ceremonien dringend zu empfehlen. Nichts vermag die Achtung vor einer Institution, den Respekt vor einer Ceremonie mehr zu erschüttern als ein undelikates Benehmen in Gegenwart Andersgläubiger. Die Weihe und Bedeutung des religiösen Aktes, das Verständniß seines idealen Grundes müssen jeden gewissenhaften Juden vor einer gewohnheitsmäßigen Ausübung bewahren und ihn veranlassen, den richtigen Ort und die passende Gelegenheit zu ungestörter Einkehr und Sammlung aufsuchen, nicht aber die wichtigsten rituellen Pflichten der unverständigen Neugierde der breiten Oeffentlichkeit preiszugeben. Möge daher der Lehrer in allen Kreisen seiner Gemeinde die takt voll st e Rücksichtnahme bei Ausübung religiöser Bräuche (ich erinnere nur z. B. an das p^-Legen oder an die Betheiligung an Beerdigungen) in der Oeffentlichkeit, im Hotel, auf Markt, Straße und Eisenbahn laut und nachhaltigst einschärfen. Von der Verwerflichkeit des sogenannten „Judendeutsch", des Jargon, im Handel und Verkehr habe ich schon' oben geredet. In gleicher Weise lege der Lehrer seiner Gemeinde die Nothwendigkeit eines bescheidenen Auftretens am Sam st ag unddenjüd. Feiertagen, besonders denjenigen welche auf Werktage fallen, nahe. Man vermeide den übermäßigen Prunk an Kleidern und Schmuck, welche z. B. an letzteren Tagen den Neid und das Aufsehen der christlichen Mitbürger um so leichter erregen, als diese in Werktagskleidern einhergehen. Man hüte sich vor auffallendem Benehmen auf Spaziergängen und öffentlichen Plätzen, welches den Unwillen der Mitwelt leicht provociert und bei den heutigen Strömungen dem Prestige der jüd. Gesamnltheit nur schaden kann. Um den Sinn für Geselligkeit auf feinere Weise zu pflegen, lasse es sich der Lehrer angelegen sein, bei entsprechenden Gelegenheiten die Gemeindemitglieder zu ungezwungenem, gemüthlichem Amüsement zu versammeln. Das geschieht z. B. am rcun #bit.c ,min rnetp durch Veranstaltung von Gesellschaftsabenden, allerhand Aufführungen, Abendunterhaltungen u. s. w. Dadurch fördert er den Frieden und freundschaftlichen Verkehr innerhalb der Gemeinde, veredelt den Sinn für Geselligkeit und stärkt aber auch das religiöse Bewußtsein, indem er durch die Wahl dieser nationalen Gedenktage und Freudentage die Festlichkeit in den Dienst einer idealen Sache stellt. Dennoch bemühe sich der Lehrer, daß bei Abhaltung von Festlichkeiten innerhalb der