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Der Israelit · 1897-04-27 · Heft 32-33 (27.4.1897) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 32-33 (27.4.1897)
Date
1897-04-27
Page
– (sequence 26)
Language
German
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616 Erdboden verschwanden. Die natürliche Folge dieser so ungerechten als barbarischen Maßregel war die Verschmelzung des christlichen und israelitischen Elementes und die Ausbreitung des letzteren über die ganze Stadt hin. Daran nahmen nun die Christen erneuten Anstoß. Es galt die Israeliten wieder auf ein bestimmtes Gebiet zu beschränken, und nicht länger zu dulden, daß sie in der Nähe von Kirchen wohnten! Das Jahr 1524 bezeichnet den Ausgangspunkt dieser mit grimmiger Halsstarrigkeit durch Gesandtschaft auf Gesandschaft nach Venedig verfolgten Bestrebungen einerseits und des muthigen, nicht weniger beharrlichen Widerstandes der Verfolgten andrerseits. Im Jahre 1622 aber unterlagen nach fast hundertjährigem Kampf schließlich doch die Israeliten, indem ihnen das strenge Gebot zuging, sich in dem noch jetzt von ihnen bewohnten Stadttheil anzusiedeln, den sie ohne schriftliche Erlaubniß des Provveditore nicht verlassen durften. In diesen engen, von hohen Mauern umthürmten Gaffen, vor denen der Haß des christlichen Pöbels verderbensinnend lauerte, ging ihnen ein Tag wie der andere trübe, freudlos und eintönig dahin. Nur ein in das Jahr 1776 fallendes romantisch-tragisches Ereigniß wäre aus jener Periode der Knechtschaft und Tyrannei hervorzuheben: Er, der junge „Graf", Sohn des Pfarrers an der Kirche vom heiligen Spiridon, hatte zu tief in die wunderbaren Augen der schönen Rahel geschaut und sich wohl auch vom Glanz der großen väterlichen Reichthümer blenden lassen. Und sie, das unerfahrene, kaum 16jährige Mädchen, wollte den Glauben ihrer Väter abschwören, um dem geliebten Mann ganz anzugehören. Er entführte sie zur Nachtzeit aus dem elterlichen Hause. Am folgenden Tage sollten die Bekehrungs- und Hochzeitsfeierlichkeiten durch den Vater des Bräutigams stattfinden. Man denke sich nun das bewegte Bild des Kirchganges, das durch die Reihen der neugierig gaffenden Menge nur mühsam vorwärts kommende Paar, die plötzlich herausstürmenden Polizeibeamten, welche die Braut ihren Eltern mit Gewalt zurückzuführen suchen, die von den glühenden Worten des Pfarrers aufgestachelten, sich zu Beschützern der „Bekehrten" aufwerfenden Volksmaffen, und schließlich nach der religiösen Ceremonie den von wildem Gejauchz und Triumphgeschrei begleiteten Einzug der Vermählten in das Haus des Bräutigams! Und der Schluß? Kurz nach der Hochzeit erfolgte die Gefangennahme der jungen Frau durch Beamte der venezianischen Regierung. Sie ging in einem der entsetzlichen Kerker Venedigs elend zu Grunde. — Gewiß mußte das tragische Geschick dieses so schönen als unglücklichen Wesens, der die Liebe zum Verderben wurde, die Dichter jener Zeit zu poetischer Behandlung einladen. Und so zählte diese rührende Geschichte bald zu den Lieblingsbüchern des griechischen Volkes. Sie erlebte in der Phönixdruckerei zu Venedig mehrere Austagen. Der Untergang der altehrwürdigen Republik Venedig führte erfreulicherweise auch das Ende jener mittelalterlich-barbarischen Zustände herbei. Mit dem im Jahre 1797 an Frankreich übergehenden Protektorat der Insel hielt ein neuer Geist, der Geist der Freiheit und Gleichheit seinen Einzug auch in das düstere, von den Israeliten bewohnte Quartier. Die Mauern, welche es von der übrigen Stadt abschloffen, sanken und an Stelle der Freiheitsbeschränkung, unter der sie bisher geseufzt, trat ihre dankbar und freudigen Herzens begrüßte völlige Gleichberechtigung mit den Christen. Unter der von 1814 an datirenden englischen Schutzherrschaft jedoch sahen sie sich die Ausübungsbefugniß der Advokatur abgesprochen und erst nach der Vereinigung der jonischen Inseln mit dem Königreich Griechenland im Jahre 1863 kam jeder rechtliche Unterschied zwischen Christen und Israeliten in Fortfall. Die gegenwärtige israelitische Gemeinde Corfus setzt sich aus verschiedenen Nationalitäten zusammen. Als im Jahre 1493 Ferdinand der Katholische in kurzsichtiger Verblendung seine israelitischen Unterthanen in die Frenrde stieß, fanden zahlreiche spanischisraelitische Familien eine neue Heimath in dem meerumrauschten Corfu. Nach einem halben Jahrhundert sollte sich auch der Wohlklang der italienischen Sprache mit der spanischen und griechischen vermählen; denn da trug die blaue Meereswelle eine starke Kolonie verbannter Israeliten aus Apulien an Corfus Strand. Die Sprachen verschmolzen allmählich zu dem noch jetzt gesprochenen Dialekt, einer Mischung von italienischen und griechischen Worten, der dem Griechen und Italiener gleich unverständlich ist. Die italienischen Flüchtlinge gründeten mit ihren spanischen Glaubensgenossen eine Synagoge, die zum Unterschied von der ältesten „griechischen" die „apulische" oder „spanische" genannt wurde. Die im Jahre 1558 400 Mitglieder umfaffende Gemeinde verdreifachte sich im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte und zählt gegenwärtig an 3000 Seelen. Daß der Große Rath von Venedig der israelitischen Gemeinde in Corfu einen besonders hohen Werth beilegte, bewies er im Jahre 1571. Damals wurde nach der für die Republik Venedig glücklichen Schlacht bei Neupaktos als ein Gott besonders wohlgefälliges Werk die Ausweisung sämmtlicher Israeliten aus den Staaten Venedigs verfügt — mit Ausnahme der Israeliten Corfu's. Und diese waren eines solchen außerordentlichen Wohlwollens sicherlich nicht unwerth. Sie betrieben mancherlei nützliche, von den Andersgläubigen verschmähte Gewerbe. Ihren hervorragenden Kaufleuten war auch schon damals

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