Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 32-33 (27.4.1897)
- Date
- 1897-04-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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601 auf die Früchte dieser Befreiung. Durch Vorlesung mehrerer Stellen aus einem jüdischen Katechismus bewies er die Unrichtigkeit der Behauptung, als ob dem Juden seine Religion die Vaterlandsliebe nicht geböte: „Lassen Sie uns Keinen, dem Gott das unvergängliche Siegel seines Ebenbildes aus die Stirn gedrückt hat, ausschließen aus dem Kreise menschlicher Berechtigung, lassen Sie uns keinem unserer Brüder darum ein Recht entziehen, weil er festhält an dem, was auch Jedem von uns das Höchste ist, nämlich, daß er Gott nach seiner Ueberzeugung dient!" Staatsminister v. Thiele antwortete: „Ich will gleich im Voraus aussprechen, daß ich die Gefühle, von denen die sämmtlichcn Redner ausgegangen, von denen sie durchdrungen sind, in hohem Maße achte und ehre, und daß ich, wenn ich nicht glaubte, daß sie auf einer falschen Basis der Beurtheilung ständen, dieselben vollkommen theilen würde. Ich habe meine Jugend in der damaligen Provinz Südpreußen verlebt und die Juden in großem Maße daselbst kennen gelernt; ich erkannte ihre Vorzüge schon damals und habe oft gefunden, daß sic in Mäßigkeit, in Nüchternheit, in Betriebsamkeit und in Ernst bei ihren Arbeiten über der christlichen Bevölkerung standen, unter der sie lebten, und ich habe nur innig bedauern können, daß der christliche Bauer ihnen in diesen ausgezeichneten Eigenschaften oft so weit nachstand. Alles, was heute über die Juden gesagt worden ist, geht von einem an sich schönen, trefflichen Hnmanitätsprinzipe aus. Die Gesetzgebung aber durfte von diesem bloßen Humanitätsprinzipe nicht — sie konnte mir davon ausgehen, daß die Humanität in keinem Punkte des Gesetzes verletzt würde; sie hatte aber daneben eine andere hohe Verpflichtung, nämlich die, die Rechte des christlichen Staates 31t wahren." Hiermit war das Banner, um das sich die Feiude der Juden schaarten, aufgehißt. So äußerte Freiherr von Landsberg: „Ich habe mich immer gegen eine Emanzipation der Juden ausgesprochen, ani wenigsten kann meine Ansicht eine Veränderung erleiden durch die Aenßerungen eines Abgeordneten, daß wir nämlich die Emanzipation anssprechen können, weil wir erwarten dürfen, daß sie nie im vollen Uinfange zur Ausführung käme. Meine Griinde sind einfach die, daß man sich für die Emanzipation nicht entscheiden kann, ohne das Ehristcnthum gänzlich aufzugeben." (Gemurmel.) Regierungskommissar Brüggemann ergriff das Wort zur Rechtfertigung, in der es heißt: „Ich habe aus den Aeußerungen vieler der Redner entnommen, daß sie gerade vom Standpunkte des Christenthums aus eine Erweiterung, eine vollkommenere Anerkennung der Rechte der Juden beantragt haben: darin zeigt sich eben die Kraft des Christenthums, die sich auch in ihnen zu erkennen giebt, während sie nun auf dem Gebiete des staatlichen Lebens dieselbe Kraft theilweise aufheben möchten. Das Christenthum spricht allerdings den Grundsatz der Liebe aus: aber es fordert die Liebe nicht bis zu dem Grade, daß es selbst seinem eigenen Grundsätze die Wirksamkeit im Leben schmälern und selbst nicht mehr im Stande sein sollte, diese Liebe in allen Kreisen des Lebens walten zu lasten." Verwundert rief von Gottberg dazwischen: „Fürchte man etwa ihre (der Juden) Konkurrenz in Staatsämtern und anderen geistigen Berufsarten? Wie? 20 Millionen Christen gegen 200,000 Juden?" v. Saucken-Tarputschen bemerkte hierzu: „Hier in Berlin ist bei einer höheren Militärschule ein Lehrer mosaischen Glaubens (es war Major Meno Burg, 1789 bis 1853) seit vielen Jahren in wirksamer Thütigkeit, weil unsere Militärverwaltung in freierer — richtiger Austastung der Zeitverhältniste ohne Zeitverhältniste, ohne Voruriheile den besonderen Fähigkeiten zum Nutzen des Ganzen gern eine Wirksamkeit gestattet, und es ist erfreulich, daß unter allen Denen, die von diesem geachteten Stabsoffizier Unterricht erhalten haben, keiner Vorurtheile hegt." Fast vereinzelt stand die Ansicht eines ritterschaftlichen Abgeordneten Otto v. Bismarck-Schönhausen, der mit aller Entschiedenheit gegen die Emanzipation auftrat. Aber auch der hat sich's später anders überlegt. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Graz, 6. April. (Antisemitische Stüde nt en-Ex cesse.) Hente begann die Verhandlung gegen sechs Studenten, vier Juristen und zwei Mediziner, welche des Verbrechens der öffenilichen Gewaltthätigkeit, begangen durch boshafte Beschädigung fremden Eigenthums, nach §. 85 Str. G. angeklagt sind. Am 21. October vorigen Jahres, gegen 3 Uhr Morgens, erwachte der Diener des hiesigen israelitischen Tempels, Heinrich Weiß, über ein lautes Geschrei .und bemerkte am Tempeleingange einen mächtigen Feuerschein. Als er hinauseilte, fand er, daß die vor dem Portale des Tempels angebrachten zwei Gaslampen ihrer Brenner beraubt waren und daß das aus den Röhren strömende Gas in so mächtigen Flammen brannte, daß das Metallgerippe der Laternen zu schmelzen begann. Vor dem Gitter auf der Straße standen mehrere junge Leute, welche den Diener beschimpften und mit Steinen bewarfen. Gegen das beim Tempel befindliche Schulhaus wurde geradezu Sturm gelaufen und drei Fensterscheiben eines Schulzimmers eingeschlagen. Später bemerkte der Tempeldiener, daß von der eisernen Einfriedigung 21