Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 32-33 (27.4.1897)
- Date
- 1897-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Juden, dem er ehemals verächtlich über die Achsel schaute, in der intimsten Weise zu verkehren, wenn nur die „sozialen" Verhältnisse, d. h. der Ruf im bürgerlichen Leben und der Inhalt des Kassenschranks zu einander passen. Mit Bezug auf diese Erscheinungen läßt sich derselbe Vergleich, der so oft für den Einfluß der Emanzipation auf die Gesetzestreue herangezogen worden ist, gebrauchen, daß der Sturm in seiner größten Heftigkeit nicht im Stande war, dem Wanderer den Mantel zu rauben, daß aber der warme Schein der Sonne gar bald den Mantel in'S Gras sinken ließ. Solange wir mit unseren andersdenkenden Stammesgenossen in heißem Streite lagen, waren wir gefeit dagegen, irgend etwas von ihren Ansichten und Gewohnheiten in uns aufzunehmen, heute, wo wir tagtäglich mit denselben verkehren, ja vielfach zu verkehren gezwungen sind, ist die Gefahr für den alten festen Stamm — für die Wurzel zwar nicht, aber für das allmählige Loslösen der Zweige und Aeste — unendlich größer. Die wie ein verheerendes Feuer an allen Winkeln der Erde plötzlich auflodernde Judenfeindschaft, die sich zuerst in dem geselligen Leben geltend machte und die die neologen Elemente von Tisch und Tanzsaal verwies, ließ diese in ihrem Bedürfniß nach anderweitigem Anschluß eine Annäherung an die bislang verachteten gesetzestreuen Kreise suchen. Statt daß ihnen nun hier für einen Zusammenschluß die Bedingungen streng und klar vorgeschrieben wurden, d. i. unbedingte Rückkehr zum Gotte unserer Väter, stehen wir in allen Beziehungen hier vor der traurigen Thalsache, daß man sich, obgleich mit dem Verkehr innerhalb seines eigenen bescheidenen Kreises vollkommen zufrieden, dennoch herbeiließ Concefsionen zu machen. Es ist dies vielleicht der einzig dastehende Fall in der Geschichte des jüdischen Volkes, daß eine Verfolgung von außen an Stelle einer Erhöhung des jüdischen Pflichtgefühls eine Lockerung desselben herbeigeführt hat. Die Pflicht bei Tische sich von der göttlichen Lehre zu unterhalten, opfert man leichten Muthes den neugewonnenen Freunden zu Liebe und sieht zu, wie der Nachbar ohne die vorgeschriebene Waschung der Hände und ohne Benediction entblößten Hauptes sich zu Tische niedersetzt, ohne Tischgebet sich wieder erhebt, und man hat nicht einmal ein Wort der Ermahnung für den pflichtvergessenen Bruder. Hier liegt die große Gefahr für unser Judenthum, das unsere Väter mit ihrem Herzbluts sich erkämpft und uns erhalten haben und fulminante Artikel gegen Orgel und deutsche Gebete und wenn sie noch so gut geschrieben, sind heute nicht mehr im Stande, diese Gefahr zu beseitigen. Mit diesen hat man die große Schlacht gewonnen, aber der Feind hat noch nicht aufgehört in kleinen Scharmützeln versteckte Angriffe zu wagen; sie sind um so gefahrbringender, als man ihre Bedeutung unterschätzt und es nicht j der Mühe Werth hält, ihnen einen Widerstand entgegenzusetzen. Was aber kann geschehen, werden unsere geehrten Leser fragen, um auch dieses Uebel zu tilgen? Sollen wir jeden Verkehr mit unseren abgefallenen Brüdern aufgeben? Das können und wollen wir nicht, lassen sich viele vernehmen, wir sind durch tausend Beziehungen mit ihnen verbunden, wir arbeiten mit ihnen gemeinsam an dem Wohle der Stadt und des Staats, wir stehen mit ihnen in geschäftlichem Verkehr und manches Werk der Nächstenliebe ist nur durch unser vereintes Wirken zu Stande gekommen. Darauf möchten wir erwiedern: Ein vollständiges Aufgeben jeglichen Verkehrs mit denen, die das Rcligionsgesetz nrißachten, verlangen wir mit Nichten. Wir möchten Euch nur zurufen, seid Männer nicht nur in bürgerlicher, sondern auch in religiöser Beziehung. Schweiget nicht still, wenn Ihr seht, wie das heilige Gesetz verletzt wird, ermahnet mit sanften und wenn nöthig mit strengen Worten, glaubet nicht, daß man Euch, ob der Bethätigung der göttlichen Gebote verspottet und mißachtet und scheuet Euch nicht sie in Gegenwart Eurer abgefallenen Brüder so zu üben, wie wenn Ihr zu Hause im engsten Familienkreise wäret; in den allermeisten Fällen wird man nicht den Spott, den Ihr vielleicht vermulhet, sondern Hochachtung und Anerkennung für Euch haben. Seid Ihr hierzu nicht im Stande, fehlt Euch das nöthige Wissen und die erforderliche Redegewandtheit, fürchtet Ihr, daß Ihr zu schwach seid in Euren Mitteln der Entgegnung, dann ist es allerdings besser, Ihr haltet Euch so lange fern, bis Ihr genügend ausgerüstet den Kampf wagen könnt. Glaubt Ihr aber mit Erfolg thätig fein zu können, so haltet, wenn sich Euch Gelegenheit dazu bietet, nicht zurück mit Euren Ansichten; die großen Führer und Feldherren haben die Hauptschlacht für Euch geschlagen, an Euch ist es jetzt, an jedem Einzelnen auch die kleinen Gefechte glücklich zu Ende zu führen. Die Kanzel und oie Presse treten in diesem Kampfe augenblicklich mehr in den Hintergrund, im Coupe, in der Sitzung, bei Tisch ist heute das Gewonnene zu erhalten und zu befestigen. In den Generalversammlungen der Wohlthätigkeitsanstalten läßt sich ebenfalls viel für Erhaltung unserer Emunah thun. Die alten Spötter und Hasser existiren vielfach nicht mehr und die neu hergewachsene Generation, die in völliger Unkenntniß unserer heiligen Lehre erzogen, wird oft begierig sein von Euch zu lernen und von Euren Sitten anzunehmen. Treffet Ihr noch hie und da einen Gegner aus der alten Schule, der all Euren Auseinandersetzungen und Versuchen ihn auf die richtigen Wege zu leiten, nur Spott und Hohn entgegensetzt, dann allerdings habt Ihr die Pflicht den Verkehr abzubrechen. So Ihr aber mit Stammesgenossen verkehren müßt, die ganz außerhalb de» Judenthums stehen und die ohne jede» Verständniß für unsere hei-