Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1897)
- Date
- 1897-04-15
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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588 liebste Pensionsfreundin mit einem sehr tüchtigen und gebildeten Kaufmann glücklich verheirathet war. Vor ihrem Wegzuge aus Buchheim hatte sie alle dortigen wohlthätigen Anstalten reichlich bedacht und der dortigen Cultusgemeinde ein so großes Capital zugewiesen, daß dessen Zinsen zur Erhaltung der sämmtlichen Institutionen der kleinen Gemeinde hinreichten. Sie glaubte dadurch, daß sie nunmehr dem Lieblingswunsche ihres Gatten nachgekommen, einen Theil der roßen Schuld gesühnt zu haben und verließ etwas eruhigter den Ort, in welchem sie soviele Freuden und dann durch eigenes Verschulden soviel Leid erfahren hatte. In ihrem neuen Domizil miethete sie sich in der Nähe ihrer Freundin eine hübsche, einfache Wohnung und lebte in größter Zurückgezogenheit, sie galt als eine junge Wittwe und war ob ihrer großen Wohlthätigkeit bald allgemein bekannt und beliebt. Sie verkehrte nur im Hause ihrer Freundin und hier lernte sie erkennen und empfinden, wie ein echt jüdisches Familienleben beglückt, wie es sich mit wahrer Bildung vereinbaren läßt und was sie hätte besitzen können, wenn sie es in ihrer falschen Anschauungsweise nicht von sich gestoßen hätte. So waren fast zwei Jahre dahingeschwunden, ohne daß Hedwig trotz aller fortgesetzten Nachforschungen nur eine Spur von dem verschwundenen Gatten entdeckt hätte. Es war im Sommer des Jahres 1870, des Jahres, von dem Deutschlands Wiedergeburt datirt, wo jeder Deutsche ohne Unterschied des Standes und der Confession nur bestrebt war, den ihm aufgedrungenen Kampf mannhaft zu Ende zu führen. Wo nicht nur der jüdische Soldat pflichtgetreu und freudig neben dem christlichen Kameraden kämpfte, sondern auch die jüdische Frau neben der christlichen Nachbarin sich mit Hingebung der Pflege von Kranken und Verwundeten widmete. Wer hätte in jener großen Zeit geglaubt, daß kaum zwanzig Jahre später die Seuche des Antisemitismus alle bewiesene Vaterlandsliebe und Aufopferung vergessen ließe. Auch im Wohnorte Hedwig's, der sozusagen an der Hauptstraße zum Kriegsschauplätze lag, ward ein Lazareth errichtet und es war in der Hauptsache Hedwig's Freigebigkeit zu verdanken, daß dasselbe nach Raum und Ausstattung zu den besten gehörte, die durch Privatwohlthätigkeit in's Leben gerufen wurden. Hedwig war die eifrigste Pflegerin, wobei ihr die vom Gatten erhaltenen ärztlichen Winke sehr oft von Nutzen waren, so daß selbst die Aerzte über ihre Sachkenntniß staunten. So oft ein von Miltärärzten geleiteter Transport vonVerwundeten ankam, klopfte ihr Herz rascher, hoffte sie doch den, nach welchem sie sich mit aller Liebe, deren ein Frauenherz fähig ist, sehnte, dabei zu finden. Wußte sie doch sicher, daß er sich durch nichts abhalten ließ, seiner Pflicht dem Vaterlande und der Menschheit gegenüber, getreulich nachzukommen. Die Verlustlisten durchspähte sie bangen Gemüthes; aber weder ihre Hoffnungen noch Befürchtungen erfüllten sich. Sie ahnte nicht, wie nahe ihr der Geliebte war, als er, kaum da die Nachricht von der Kriegserklärung ihn erreichte, seine glänzende Stellung, die er in London als Assistent eines berühmten Arztes inne hatte, verließ, um über Antwerpen sich zu seinem Truppentheile zu begeben. In einer lauen Julinacht führte ihn der Schnellzug nur wenige Schritte an ihrer einsamen Wohnung vorüber. Bei seinem Truppentheil wurde der beliebte und wegen seiner Tüchtigkeit noch von früher bekannte Arzt freundlich empfangen, vom Obersten wegen seines raschen, ohne Aufforderung erfolgten Erscheinens insbesondere belobt und ihm ein ausgedehnter Wirkungskreis zugewiesen, der sich nach den ersten Schlachten noch bedeutend erweiterte. Unermüdlich war er thätig und seiner Aufopferung verdankte mancher brave Soldat sein Leben. Von höchster Stelle wurde sein ersprießliches Wirken durch Verleihung eines Ordens ausgezeichnet. Zwei Monate des so bedeutungsvollen Kampfes waren dahingegangen, immer größer und häufiger wurden die Transporte von Kranken und Verwundeten, wovon die einen immer weiter geschoben wurden, um denen, die einen weiteren Transport nicht aushielten, Platz zu machen. Es war am Rüsttage zum Jom Kippur, als auf dem Bahnhofe des Städtchens, in welchem Hedwig wohnte, ein großer Ambulanzzug ankam, der für die nächste größere Stadt bestimmt war. Da mehrere Militärzüge von der entgegengesetzten Richtung signalisirt waren, mußte der Krankenzug so lange halten, bis jene pafstrt hatten; so war es beinahe 5 Uhr Nachmittags, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzen konnte. Einer der den Zug begleitenden Militärärzte ließ sich von dem Oberarzt beurlauben und eilte dem nahen Städtchen zu. Einem ihm begegnenden Manne, den er als Israeliten erkannte, fragte er nach einer jüdischen Restauration. Dieser erwiderte, daß eine solche hier nicht bestehe und betrachtete neugierig den Fragesteller. Der Arzt gab sich ihm klü Glaubensgenosse zu erkennen, theilte ihm mit, daß er geglaubt, die nächste größere jüdische Gemeinde zu erreichen, nun aber gezwungen sei, den heil. Tag hier zu feiern. Der Andere, ein Kaufmann aus dem Städtchen, lud ihn hierauf ein, sein Gast zu sein, was ohne Umstände acceptirt wurde. Der Kaufmann führte den Arzt in sein Haus, wies ihm ein hübsches Zimmer an und bat ihn, sein Haus als das seinige zu betrachten. Nachdem der Koffer des Arztes vom Bahnhof geholt, vertauschte dieser seine Uniform mit einem einfachen Civilanzug und begab sich dann in das Wohnzimmer, um die vor dem strengen Fasttage übliche Mahlzeit dort einzunehmen. Während des