Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1897)
- Date
- 1897-04-15
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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586 Hedwig mit inniger Liebe an ihrem Gatten, blickte mit Stolz auf sein ersprießliches Wirken und freute sich des Ansehens, das er in den besten Gesellschaftskreisen genoß; tndeß war sie als einzige Tochter zu sehr verhätschelt, um nicht ihren Willen mit fast an Eigensinn grenzender Festigkeit durchsetzen zu wollen unv zwar da, wo ihr Gatte am wenigsten nachqeben konnte, nämlich in religiösen Dingen. Hedwig führte einen streng-rituellen Haushalt, beobachtete auch die sonstigen Pflichten jüdischer Frauen aufs genaueste, war sehr woblthätig rc., aber sie übte dies alles nur schablonenhaft, ohne die Begeisterung, die erst solchen Handlungen den wahren, höheren Werth verleiht. Sie ließ auch sehr oft durchblicken, daß sie dieses oder jene» Gebot nur ihres Mannes wegen beobachte, und wenn Heinrich sie dann mit sanften, aber ernsten Worten zurechtwies, so gab sie ihm oft scheinbar scherzhafte Antworten, die den tiefreligiösen Mann in seinen innersten Gefühlen verwundeten. Hedwig konnte oder wollte es nie begreifen, daß es vom religiösen Standpunkt aus unrecht sei, sich am Sabbat de» Wagens zu Krankenbesuchen zu bedienen, oder Rezepte zu schreiben, statt, wie Heinrich zu thun pflegte, die Arznei bei dem Apotheker selbst zu bestellen; wenn ihr dann von ihm entgegnet wurde, daß man suchen müffe, auch die geringste Entweihung des Sabbat's zu vermeiden, was ja in seinem Berufe nicht immer möglich und bei Lebensgefahr auch nicht verboten sei, so wollte sie dies nicht gelten lasten und behauptete, daß durch solche Extravaganzen, wie sie es nannte, sein Ruf als Arzt, wie als gebildeter Mann, leide. So lange Hedwig's Vater lebte, war er es, der zur Versöhnung der Gegensätze beitrug und zu einem ernsteren Zerwürfniß war es damals nicht gekommen, ja die junge Frau war nach einem jeden Conflikte stets bereit, dem Galten die Kränkung abzubitten; dies hinderte sie jedoch nicht, schon einige Tage später ähnliche Scenen herbeizuführen. Kaum ein Jahr nach der Verbindung des jungen Paares verschlimmerte sich das Leiden des Vaters und plötzlich machte eme Herzlähmung seinem Leben ein Ende. Nach Ablauf der Trauertage erfolgte die Testamentseröffnung. In demselben waren Tochter und Schwiegersohn zu Universalerben eingesetzt und ein großer Betrag für wohlthätige Zwecke bestimmt. Die Vertheilung des Letzteren auf verschiedene Anstalten war dem Ermesten des Schwiegersohnes anheimgegeben und dieser faßte den Entschluß, glaubte auch im Sinne des Entschlafenen zu handeln, wenn er den größten Theil der Summe jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten zuzuwendete. Insbesondere wollte er durch ein größere» Capital die Existenz der kleinen unbemittelten CultuSgemeinde Buchbeim, deren Vorstand der Verstorbene viele Jahre war, sicherstellen. Hedwig war anderer Meinung, sie wollte nur allgemeine, humanitäre Zwecke, als eine Kinderbewahranstalt, Arbeiterhäuser für die Werke rc. damit errichten. Nach langen, oft sehr ernsten Auseinandersetzungen einigte man sich dahin, die Hälfte des Betrages für allgemeine und die andere Hälfte für speziell jüdische Wohlthätigkeitsanstalten zu verwenden. Durch den Tod des Vaters fehlte nunmehr auch das vermittelnde Glied zwischen den beiden Ehegatten und die immer häufiger auftretenden Meinungsverschiedenheiten wurden nicht mehr so rasch als früher ausgeglichen. So gerne und reichlich auch Hedwig spendete, so wenig konnte sie sich entschließen, einen jüdischen Armen an ihrem Tische zu speisen. Wenn Heinrich für Sabbat einen solchen Gast einlud, war sie nicht am Tische zu finden, schützte Unwohlsein vor, obwohl es ihr im Herzen leid that, ihren Gatten zu kränken; auch daß Heinrich selbst seine Sukko schmückte und sein Lulof in die Synagoge trug, fand sie sehr unpassend und eiferte dagegen. Heinrich entgegnete ihr, daß sich die vornehmsten Christen nicht schämten, ihren Weihnachtsbaum zu schmücken und anzuzünden und das sii nicht einmal ein religiöses Gebot, sondern ein Gebrauch, warum sollte er sich geniren, ein heiliges, strenges Gebot seines Glaubens auszuführen. Als einst an einem der hohen Feiertage der seitherige Vorbeter erkrankte, Heinrich oesten Stelle vertrat und die ganze Gemeinde von dem verständnißvollen Vortrage erbaut war, da verließ seine Frau ostentativ die Synagoge und hielt es, trotz der eindringlichsten Entgegnung ihres Mannes, für eine Erniedrigung seiner Würde, wenn er als Chasan fungire. Mehr und mehr wurden die Beiden, die innige Liebe zusammengeführt, einander entfremdet. Während Heinrich an den Werktagen fast ganz in seinem Berufe aufging, da er neben seiner ausgedehnten Praxis auch schriftstellerisch thätig war, konnte an Sabbat und Festtagen, die sonst in jüdischen Familien vorhandene Gemüthlichkeit bei ihnen nicht heimisch werden, weil Mann und Frau sich nicht — verstanden. Ein Ereigniß, das sonst in den meisten Fällen das Glück einer Familie zu erhöhen pflegt, sollte nun hier zum vollständigen Bruche führen. Ein aus dem Nachlasse des Schwiegervaters herrührendes österreichisches Hundertguldenloos war mit dein Haupttreffer herausgekommen und wie bei der seinerzeitigen Testamentseröffnung, gab es auch hier Erörterungen bezüglich der Verwendung des Zehnten (Maaser). Heinrich beschloß, dieses Mal nicht nachzugeben und auf dem von ihm beschlossenen Standpunkt zu beharren. Irr Laufe der Auseinandersetzung ließ sich Hedwig zu der, wohl nicht ernstgemeinten, aber unüberlegten Aeußerung hinreißen, daß ihr wohl allein das Verfügungsrecht zustehen sollte, da das ganze Vermögen von ihrem Vater herrühre. Gern hätte