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Der Israelit · 1897-04-15 · Heft 30-31 (15.4.1897) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 30-31 (15.4.1897)
Date
1897-04-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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568 Laut, der aus dem Pesachfeste uns entgegenschallt — ihm lauschen alle Wesen mit wonniger Lust, der Vogel in den Lüften wiegt sich in seinem Hauche, die Blumen athmen seinen Duft, und wie er hindringt in alle Fernen und wie alle Fernen in rauschender Harmonie ihn wiedertönen, so dringet er auch in des Menschen Herzen! Freiheit —! „Ein süßes Engelsbild" — so schwebt sie über allem Seienden, und jegliches Antlitz wendet sich hin zu ihr und jegliches Herz schlägt ihr entgegen und jeglicher Mund empfängt sie mit dem liebeglühenden Gruße: "pn mn nc\ „Meine Freundin, wie schön bist Du!" Obgleich die Erlösung aus der egyptischen Knechtschaft zunächst die äußere, die rein körperliche Freiheit des israelitischen Volkes zur Wirkung hatte, und obwohl demgemäß auch in dem Besitze dieser äußeren Freiheit, dieser Freiheit von Knechtesbanden ein bedeutsames Merkmal jenes Glückes zu suchen ist, welches Israel durch die Befreiung aus Egypten zu Theil wurde, so haben wir dennoch oben als die höchste Lehre des Pesachfestes die Lehre vom Besitze jener anderen Freiheit bezeichnet, die sich in dem Weisheitsworte eines unserer Lehrer ausdrückt: rww wenn. „Die Freiheit ist gegeben!" Denn was wäre alle Ungebundenheil des Körpers, wenn nicht Hand in Hand mit ihr das Bewußtsein von der inneren Freiheit, aber auch von der unbedingten Verantwortlichkeit den Menschen durchdränge? Allein diese innere Freiheit, nicht immer war sie anerkannt. Das gleiche geschichtliche Bild, welches sich damals in Egypten bei der Knebelung der Freiheit des israelitischen Volkes darbot, wir finden es auch auf dem Gebiete der inneren Freiheit wiederkehrend. Auch hier thut sich uns ein Mizrajim, ein Land der Knechtung und Fesselung auf, aber der geistig en Knechtung und der geistigen Fesselung, und auf seinem Throne schauen wir den Tyrannen Unheil grübelnd, Unheil sinnend, knechtend und niederdrückend und sein Name ist: Zweifel! Ihm zur Seite waltet mit verrätherischem Anschlag sein allmächtiger Minister, die dünkelvolle Vernunft. Verderbenbringend ist das würdige Paar am Werke, da« Netz menschenunwürdiger Knechtschaft über die Sterblichen zu werfen, ihr Dasein mit verlockendem Rathe zu vergiften und sie in ihrem schönsten Streben zu hindern und zu hemmen! b* r®K mi '2 :Vrm 'jy n»0K nie^jn *|Ktt »ae* .tyxj pby natyi „Die da wohnen in Finsterniß und Todesschatten, gefesselt in Elend und Eisen, weil sie verworfen das Wort Gottes und des Höchsten Rath verschmähten" — wen anders hat der königliche Sänger mit diesen Worten gezeichnet als jene Sterblichen, die unter de» geistigen Tyrannen, de» Zweifels Herrschaft chmachten? Auf keinem Gebiet des menschlichen Geistes hat der Tyrann schlimmer gewüthet, auf keinem der böse, grübelnde Zweifel so tief seine Furchen eingegraben, als auf dem Gebiete der menschlichen Freiheit. Freiheit! Was ist Freiheit? So hatte man gefragt. Da kommen die Einen, das waren die Schuldbewußten, und sie hatten die Antwort bereit, und sie lautete: Es gibt keine Freiheit! Und auch Gründe für diese Ansicht hatten sie bei der Hand. Wenn wir von einem Verbrechen hörten, das verübt worden sei, da sollten wir, so meinten sie, doch einmal allen Veranlassungen zu demselben nachspüren und man werde finden, daß gar nichts anderes habe erfolgen können, als ein Verbrechen. Jener Mensch, der mit kaltem Blute, uni einer Hand voll Geldes willen einen Mord begeht, ist er nicht von lasterhaften Eltern geboren, die sein Herzblut vergifteten, noch ehe er das Licht der Welt erblickt? Wurde er als Knabe in seinem Trotze gebändigt? Lernte er Edles kennen, das ihm zum Muster diene, wurde ihm ein Beruf, der ihn nähre, sieht er eine Zukunft, die ihn erfreut? Hat sein eigenes Leben Werth in seinen Augen? Was Wunder, daß ihm da fremdes Leben nicht heilig scheint? Kann er dafür, trägt er die Schuld, oder das — Schicksal, die Tausende von Umständen und Zufälligkeiten, die ihn drängten auf die Bahn des Verbrechens? „Nein", so rufen sie, „es gibt keine Freiheit!" Das Leben gestaltet den Menschen, nicht der Mensch sein Leben, das Leben mit seinen zahllosen Einflüssen, Erziehung, Umgang, Anlagen, Talente, sie alle machen aus dem Menschen das, was er werden muß, uns was er ist, das ist er nimmermehr durch freie Wahl, sondern durch den Zwang des Schicksals!" Unzählige haben also geredet; sie alle aber wohnen in jener finsteren, todesähnlichen Nacht des Zufalls, dem blinden Ungefähr haben sie sich ergeben. anb bwz wn Weil ihr Herz gebeugt ist in Mühsal, weil sie selbst elend sind durch Schuld und eine Stütze suchen, so wälzen sie in ihrer Angst alle Verantwortung aus den Zufall, ivy pw so wanken sie wie ein Rohr im Sturm, wanken und Keiner hilft! Und dann kommen Andere; die fühlten, daß sie frei seien, die konnten das Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit nicht von sich wälzen. Aber auch sie waren dem Tyrannen unterthan, auch sie waren in 'eine Knechtschaft gerathen, auch sie zweifelten an — Gott! „Gott ist nicht allwissend!" so riefen sie, und erhärtend fügten sie hinzu: „Wenn ich heute etwas thue, so muß Gott es gestern schon gewußt haben! Dann konnte ich aber doch nicht anders, sondern mußte heute so handeln, wie Gott es gestern gewußt hat." „Und wo," sie fuhren so schmähend fort, „wo ist denn da die vielgerühmte Gerechtigkeit des Herrn der Welt? Jede schlimme That, jede Sünde,

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