Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1897)
- Date
- 1897-04-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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569 jedes Verbrechen weiß er, weiß er im Voraus, weiß er von Anbeginn, und dennoch laßt er sie geschehen und dennoch macht er den armen Menschen verantwortlich, dennoch läßt er ihn büßen und straft und züchtigt ihn für das längst Bestimmte, dem er gar nicht entrinnen konnte?!" „Nein," so schließen sie, „es gibt kein Allwissenheit Gottes, denn mit ihrer Annahme hört das Gute auf gut und das Böse bös zu sein, und die Welt ist nichts als ein Puppenspiel, an einem Faden gelenkt von Gott, und dennoch geschreckt und gepeinigt durch die ungerechteste aller Einrichtungen, die Strafe!" Hört Ihr sie. *>x nox non '2, hört Ihr, wie sie verwerfen das Wort Gottes ixxj p^y mon und wie sie schmähen und schänden den Rathschluß des Höchsten? Das sind die Klagen und Jammertöne, welche die Fesseln ihrer geistigen Knechtschaft ihnen abringen, das ist die Ruthe des Herrschers, die mit gewaltigen Schlägen auf die Geknechleten niedersauft, die sie aufschreien läßt: „Es gibt keine Freiheit!" Es ist ein gefährliches Gebiet, auf welches uns unsere Betrachtung geführt hat. Die Giftpflanzen, die auf diesem Felde blühen, haben schon Manchem Verderben gebracht; denn wer ein Mal in diesen Garten des Truges einen Fuß gesetzt, der pflückt auch bald die verlockenden Blüthen, die ihn da reizen durch ihre grellen Farben, und hat er die Blüthen erst einmal in der Hand, dann ist er auch bald von ihrem Dufte berauscht — betäubt! Und' darum soll das Wort, mit dem wir hier das scheinbare Räthsel lösen wollen, nicht nur eine leuchtende Sonne sein', die den in des Zweifels Knechtschaft Schmachtenden die Freiheit kündet, sondern auch ein verwahrendes Gehege, mit dem wir jenen Garten des Truges für alle diejenigen umgeben wollen, die seine falschen Reize noch nicht kennen! Ein Wort löst uns das ganze Räthsel. Es ist das gleiche Wort, das auch in der egyptischen Knechtschaft den Anfang vom Ende bildete: ipym „sie schrieen" heißt es von den Kindern Israels und Gott hörte ihr Seufzen und sein Erbarmen ward reife und Er gedachte des Bundes, den er mit den Vätern geschlossen. Das gleiche Wort gibt der Psalmift den geistig Geknechteten an die Hand, daran sie der Erlösung theilhaftig werden. ptprtö exw : eyw on'jiipiareo en^ rr^x ipytn .pn;’ orrnnD'ci metoi „Rufen sie zu Gott in ihrer Roth, so hilft er ihnen aus ihrer Bedrängniß; führt sie heraus aus Finsterniß und Todesschatten und löst ihre Bande." Gott, die Hinwendung zu Ihm, die aufrichtige Anerkennung seines hocherhabenen Wesens, die rückhaltlose Ueberzeugung, daß der Erlöser lebt" — sie sind erste und oberste Bedingung aller Freiheit! jeua ^Ki; Wie im Monat Nissan einst unseren Ahnen die Erlösung blühte, ^xznb on»ny fo»», so wird auch für alle Fernen der Zukunft die Erlösung der Menschheit aus der Herrschaft des Zweifels nur dann erfolgen, wenn die tiefste Liebe zu Gott gleich der Frühlingssonne auf die Fluren des menschlichen Geistes herniederschimmert! Wie dürfen w i r uns vermessen, von dem Wissen zu sprechen, welches Gott zu eigen ist. Wie dürfen wir mit unserem endlichen Verstände den Urgeist erfassen wollen, aus dem alles fließt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Kennen wir denn eine Eigenschaft Gottes genau? Wissen wir etwa, was es beißt: Gott ist ewig? Haben wir einen Begriff vom Niemalsanfangen, eine Vorstellung vom Niemalsaufhören? Ueber den Sternen, die wir des Nachts am Himmel blinken sehen, da sind, wie die Gelehrten beweisen, noch unzählige Weltkörper, und wo alle Sterne aufhören, da sei blos Aether, und wo der Aether aufhöre, da sei ein leerer Raum — können wir diese Vorstellungen fassen? Vermögen wir Gottes Schöpfung, das Gebilde seiner Hand, mit unseren Gedanken zu umspannen? Und wir vermessen uns, an den Schöpfer selbst das Maß unseres Verstandes zu legen?! Und nun Gottes Wissen gar! Für Gott giebt es keine zeitliche Form, kein Vergangenes und kein Zukünftiges, und wie sich die Allwissenheit Gottes zu dem Wechsel der Zeiten verhält, das ergründet kein erschaffener Geist. — Der Zweifel aber, der uns gefangen nehmen will, er wird verscheucht und überwunden von seinem mächtigsten Gegner, dem Glauben, dem unerschütterlich festen Glauben, der §u Gott emporschaut, unverdorben, unschuldig, wie das Kind zum Vater! Dann wird es unserem Geiste klar 'lest ^on, daß Alles von oben geschehen ist! Aber dann zweifeln wir auch nicht mehr, rwm nxnj, daß die Freiheit gegeben worden. Jenem Mörder, dessen Handlung die Zweifler beschönigen wollten, ihm nrögen die Umstände sein Verbrechen erleichtert haben, sie mögen lockend, ste mögen selbst drängend gewesen sein, aber daß ein Sünder sündigen muß, ist nicht wahr. 12 nnxi. „Du kannst über sie herrschen." Es giebt keine Macht, die uns hinüberstößt über die Schwelle, als unser eigener Sinn. Eine Stimme tönt in uns, die sagt uns klar und deutlich zu jeder Frist, daß wir frei sind, das ist die Stimme des Gewissens. Woher sonst ihr Nagen und Quälen, woher sonst ihr Mahnen und Erinnern, wenn nicht von dem tiefen Bewußtsein absoluter Verantwortlichkeit? So löst sich in dem festgegründeten Glauben an Gott alle Knechtung des Geistes auf oynw» srnnpötets, so gewinnen wir durch ihn einen festen Halt in un-