Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1897)
- Date
- 1897-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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560 die Nacht sie ist so schön! Aber aus allen Schilderungen der Nacht, mögen sie nun grausig oder herrlich sein, geht eines mit unumstößlicher Gewißheit hervor, und das ist die voll st ä nd i g e Oh n macht d e s M e n s ch e n zu dieser Zeit. Ihre Schrecken sowohl wie ihre Freuden finden darin ihren letzten Grund. Da tritt nun das göttliche Wort an uns heran und lehrt uns rib'bn «xns m gerade die Mitte der Nacht, die Zeit Eurer größten Ohnmacht habe ick mir erwählt, um Euch zu zeigen wie meine Macht an keine Zeit gebunden und die größten Wunder habe ich stets in diesem Zeitpunkte vollbracht. David singt in den Psalmen: „Mitten in der -Nacht erhebe ich mich, um Dir zu danken siir Deine allgerechten Strafgerichte." Unsere Weisen bemerken hierzu: David hatte bei seiner Lagerstätte ein Fenster, das nach Norden geöffnet war, eine Harfe hing vor demselben und wenn der 'Nordwind nun mitten in der Nacht wehte, so bewegte er die Saiten der Harfe und diese spielte von selbst. David erwachte von diesem Spiel und stand auf Gott zu preisen. Und wenn David nun an die anderen Könige dachte, die ruhig auf ihrem Lager blieben, die erst der Morgen erweckte und von denen viele noch das erste Tagesviertel schlafend und ruhend zubringen und es ihnen schwer siel, sich der wohlthuenden Ruhe zu entreißen, da dachte er an die vielen Strafgerichte der göttlichen Gerechtigkeit, an die zahlreichen Wundcrthaten, die der Weltenkönig mitten in der Nacht ausgeführt. Wie Gott die Stammväter feines Volkes und dieses Volk selbst in den verschiedensten Phasen ihrer Geschichte um Mitternacht aus stacht, Dunkel und Gefahr errettete und in dieser Zeit der tiefsten Finsterniß ihre Feinde überwand und zerschmetterte. Wie der Mitternachtswind den Saiten der Harfe Töne des Wohllauts entlockte, so bewegte die Erinnerung an die Großthaten der Mitternachtsstunde das Gemüth des königlichen Sängers zu tief empfundenem Lieo. Wer ist unter Israels Söhnen und Töchtern, in denen die Mitternachtsstunde des fünfzehnten Nisan nicht die Wunderthaten des Schöpfers wachruft? Da werden sie lebendig vor unserem geistigen Äuge, die Väter und Mütter im alten Aegypten, wie sie reisefertig mit dem Wanderstab in der Hand die letzte Gottbesohlene Mahlz it im Sklavenlande!>astig einnahmen. Die Befreiung, die sie Jahrhunderte vergebens erhofften, ein einziger Moment, gerade der Augenblick der Mitternacht, sollte sie ihnen bringen, so stark war ihr Gottvertrauen, daß das Ungewöhnliche, Unglaubliche ihnen als vollkommen sicher erscheint. Und ihre Hoffnung erfüllte sich voll und ganz. Das kleine unmeßbare Zeittheilchen, das gerade die Milte der Nacht bildet, es genügt dem Allmächtigen, um die grausamen Sklavenhalter durch den Tod ihrer Erstgeborenen zu strafen und die Sklavenketten von den Händen und Füßen der sechzig Myriaden hilssloser Männer klirrend zu Boden fallen zu lassen. Von dieser Wunderlhat und von dem, was ihr voranging und folgte, haben wir schon dankerfüllteui Herzens die ganze Nacht hindurch erzählt. Die Mitternachtsstunde, sie bringt es uns erneut zum Bewußtsein, daß bei der Befreiung aus Egypten kein menschlicher Arm mitwirkte, daß dieser Befreiungskampf vom Lenker der Schlachten allein ausg« fochten wurde, zu einer Zeit, wo die Heerschaaren der irdischen Könige krafl- und machtlos aus ihren Lagerstätten ruhen. Doch unser Blick bleibt bei dem Auszuge ans Egypten nicht haften, die ganze wunderbare Geschichte unseres Volkes zieht vor unserem geistigen Auge vorüber. Wir sehen den nächtigen Kamps Abrahams mit den ge» wattigen Besiegern der fünf Könige, wir sehen, wie er sein geraubtes Weib durch ein in der 'Nacht gesprochenes Gotteswort unverletzt wieder erhält. Wir erinnern uns an Jakob, wie Gott ihn mit seiner ganzen Familie aus den Händen Labans durch ein Traumgeficht rettete, als der Gerettete selbst die nahe Gefahr noch nicht ahnte; wir sind Zeugen des nächtlichen Kampfes, den Israel mit dem Engel zu bestehen hatte uno wo der nimmer schlummernde Hüter Israels ihm Rettung und Sieg verleiht. Die strahlende Gestalt des Königs Chiskijahu wird unserem Auge sichtbar, wir sehen ihn an einem Sederabend ihn und ganz Israel, wie sie Angst und Beben Niederkämpfen mußten, um die Jubclpsalmen des Hallel singen zu können. Sie mußten ja fürchten, daß während ihres Gesanges der übermächtige Feind die Mauern Jerusalems erstürmen würde, und daß in wenigen Minuten der Mund der Sänger von erbarmungsloser Feindeshand für immer geschloffen wird. Doch während sie für eine Rettung dankten, die Jahrhunderte hinter ihnen lag, rettete der ewig lebende Gott sie aufs Reue in derselben Sekunde der Mitternacht. Gott sandle feinen Engel und die zahllosen Krieger des Sunherib waren Leichen. Als die Sänger der Nacht am Morgen das Früh-Gebet sprechen wollten, herrschte die Ruhe des Todes im Lager des furchtbaren Feindes. Der stolze Sisrob, der übermüthige Belsazar, eine 'Nachtstunde genügte, um ihren Stolz zu brechen, ihren Uebermuth zu strafen. Wir sehen den Achaschwerosch sich unruhig aus dem Lager wälzen, Gott genügt es den Schlummer vom Auge des Königs zu bannen, um ein ganzes Volk zu retten. Nichts Tröstlicheres gibt es für unser Volk in der dunklen Galuthnacht, als der Rückblick auf seine Geschichte. Gott rettet seine Getreuen, selbst wenn sie eine lange stacht in einer Grube mit blutgierigen Löwen weilen müssen, wir gewinnen die Ueberzeugung. daß die Zeit nahe ist, wo in unserem Geschicke nicht Licht und Schatten wechselt, wo auf den Tag keine 'Nacht mehr folgt, wir flehen zum Höchsten, daß er