Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1897)
- Date
- 1897-04-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448734--43715-2492777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
>»77^-7 .^TSi.’J^^'NKUfcJ^ ,.‘jyi IN' V 552 nebmen, daß auf Grund dieses Gesetzes Hunderte von Eiden geschworen werden. Wenn der Staat mehr Geld braucht, fordert er neue Steuern, wenn er mehr Kriege führen muß, fordert er höhere Blutopfer, und wenn er mehr Wahrheit braucht, fordert er ntehr Eide. In dieser Vermehrung der feierlichen Betheuerungen der Wahrheit erblicken wir noch kein Nebel. A b e r die Vermehrung der Anrufungen Gottes um unerhebl i ch e r Dinge willen i st in unsren Augen ein Nebel. Bei einem Prozesse über ein Glas Bier, bei einer Verletzung der Straßenordnung durch einen Droschkenkutscher wird Gott der Allmächtige und Allwissende angerufen. Man beschränke den Eid auf die Form: „Ich schwöre es". Diese Form ist für den wahrhaft sittlichen Menschen schon etwas Ueberflüssiges, für den Durchschnittsmenschen ist sie ausreichend, um ihm zu Gemüthe zu führen, daß er seine sittliche Pflicht hat, die volle Wahrheit zu sagen; für den leichtfertigen Menschen enthält sie die ernste Verwarnung, daß er sich schweren und entehrenden Strafen aussetzt, wenn er die Unwahrheit sagt. Für den verwahrlosten Menschen aber, selbst wenn er mit seinem christlichen Gewissen prunkt und Wortführer von Parteien gewesen ist, die den christlichen Flamen in ihre Firma ausgenommen haben, ist weder die religiöse noch die konfessionelle Eidesform ein Zwang, die Wahrheit zu sagen. Die Wiedereinführung des sogenannten konfessionellen Eides würde das Nebel, das sie beseitigen soll, vergrößern. Aetlungpnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 80. März. (Jüdischer Arzt.) Die englischen Blätter verkündigen in ihren Berichten aus Indien das Lob des Dr. Waldemar Haffkine in vollen Tönen. Seine Methode, eine weitere Ausbreitung der Pest zu verhindern, habe sich, so heißt es dort, glänzend bewährt. Die „Times" sagt ausdrücklich: „Die Namen von Professor Koch in Berlin und Dr. Waldemar Wotf Mordechai Haffkine werden unvergeßlich bleiben in der Geschichte der Medizin." Wie eine Ironie der Geschichte liest sich nun gegenüber diesen Lobsprüchen die Biographie dieses Mannes. Er ist näm'.ich ein geborener Süvruffe und hat die Universität in Odessa besucht. Als Jude war ihm jede akademische Carriere in seinem lieben Vaterlande verschlossen, und so ging er 1888 als Professor nach Genf. Schon ein Jabr darauf wurde er als Assistent von Pafteur nach Paris berufen. Wenn Rußland heute von dem entsetzlichen Würgengel der Pest in seinen Ländern befreit bleibt, so hat es dies im Wesentlichen den Forschungen und Arbeiten des Dr. Waldemar Mordechai Haffkine zu verdanken, der ein guter Jude geblieben ist und deßhalb sein Vaterland verlassen mußte, weil er dort keine Stelle finden konnte. München, 80. März. Die Baronin Hirsch hat der hiesigen Stadlgemeinde eine Schenkung von 1,200,000 Mark gemacht, deren Zinsen zu wohlthäligen Zwecken verwendet werden sollen. Zweck der Stiftung ist die Unterstützung 1. von hilfsbedürftigen verheiratheten und unverheiratheten Wöchnerinnen, 2. von hilfsbedürftigen Rekonvaleszenten jeder Art. Die Unterstützung hat sich in erster Reihe auf die unter Ziffer 2 genannten Personen zu erstrecken. Der Unterstützung sollen Hilfsbedürftige vorgenannter Klaffen, die sich dauernd in München aufhalten, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses theilhaftig sein, und zwar gleichviel, ob sie sich in Anstalten oder Privatpflege befinden. Die Unterstützung kann erfolgen in Verabreichung von Geldmitteln, in Gewährung von ärztlicher Hilfe, von Arzneien, Bädern und sonstigen Heilmitteln, ferner in Verabreichung von Naturalien jeder Art, als Kleidungs- und Wirthschaftsstücken, Betten, ferner durch Aufnahme und Unterbringung in Rekonvaleszenten- oder sonstigen Anstalten. Endlich sollen die Pfleglinge nach Entlassung aus den Anstalten oder aus der Privatpflege mit den nöthigen Mitteln zur Erlangung einer geschäftlichen oder dienstlichen Existenz versehen werden. Der Stiftungsfonds soll in folgender Weise zur Verwendung kommen. Es sollen verwendet werden: 120,000 Mark zur Herstellung und Ausstattung einer RetonvaleSzentenanstalt in München. So lange nach Anschauung des Magistrats das Bedürfniß zur Errichtung einer selbstständigen Anstalt nicht gegeben erscheint, sind die Zinsen anzusammeln, ferner sind die Renten aus 800,000 Mark für die Unterstützung der Wöchnerinnen und die Renten aus 280,000 Mark für Unterstützung der Rekonvaleszenten zu verwenden. O esterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 8. April. Lueger hat sein Ziel erreicht. Er ist heute vom Wiener Gemeinderathe neuerlich zum Bürgermeister der Reichshauptstadt gewählt worden, und alle Zeichen deuten darauf hin, daß die kaiserliche Bestätigung der Wahl, um welche Gnade der neugewählte Bürgermeister in seiner Antrittsrede in Ergebenheit gebeten hat, ihm diesmal zu Theil werden wird. Es ist seit langer Zeit her bekannt, daß diese Entwickelung der Dinge sowohl seitens des Führers der Wiener Antisemiten als seitens der Regierung genau in derselben Weise in Aussicht genommen war, wie sie sich thatsächlich ereignet hat, und danach ist der Werth der von Dr. Lueger vvrgebrachten Versicherung zu tarireu, daß