Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1897)
- Date
- 1897-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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548 Palästina. Jericho, 20. Adar-scheni. Daß der Kolonisationsgedanke immer größere Fortschritte auch in Jerusalem selbst macht, davon zeugt auch der Anfang einer kleinen Ansiedlung von fünf Juden in der 'Nähe von Jericho, von denen vier aus Jerusalem und einer, ein Zögling der Ackerbauschule Mikweh-Jisroel ist. Diese Fünf haben sich vereinigt, um gemeinsam einen dem Sultan persönlich gehörenden Garten, also Domänenland zu pachten und zu bearbeiten. Der Garten umfaßt 40 Duman, d. h. also ungefähr 15 preußische Morgen und der Pachtvertrag läuft auf fünf Jahre. Sie bebauen und bearbeiten den Garten mir eigenen Mitteln und eigener Kraft, während die Bäume von der Verwaltung Sr. Majestät des Sultans und zwar alljährlich 200 Bäume vom zuständigen Mudtr geliefert werden. In den ersten beiden Jahren beträgt der Pachtzins zehn türkische Lira, d. h. 230 Francs, während er in den drei folgenden Jahren auf 15 türkische Lira steigt. Ferner haben die Ansiedler weiteres Domänenland im Umfange von 50 Dunam gleich ca. 180 preußischen Morgen gepachtet, auf dem sie bisher schon Weizen und Gerste gesäet haben und nunmehr auch Sesam (Schumschumin) anbauen werden. Hiervon haben sie nach althergebrachtem Brauche den Chums, d. h. ein Fünftel des Eruteertrages als Abgabe zu entrichten. Das Land ist, wie die ganze Umgegend, außerordentlich fruchtbar, da es aus einem milden und Regen durchlassenden Lehmboden besteht. Dazu kommt, daß der Garten und nicht minder das Ackerland von einer noch auf dem Domänengebiete gelegenen unversiegbaren Quelle aus bequem und gut bewäffert werden kann. Die Leute selbst wohnen zusammen in einem arabischen Hause, für das sie einfache Möbel selbst angefertigt haben. Obwohl die Kolonisten gewiß in mancher Hinsicht wohl noch zu wünschen übrig lassen, so ist doch die Hoffnung gegeben, daß es dem ehemaligen Schüler von Mikweh-Jisroel, der mit ihnen zusammen ist, die Ansiedler allmählich in alle Thätigkeiten eines tüchtigen Landwirths einführen wird. Auch erwartet man als ziemlich wahrscheinlich, daß nach Ablauf des ersten fünfjährigen Pachtvertrages ein neuer Pachttermin auf fünfzehn Jahre festgesetzt werden dürfte. Einstweilen hat der edelmüthige Protektor der Kolonien 300 Francs und das Jaffaer Exekutiv-Komitee der Odeffaer p^as '22N 450 Francs für die Kolonisten zur Beschaffung von Ackergeräthen, Pferden und Aussaat bewilligt. Es ist dies der erste Versuch, auf Domänenlande ein Pachtgut einzurichten, und wenn, wie zu hoffen ist, er wohl gelingt, so ist zu erwarten, daß man in diesem Sinne zu arbeiten fortfährt. — > Vermischtes. 4 Weikersheim Es treibt sich seit längerer Zeit ein Mann in Süddeutschland herum, der unter dein Namen: Jakob Gutmann aus Frauenberg, oder auch als Markus Reis aus Dietkirch die Leute und Kassen beschwindelt. Derselbe ist kein Israelit. Steglitz. Der Inhaber der Schloßsparkasse Hierselbst, wo früher die Antisemiten tagten, hat für die Zukunft seinen Saal den Antisemiten verweigert, wobei der Wirth ausdrücklich erklärt haben soll, daß er jede andere Partei, nur nicht die Antisemiten, aufnehmen würde, da er Rücksicht auf seine Gäste nehmen müsse. Ein Ahlwardt-Blatt erklärt in Folge dessen Steglitz für „durch und durch verjudet". Berlin. Die (Gesellschaft Magine Reim (Verein zu gegenseitigen Hilfe) hielt dieser Tage ihre 03. Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Moritz Mannheimer ab. Sie hat im Jahre 1806 für Unterstützungen ihrer hilfsbedürftigen Mitglieder 14 430 Mark verausgabt, die Wittwen- und Waisenkasse außerdem noch 7 N74 Mark. Das Gesammtvermögen beträgt ungefähr 310 000 Mark Es sind ctwa 70 reue Mitglieder beigetretcn, dagegen 30 verstorben. Feuilleton. Getreu bis in den Tod. lo) Von Maurice Mayorr Erdfahle Bläffe bedeckte das Gesicht des Fremden. Er hatte wohl geglaubt, daß ein polnischer Rabbiner sich durch seine Beleidigung gar nicht verletzt fühlen werde. Ein Blick des unversöhnlichsten Haffes schoß zwischen seinen Wimpern auf den Rabbiner. Dieses Mienenspiel jedoch, das seine wahrhafte Gesinnung verrieth, dauerte nicht lange, schnell zwang er sich zu einem süßen Lächeln, machte eine Verbeugung gegen mich, eine gegen den Rabbiner, und sagte: „Sie haben Recht, hochwürdiger Herr! Es geziemt sich nicht, daß der Diener in solchem Tone zu dem Verwandten seines Herrn redet. Der Nepomuk meint es indeß gar nicht so bös, wie er spricht. Er hat bon coeur, ma fois!, ein großes bon coeur! Gnädiger Herr", fuhr er, zu mir gewendet, fort. „Ich erwarte Ihre Befehle." So ist die Welt und so der Lauf der Dinge. Dem Schutzlosen und Unbemittelten glaubt Jeder einen Fußtritt geben zu dürfen, vor dem Geldsacke beugt und krümmt er gern seinen Rücken. Bei mir brachte die plötzliche Freundlichkeit Nepomuk's die ganz entgegengesetzte Wirkung hervor; sie berührte mich viel unangenehmer, als sein Spott. Ich schlich mich an den Rabbi heran, ergriff seinen Rockschoß und brach in lautes Schluchzen aus. — Von der Thurmuhr erdröhnen soeben zwölf Schläge; auch meine Lampe scheint die vorgerückte Stunde zu wiffen, denn ihre Flamme wird immer kleiner. Ich will also heute die Feder beiseite legen