Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1897)
- Date
- 1897-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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549 -' Vx 1 v >h- ». -t--,y iy-’•■■■ -, -±\ i-r>.,^.,..i.iiy und, wenn ich Zeit finde, morgen mein Tagebuch fortsetzen. „Cholikoff?" murmelte Alfred nachdenklich. „Hat nicht vorhin der Großpapa diesen Namen genannt? Wer hieß doch nur so? — Ach ja, die Gattin seines Bruders? Mein Golk, welches Licht geht mir plötzlich in diesem dunkeln Labyrinth aus?! . . Doch laß' sehen, was das Tagebuch meines Vaters weiter zu berichten weiß!" „Der 3. Tischri 56. . Schüttle nur wehmüthig Dein entlaubtes Haupt, arme Linde; laß' nur Deine Zweige ächzend ihren Schmerz durch die Luft verkünden! Der scharfe Herbstwind ist durch Deine Wipfel gefahren und hat Dir Deine Säfte, Dein Mark geraubt! Doch verzage nicht! . . Der Frühling wird wiedertommen und neues Leben in Deine erstarrten Aefte hauchen; sie werden wiederum grüne, saftige Blätter treiben, deren süßen Duft die heimkehrenden Sängerchöre, die ihr Zelt unter Deinem Laubdache aufschlagen, mit lustigem Trillern besingen werden! Es ist der Tag des Gedalja, den jeder Jude fastend zubringt. Schmerzerfüllten Herzens gedenke auch ich jenes geschichtlichen Vorgangs, wo meinem so tief gedemüthigten Volke durch ruchlose Hände die letzte Stütze geraubt worden ist. Unwillkürlich drängt sich mir die Frage auf, weßhalb mußte mein Volk so viel leiden? Warum winkt ihm noch jetzt nicht der milde Sonnenstrahl der Freiheit, der Ruhe? Die Palme der Tugend und das Diadem der wahren Seelengröße kann nur in einer Schule von Leiden, im Kampfe des Lebens errungen werden. Das Lebensziel meines Volkes ist aber die Adelung der Gesinnung, das Wesen der Reinheit und Heiligkeit, nnd eben deßhalb muß es kämpfen und leiden, um durch den Kampf und die Leiden den Beweis seiner Größe und Dauerhaftigkeit zu geben! . . Aber nun will ich mein Tagebuch fortsetzen; wer weiß, ob ich morgen Zeit dazu finde? Ich stehe vor dem Abiturienten-Examen, und da heißt es rührig sein und mehr als sonst arbeiten. . Unser Rabbiner maß Nepomuk mit einem langen, verächtlichen Blick; dann versetzte er mit Ruhe: „Meinen Sie, daß ich so leichtgläubig bin, mein lieber Freund! Ich werde den armen Knaben selbst zu seinem Oheim führen." Ich küßte die Hand des Rabbi. „Habt Dank für die große Güte!" Auf Nepomuk's Gesicht wechselten jähe Bläffe und Zornesgluth. „Machen Sie mich nicht unglücklich, hochwürdiger Herr! Was wird der gnädige Herr sagen, wenn ich heimkehre, ohne seinen Auftrag ausgeführt zu haben? Wird er mich nicht aus seinen Diensten jagen? — O, hochwürdiger Herr, habt Gnade und Erbarmen mit einem treuen Diener, der sich durch seine Spottlust wenige Augenblicke vergaß. Ich schwöre Ihnen, daß ich dem gnädigen jungen Herrn Alles thun werde, was ich ihm an den Augen absehe!" „Laffen Sie es gut sein! Den Knaben werde ich selber begleiten; seinem Oheim dürfen Sie für den unausgeführten Auftrag jeden Entschuldigungsgrund sagen. Ich werde es Unterlasten, ihm hierüber Aufklärung zu geben." MEin dämonisches Leuchten blitzte in den grauen, stechenden Augen Nepomuk's auf. „Und wann gedenken Hochwürden diese Reise anzutreten?" „Uebermorgen, vielleicht auch einen Tag später." „Wie gütig Sie sind" und zu mir gewendet, fuhr er fort: „Sie werden an dem Diensteifer des vortrefflichen Nepomuk Ihre Freude haben. — Bon jour et au revoir!" Er entfernte sich eiligst. Schon am folgenden Tage traten wir unsere Reise an. Damals gab es noch keine Bahnverbindung nach Petersburg, der ganze Weg mußte zu Wagen zurückgelegt werden, und erst nach mehrtägiger Fahrt verließen wir mit staubigen Kleidern und ermüdeten Gliedern den Wagen, der vor dem palastartigen Hause meines Oheims hielt. Der Spott, mit dem uns Nepomuk empfing, bewies sowohl dem Rabbi, als mir, daß der heuchlerische, kriechende Diener sich in sicherer Position wußte und den Vorsprung, den er durch die feurigen Roste des Oheims gewonnen, zu seinen Gunsten ausgbeutet hatte. „Willkommen, Rebbechen, und auch Sie, Schmuel ben Reb Judel! Ich bin von dem gnädigen Herrn beauftragt. Euch zuerst in ein Bad zu führen, damit nicht die Reste der dritten egyptischen Plage, die Ihr uns als Geschenk mitzubringen die Güte habt, ihren Spaziergang durch unser schönes Palais machen. Ha! ha! ha! Ein vortrefflicher Witz! Welch' guten Humor der Nepomuk hat?" Helle Zornesröthe leuchtete auf dem Angesicht des Rabbi und seine sonst milden Augen schleuderten drohende Blitze auf den höhnisch lächelnden Diener. „Herr!" donnerte er. „Was unterstehen Sie sich? Melden Sie uns sofort bei Ihrem Herrn! Warum stehen Sie noch?" „Nur langsam, langsam, Rebbechen! Der gnädige Herr will Sie ma foi nicht empfangen. Er hat mich beauftragt. Ihnen diese fünfzig Rubel als Geschenk für Ihre Bemühung zu geben." Dabei zog er ein Portefeuille aus der Brusttasche, nahm aus derselben eine Banknote und wollte sie dem Rabbi reichen. „Meiner eifrigen Verwendung," fuhr er höhnisch fort, „haben Sie dieses großmüthige Geschenk zu verdanken; denn ich habe dem gnädigen Herrn Vorstellungen gemacht, wie anstrengend die Reise ist und wie Sie dieselbe nur deßhalb unternahmen, um etwas